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Wildnis fernab der Touristenströme

Sonne und Wolken. Alle Bilder: Henning LassenLetztes Jahr ging es im August für 16 Tage zum Trekking in den zentralen Teil der wunderbar wilden Hochgebirgslandschaft der Pyrenäen. Fernab der Touristenmassen folgten meine Reisegefährtin und ich auf teils weglosen Passagen dem HRP (Haute randonnée pyrénéenne) entlang des Hauptkamms der Pyrenäen. Wie erhofft entpuppte sich die Tour für uns zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Jeder Trekking-Begeisterte stellt sich bei der Planung der nächsten Tour wohl immer die gleiche zentrale Frage, nämlich die des Reiseziels. Versucht man dafür ein möglichst wildes Hochgebirge mit einem minimalistischen Budget zu verbinden, dann fallen die Pyrenäen als logischer Schluss ins Auge.

Diese reinrassige Hochgebirgslandschaft bleibt bisher (bis auf einige Ausnahmen) vom alpinen Massentourismus verschon. Im Gegensatz zu den Alpen findet man hier eine ausgedehnte Wildnis vor, in der sogar Braunbären und Wölfe beheimatet sind. Noch dazu ist wildes Zelten hier möglich; das macht für mich einen großen Reiz jeder Trekkingtour aus. Also, auf in die Pyrenäen!

Ultralight – Diese Vorbereitungen zahlen sich aus!

Das Ende meines Studiums gab mir die Möglichkeit unsere Tour lange im Voraus zu planen; dazu gehörten eigens erstellte und damit auch gewichtsoptimierte Wanderkarten. Sowieso spielte das Ausrüstungsgewicht für uns eine große Rolle; Ultralight ist das Ziel!

Nachdem ich meinen lächerlich schweren Vorjahres-Trekkingrucksack (2,7kg) durch einen Gossamer-Gear Mariposa (0,75kg) ersetzt hatte, wurden im vornherein auch fast alle anderen Ausrüstungsgegenstände durch leichtere Äquivalente ausgetauscht. Dadurch wurde das Rucksackgewicht dann auch bei Verpflegungsrationen für eine Woche auf akzeptable Größen reduziert.

Die von uns geplante Route wies eine hervorragende Verkehrsanbindung auf; morgens früh um 7 Uhr fielen wir regelrecht aus dem Pariser Nachtzug auf den HRP in L’Hospitalet-pres-l’Andorre. 15000 Höhenmeter hinauf und wieder hinunter am Ende der Tour im 215km entfernten Bagnères-de-Luchon bestand ebenfalls die geschätzte Nachtzuganbindung an Paris.

Weglos durchs Hochgebirge – Falls der HRP mal zu lässig erscheint

Die ersten Tagesetappen sollten uns an der nördlichen Grenze von Andorra entlangführen; der HRP verläuft dabei südlich der Grenze. Abgeschreckt durch negativ-Berichte über die Touri-Dichte in Andorra, fasste ich den Entschluss unsere Route auf alte Ziegenpfade nördlich der Grenze nach Frankreich zu verlegen. Dieses größtenteils weglose Gelände bezauberte uns mit seiner unberührten Wildnis; tagelang sahen wir keine Menschenseele.

Allerdings führte uns die Weglosigkeit auch an unsere physischen und psychischen Grenzen. Lächerlich anmutende grasbewachsene Pässe entpuppten sich als echte Belastungstests; endlos erscheinende Blockfelder in der nicht enden wollenden Wolken-Waschküche stellten eine ernstzunehmende navigatorische Herausforderung dar und selbst eine friedliche Herde Kühe verwandelte sich in eine rasende Verfolgergruppe.

Der absolute Höhepunkt jedoch sollte der Abstieg durch den Crête d’Arial werden, ein maximal steiler, mit scharfkantigem Schutt gefüllter Felsdurchbruch. Ein bezeichnender Kommentar den ich dazu im Internet gelesen hatte: „Gut machbar, ab und zu mal die Hände benutzen.“ Dementsprechend wurde jegliche nahezu unmögliche Situation im Folgenden von uns nur noch mit „gut machbar“ abgetan.

Als wir dann am 4. Tag wieder auf dem HRP ankamen, waren die autobahnähnlichen Wanderwegszustände natürlich eine willkommene Abwechslung. Dabei ist der HRP alles andere als eine Rollstuhlgerechte asphaltierte Piste, sondern eher eine Aneinanderreihung von unmarkierten Wegfragmenten mit „gut machbaren“ Aspekten; für uns jedoch willkommene Abwechslung. Die bewirtschafteten Hütten die wir passierten wurden natürlich als unmögliche Luxuspaläste belächelt; übernachtet wurde nur im Zelt.

Am 6. Tag überschritten wir dann nördlich des höchsten Gipfels von Katalonien (Pica d’Estats – 3143m) die Grenze nach Spanien; damit rückte dann der erste Verpflegungs-Stopp in greifbare Nähe. Bevor wir jedoch das kleine katalonische Bergdörfchen Tavascan erreichten, führte uns der HRP durch ein kleines, geradezu märchenhaftes Tal voller fein gezeichneter Felsformationen, üppiger Vegetation und zahllosen plätschernden Bächlein; Wunderbar! Sehr bezeichnend für die Pyrenäen; hinter jedem Felsen lassen sich immer neue Natur-Schönheiten entdecken.

Katalonische Küche und Viehgitter-Hunde-Duelle

Der Abstieg nach Tavascan führt auf Schotterstraßen über einige Viehgitter-Rollensysteme durch ein nettes Naherholungsgebiet für die etwas bewegungsfauleren Touris. Diese bringen natürlich auch so einiges an Hunden mit auf ihre Picknick-Spaziergänge; das führte zu großer Situationskomik, die wir im Vorbeigehen bestaunen durften. Wie wir seitdem wissen, führt der Überquerungsversuch eines Hundes über eines der Viehgitter zu grandiosem Scheitern; selbst der Transportversuch durch das Herrchen bietet grotesk anmutende Szenen.

Nach den vorangegangenen entbehrungsreichen Tagen gönnten wir uns in einem von Tavascans netten Restaurants ein 3-Gänge Menü mit rauen Mengen des obligatorischen Landweins. Hervorragend! Die Katalonische Küche überzeugte auch trotz der selbstredenden Folge-Übelkeit auf ganzer Linie; dazu kommt dann noch die unglaubliche Gastfreundlichkeit der Katalonen.

Vom HRP auf den GR11 – Das ist zu viel des Guten!

Die Schneeverhältnisse des bevorstehenden HRP-Passes bewegten uns im folgenden Abschnitt dazu einen Abstecher auf dem GR11, den großen, gut markiertem Weitwanderweg der spanischen Pyrenäen, zu unternehmen. So bot sich dann auch die Möglichkeit den berühmten Aigüestortes i Estany de Sant Maurici Nationalpark zu durchwandern.

Das GR11-Stück stellte sich leider als Enttäuschung heraus, jedenfalls was unsere Wander-Bedürfnisse anbelangt. Technisch gesehen hatte die Passage nichts mit Hochgebirge zu tun; auch die Wildnis war kultivierten Flächen gewichen.

Wir konnten jedoch einen interessanten Einblick in die Folgen der spanischen Finanzkrise erlangen; unser Weg führte uns durch ein halb verfallenes Geisterdorf, welches fast mit einer traumhaften Serpentinen-Straße mit den Nachbardörfern im Tal verbunden war.

Aber auch nur fast, denn die neue und sicherlich teure Zufahrtsstraße endete ca. 200m vor dem Dorf abrupt im nirgendwo. Vielleicht lag es aber auch an dem einzigen Dorfbewohner; ein alter verrückter Pyrenäen-Ureinwohner wie es schien, der mit seinem Gebrüll das ganze Tal zum Hallen brachte.

Aigüestortes-Wahnsinn

Nach dem sehr touristischen Dörfchen Espot betraten wir dann den Aigüestortes-Nationalpark. Berühmt für seine fast nordamerikanische Urwüchsigkeit konnte der Park eigentlich nicht enttäuschen. Falsch gedacht! Die Natur zeigt sich von ihrer besten Seite, der Park ist wirklich wunderschön; gespickt mit kleinen Seen zwischen bizarren Felsformationen umgeben von Nadelgewächsen.

Problematisch sind nur die Tourimassen, insbesondere deren Fortbewegungsmittel. Der Park verfügt über ein ausgedehntes Netzwerk von halsbrecherischen Schotterpisten; diese werden gefühlt im Sekundentakt von brüllenden, rauchenden und stinkenden Geländewagen befahren, welche die Menschenmassen zu ihren Zielen verfrachten.

Dadurch herrscht weder Ruhe, noch kann die Luft mit Frische überzeugen; traurig für so eine Naturschönheit. Außerdem ist es im Aigüestortes als einzigem Ort der Pyrenäen untersagt wild zu Zelten.

Vielzweck-Zeltplätze

Zurück auf dem HRP und jenseits der Aigüestortes-Grenzen zeigten sich die Pyrenäen wieder von ihrer gewohnten Seite: traumhafte Wildnis gepaart mit Menschenleere. Selbst ein erneuter Umweg über den diesmal wirklich schönen GR11 aufgrund von Schneeverhältnissen, konnte die Wanderfreude nicht trüben.

Einer unserer Zeltplätze lag auf einer kleinen sehr ebenen Grünfläche direkt unterhalb des höchsten Gipfels des Maladeta-Massives; dem Aneto mit seinen stattlichen 3404m. Als höchster Gipfel der Pyrenäen zieht seine technisch einfache Zustiegsroute die Bergwanderer in Scharen an.

An diesem Abend konnten wir mehrere Hubschrauberflüge der Bergrettung zum Gipfel beobachten; aber das erschien uns nicht als ungewöhnlich. Erst als der Rettungshubschrauber früh morgens mehrfach direkt neben unseren halb-vereisten Zelten landete, fühlten wir uns schon enorm in unserer Ruhe gestört. Wir nahmen also zügig reißaus und überließen die Bergretter ihren Tätigkeiten.

Sehen und gesehen werden, das pompöse Benasque …

Unsere letzte verproviantierungs-Zwischenstation führte uns nach Benasque, der Touristenhochburg am Fuße des Maladeta-Massives. Dort lässt sich erstaunliches beobachten; jeder Einzelne der in Scharen anzutreffenden Bergwander-Touristen ist lächerlich overequipped.

Anscheinend lässt es sich nicht gut ohne C-Wanderstiefel flanieren; Eispickel und Steigeisen gehören hier zum guten Umgangston. Aber das Bemerkenswertenste ist die verbreitete Beinbekleidung; jeder trägt schwere Wanderhosen mit Patches in Form von Textil-Verstärkung an Knie und Hintern.

Der Grundstoff und der Patches-Stoff sind dabei in verschieden Farben gehalten; alles was der Regenbogen so her gibt. Wenn das die ausgeh-Garderobe für das trubelige Benasque ist, wie sieht denn dann die passende Outdoorbekleidung beim Wandern aus? Nach einer überragenden Mahlzeit verzogen wir uns also schnell wieder; unsere zurückhaltende Ultralight-Ausrüstung schien hier nicht erwünscht zu sein.

Es neigt sich dem Ende

Die letzten zwei Tage bis nach Bagnères-de-Luchon führten uns über einen Pass mit spektakulärer Aussicht auf den Aneto-Gletscher; danach gewöhnten wir uns in Frankreich angekommen so langsam wieder an die Einflüsse der Zivilisation.

Nach 16 Tagen unterwegs im Gebirge, jeder Nacht davon im Zelt und mit spartanischer Speise, lockte nun der Heimweg, insbesondere der Zwischenstopp in Paris. Trotzdem begann noch am selben Tag die Vorfreude auf die Fortsetzung unserer HRP-Tour; welche dieses Jahr stattfinden wird.

An dieser Stelle spreche ich nun eine ausdrückliche Empfehlung für alle Trekkingbegeisterten aus: Bewandert den HRP! Es muss nicht immer ein Thru-Hike sein; es lassen sich traumhafte Abschnitte im reinen Hochgebirge für mehrere Wochen planen. Viel anspruchsvoller und schöner werden Weitwanderungen sicherlich nicht.


3 Antworten auf Wildnis fernab der Touristenströme

  1. Thomas says:

    Hallo Henning,

    sehr schöne Tour!

    Bin seit mehreren Jahren auch auf dem HRP unterwegs. Überlege, ob ich im Sommer die komplette Route vom Mittelmeer in Richtung Atlantik gehe.

    Touristenmassen habe ich in Andorra auf dem HRP noch nicht gesehen. Ganz punktuell an gut erreichbaren Bergen noch am ehesten.

    Deine Alternativroute interessiert mich aber sehr. Ich würde diesmal auch gerne auf der französischen Seite bleiben. Habe versucht, eure Route über die Crête d’Arial nachzuvollziehen, aber mir ist nicht wirklich klar geworden, wo die ist. Ist das eine weglose Überschreitung des Font Blanca oder Pic d’Arial von Frankreich nach Andorra?

    In meinen Karten (Rando, andorra – cadi 1:50000) sind um die beiden Gipfel keine Routen verzeichnet. Ich weiß, dass die Karte nicht so gut und gerade in Andorra ein paar schwerwiegende Fehler aufweist. Welche Karten habt ihr denn dort benutzt?

    Ich musste übrigens miterleben, wie jemand auf einem steilen Schneefeld unter dem Col Mulleres über mindestens 100m abgeschmiert ist. Seit dem sind auch bei mir Steigeisen und Pickel mit dabei, wenn auf den hohen Pässen noch viel Schnee zu erwarten ist.

    Beste Grüße,
    Thomas

  2. Susanne says:

    Hi Henning,

    danke für dein Bericht!
    Wir werden in Juli die ganze Strecke wandern. Hast du tips für gps per Handy? Ich bin jetzt auf Viewranger getippt, bin aber noch ein wenig kritisch…

    Wäre nett wenn du was weißt.

    Danke und Happy Trails!

    LG Susanne (NL)

  3. SvenFreiburg says:

    Danke für den schönen Bericht!

    Dieses Jahr starten wir am 20.08. zum 2. mal nach letzem Sommer (18 Tage – Banjul sur mer bis Auzat) von Auzat gen Nordwesten auf den HRP.

    Die Vorfreude ist groß.

    Wegen GPS:
    Die kostenlose Android App Oruxmaps ist sehr gut, dazu kostenlose Openandromaps Karten, auf denen Höhenlinien und Wanderwege (auch GR10, GR11 und HRP eingezeichnet sind) und dazu die Höhendaten laden und man ist sehr gut versorgt. + Ein Nachladeakku mitnehmen für 20-30 Euro. Allerdings muiss man sich mit Zeit etwas einarbeiten!
    Dennoch würde ich nie ganz auf Papierkarten verzichten! Gerade ging meine MicroSpeicherkarte im Smartphone einfach so kaputt…

    Grüße
    Sven aus Freiburg

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