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Camp4 Outdoor Academy: Wintertour im Erzgebirge

titelbild wintertour

Meine bisherigen Touren gingen zwar schon des Öfteren in den Norden, aber immer im Sommer. Was schon mal die eine oder andere kühlere Nacht und auch ein paar Schneefelder mit sich brachte. Aber immer, wenn etwas mehr Schnee im Spiel war, ging ich respektvoll zurück. Trotzdem und gerade deswegen musste ich nicht einmal eine Zehntelsekunde lang überlegen, als mich Enrico fragte, ob ich mit auf die Wintertour möchte. Natürlich!

Am Tag zuvor stand ich dann vor einem ganzen Stapel Klamotten und Ausrüstung und überlegte bei jedem einzelnen Teil, ob ich das gebrauchen konnte oder nicht. Tja, wie genau geht denn nun Winter? Thermohose, Softshell oder doch lieber Regenhose? Wie warm wird mir, wenn ich mich mit Schneeschuhen durch den Schnee arbeite? Wie nass kann man überhaupt werden auf Wintertour? Sind zwei paar dünnere Socken genauso warm wie ein paar dicke Socken? Wie, ich brauche einen Thermobehälter u n d eine Thermoskanne? Die sind doch so schwer. Muss ich meine Zahnbürste absägen oder kann ich sie dann gar nicht mehr bedienen mit den dicken Handschuhen. Äh… ich habe gar keine dicken Handschuhe.

Die Tipps der anderen waren sehr hilfreich, aber irgendwie auch etwas irritierend. Ich brauche den Boden einer Kuchenform? Ich muss meine Schuhe mit in den Schlafsack nehmen, wo ich den doch um alles in der Welt trocken halten will? Sitzkeks? Teppich? Hausschuhe? Darüber hinaus trieb mich die Frage um, wie viele Powermüsliriegel ich wohl brauchen würde, um nicht kraftlos im tiefen Winterwald „zu stranden“. Immerhin stand auf der Packliste irgendwas von Mittagssuppe. Sonst teilten wir uns an den Höhepunkten unserer Wandertage immer gemeinsam einen Müsliriegel. Worauf hatte ich mich da nur eingelassen? Der Vorteil war, ich durfte all diese Fragen laut stellen. Na gut, die letzte habe ich vorsichtshalber doch nur ganz leise gedacht.

Dann aber! Das Wetter spielte mit. Es schneite ordentlich im Erzgebirge und wir starteten am Sonntagmorgen zu fünft Richtung Oberwiesental. Dort angekommen gestaltete sich schon das Anziehen der Gamaschen und Schneeschuhe, das Zusammenbauen der Pulkas und die Wahl der richtigen Startklamotten als eine kleinere Herausforderung. Aber vor allem wuchs meine Vorfreude noch einmal, denn wir standen bis zu den Knien in unberührtem Schnee. Besonders interessant waren für mich dann aber die ersten Schritte mit den Schneeschuhen. Es fühlte sich, ehrlich gesagt, an wie Laufen lernen. Das sollte ich jetzt drei Tage lang durchhalten? Dabei fiel mir siedend heiß ein, dass ich die Erste-Hilfe-Tasche wegrationalisiert hatte. Nun gut, warm war mir also schon mal.

gruppenbild wandern 2

So, aber was habe ich nun gelernt bei der Winter-Academy-Tour?

Wintertage sind kürzer als Sommertage. Gut, das war jetzt nicht die Entdeckung. Aber was mich sehr beeindruckt hat, war, wie viel Zeit wir für den Aufbau der Zelte brauchten im Vergleich zur sonstigen Sommerzeltaufbauchoreographie. Die richtige Zeltstelle suchen, Schnee verdichten (dabei bloß nicht zu früh auf die Zeltfläche treten), mit der Schneeschaufel und ohne Wasserwaage die Ebene ebnen (damit wir dann nicht an die Innenwand des Zeltes kullern und die Daunenschlafsäcke nass werden), Schneeheringe setzen (ach, so geht das), Schnee auf die Schneelaschen schaufeln, Apsidengrube ausheben, Zeltteppich (!) ausrollen, Isomatten besser mit Pumpsack aufpumpen…

zeltaufbau

Im Tipi baute Joh seinen Ofen auf. Und holte Holz aus der Pulka. Was ein Glück war, denn es war, mal abgesehen vom wunderbar nächtlichen Leuchten des Schnees, schon lange dunkel. Da verstand ich dann auch, wieso es den kleinen Snack und den warmen Tee schon v o r dem Zeltaufbau gab.

joh

Der gemeinsame Abend im Zelt war dann sehr gemütlich. Wir konnten die Gamaschen und Schuhe trocknen, uns wärmen und vor allem ins Feuer starren. Und wir widmeten uns dem ausführlichen Vergleich zwischen Trekking-Fertig-Nahrung (danke, liebe Janice, die Chiligryte war wirklich sehr lecker) und Eigenkreationen (für Rezepte bitte vertrauensvoll an Luise und Simon wenden, ich weiß nur noch, dass ganz viel Kartoffelbrei mit im Spiel war und dass Luise etwas länger für ihr Abendessen brauchte, dafür dann aber auch sehr satt war). Am Ende des ersten Abends wusste ich dann auch, wofür ein Springformboden (!) nützlich sein kann und dass der Fußboden im Kochtopf verschwinden kann. Und vor allem, wie ich meinen vor einigen Jahren gekauften Benzinkocher bediene, ohne dass mir die Nachbarn danach direkt ins Wohnzimmer schauen können.

sternenhimmel

Am nächsten Morgen lief nach der Müsliverkostung und dem Auffüllen der Thermoskannen und -behälter (!) der ganze Aufbau wieder rückwärts als Abbau ab. Für mich war all der Schnee dabei leider immer noch potentielles Wasser und so versuchte ich beim Packen all mein Zeug auf den Rucksack oder den Sitzkeks (!) zu legen. Wobei ich den Rucksack ja eigentlich auch nicht in den Schnee stellen wollte. So wurde das Rucksackpacken zu einer ganz schön akrobatischen Geschichte. Erst am dritten Tag wurde ich etwas gelassener und legte meine Sachen direkt in das Wasser unter dem Gefrierpunkt und schüttelte es als Schnee einfach wieder ab.

pausenbild

Der zweite Wintertag war noch schöner als der erste. Das lag zum einen an meinem leicht verbesserten Laufstil, denn ich latschte mir jetzt nur noch alle paar Meter auf den eigenen Schneeschuh. Darüber hinaus schaffte ich es doch tatsächlich endlich, längere Strecken auch mit beiden Trekkingstöcken gleichzeitig zu laufen, ohne dabei extrem unrhythmisch zu werden. Daran arbeitete ich seit 2006.

bjoern und katrin

Um mit dem „jungen Gemüse“ (Zitat Björn) Schritt halten zu können, bzw. sie im Nebel nicht ganz aus den Augen zu verlieren, musste ich allerdings meine sonst übliche Schrittfrequenz etwas (mehr) erhöhen. Leider war der stille, weiße Winterwald dadurch nicht mehr ganz so still… ratsch, ratsch, ratsch, ratsch… Und die Anzahl meiner Reisefotos blieb sehr überschaubar. Aber all die Eindrücke sind ja eh´ tief im Herzen verankert.

Am zweiten Abend wussten wir schon etwas besser, wo beim Aufbau die Eingänge des Zeltes liegen müssten. Und das mit den Schneeheringen klappte eigentlich auch ganz gut.

simon und luise

Aber das Lernmodul Holzbeschaffung sorgte dann wieder dafür, dass es stockdunkel war, als das Feuer endlich brannte. Die erste Nacht war leicht fröstelig gewesen, obwohl mein Schlafsack nur leicht klamm und mit seiner Komforttemperatur eigentlich auf -10 °C angelegt war. In dieser Nacht zog ich mir daher kurzerhand auch noch meine Daunenjacke an. Das wollte ich schon immer mal so machen. Und nur der Vollständigkeit halber: meine zwei Paar Socken waren ebenfalls schön warm, die Wanderstiefel hatte ich nicht mit im Schlafsack, beim Zähneputzen habe ich mal schnell auf ultra-ultraleicht gemacht, indem ich die gesamte Zahnbürste verschwinden ließ, und die Downbooties waren traumhaft, besonders weil man mit ihnen auch vor die Tür gehen konnte.

Am dritten Tag ging es dann noch einmal durch unberührten und wunderschön knirschenden Tiefschnee. Und auf geräumten Wegen bergab. Und die Zeit verging viel zu schnell. Und der Himmel hinter dem Nebel war immer noch blau.

gruppenbild wandern

Zum Schluss noch ein ganz klein wenig Tour-Statistik:

Joh: Genau vier zufriedene Winterneulinge.

Björn: Einige Servicefälle to go (undichte Dichtungen, nicht gefettete Pumpen, verlorene Schneeschuhnieten, nicht ganz der Bedienungsanleitung entsprechende Bedienung von Trekkingstöcken usw.). Ansonsten klärte Björn das Schneeschuhlaufstildilemma übrigens ganz einfach – er ließ einen Schneeschuh einfach links liegen.

Luise: Mindestens drei verschluckte Flummis.

Simon: Gefühlt zehn verschiedene Geschmacksrichtungen bei insgesamt vier warmen Mahlzeiten.

Katrin: Fünf unfreiwillige Kniefälle und drei fast freiwillige Vollbäder im Schnee.

Fazit: Ich kann vielleicht auch Winter. Zumindest habe ich erfahren dürfen, wie wunderschön eine Wintertour ist. Man braucht halt von allem irgendwie eine Schicht und/oder Kelle mehr.

Einziges Manko: Irgendwie wären Polarlichter ganz schön gewesen.

 


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