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Medizin Praktikum in Nepal – der andere Reisebericht

Varanasi bei sonnenaufgang, der Ganges hat extremes hochwasser_w
Meine Augen sind geöffnet, blicken durch den Spalt, den der zugezogene Schlafsack bildet, es ist immer noch dunkel, aber eine innere Spannung und Vorfreude hat mich verfrüht aufwachen lassen. Durch ein Fenster der kleinen Steinhütte ist ein wenig Helligkeit zu erahnen, Mondlicht wird vom Schnee der Bergkämme reflektiert, der Wind erzeugt Melodien in den vielen Ritzen der Wände.

Schließlich setzt die Dämmerung ein, das Zeichen zum Aufbruch, der Beginn des nächsten Abenteuers. Ich verlasse den warmen sicheren Schlafsack, lege weitere Kleidungsschichten an und beginne die letzten vier energiehaltigen Schokoriegel auf einmal zu vernichten. Sebastian ist auch wach. Noch ein letzter Tee mit Elektrolytlösung und wir verlassen mit dem ersten Licht die Hütte der Familie, die uns in den letzten Tagen einen Schlafplatz und etwas zu Essen gegeben hat.

Angezogen von Kulturschock und Chaos
Um dem Alltag und der Einschränkung der Feriengestaltung durch das deutsche Pflegepraktikum im Medizinstudium zu entkommen, fassten Sebastian und ich den Entschluss, diesen Sommer den lange gehegten Plan einer Asienreise umzusetzen und das verpflichtende einmonatige Praktikum einfach in Nepal abzuleisten. Bereits neun Tage vor Sebastian flog ich über Delhi in den Norden Indiens, nach Kashmir, wo ich schnell anderen Rucksackreisenden begegnete und in die faszinierende und lebhafte Welt der dortigen Bevölkerung eintauchen konnte.

All diese neuen Eindrücke, die andere mit Kulturschock und Chaos bezeichnen würden, zogen mich unglaublich an. Ich erkannte schnell, dass ein Rucksack mit den nötigsten Dingen, gute Schuhe und meine Kamera alles waren, um diesen Moment des Lebens vollkommen auszuschöpfen. So machte ich erste Erfahrungen beim Trekken im Himalaya, genoss die wundervolle Natur, gewöhnte mich an das schnelle Leben der Bevölkerung, erlebte das Leid vieler Menschen hautnah, war viele Male verärgert über die Aufdringlichkeit der Menschen aber auch erfreut über spontane Begegnungen und Freundschaften.

Lücke im Strauchwerk
Obwohl ich in den vergangenen Tagen die Route durch die Sicht von anderen Bergen, einen zufällig erstandenen Reisebericht und Beschreibungen der Dorfbewohner durchgespielt habe, ist es schwierig den Einstieg zu finden. Selten wählen Einheimische und Trekker diesen Weg und so ist zunächst kein Pfad erkennbar, bis wir eine Lücke im Strauchwerk ausmachten. Steil und schnell führt der Weg durch die letzten Rhododendronbüsche und Birken bergauf, die nur hier auf der Schattenseite des Berges noch in dieser Höhe spärlich gedeihen können.

Wir passierten verfallene Mauern von im Sommer genutzten Hirtenhütten, immer bestrebt die richtige Route nicht zu verlieren, denn einen Pfad gibt es nicht mehr. Anhaltspunkt sind lediglich ab und an Steinmännchen. Auf lange Geröllfelder folgen steile Abhänge und Abschnitte, die wir auf Händen und Füßen kletternd überwunden. Immer wieder drehte ich mich um, schoss Fotos vom atemberaubenden Panorama, gleichzeitig ist aber auch Eile geboten, da erste Wolken aufziehen, die später den Blick einschränkten.

Neue Freunde in Varanasi
Zurück in Delhi traf ich schließlich Sebastian und wir reisten nach einem Tag Aufenthalt weiter nach Varanasi. Viele beschreiben Varanasi als ein „Mekka für Hindus“. Das Stadtbild der am heiligen Fluss Ganges gelegenen Stadt ist von hinduistischen Tempeln und Schreinen geprägt. Schnell bemerkten wir den Unterschied, den der hohe hinduistische Bevölkerungsteil ausmacht, die Menschen waren entgegenkommender, hilfsbereiter und lebensfroher.

Bereits am ersten Tag trafen wir den 19-jährigen Amil, der uns von da an gern begleitete und uns die Schönheit der kleinen Gassen zwischen hunderten Tempeln, Badestellen und dem großen heiligen Feuer zeigte, das bereits seit über 1500 Jahren brennt. Jeden Abend konnten wir Zeremonien beobachten, in denen Verstorbene eingehüllt in ein Blütenmeer zunächst heiliges Wasser in den Mund geschöpft bekamen und schließlich in diesem Feuer verbrannt wurden.

Tropisch und später bergig
Mit einem letzten gemeinsamen Bier verabschiedeten wir uns von Amil und seinen Freunden und brachen Richtung Nepal auf. Der zunächst unglaublich verspätete Zug und ein Bus brachten uns weiter zur Nepalesischen Grenze, wo innerhalb von 10 Minuten ein Visum gelöst und ein weiterer kleiner Bus nach Kathmandu gewählt werden konnten. Die neun Stunden Fahrt stellten sich dabei als gleichermaßen aufregend und anstrengend heraus:

Wege voller Schlaglöcher, die durch unsere Abweichung von der Nepalidurchschnittskörpergröße einige Blutergüsse nach sich zogen, ein trotzdem unglaublich schneller Fahrer und Nepalesische Musik aus kleinen Lautsprechern standen in Kontrast zu den faszinierenden Ausblicken auf die zunächst tropische und später bergige Landschaft. Aber genau diese Kombination machte das Erlebnis so unvergesslich, sodass wir diese Art zu reisen in der Zukunft vorzogen.

Dem Ehrgeiz waren keine Grenzen gesetzt
Nach zwei Stunden erreichten wir den steilsten Anstieg vor der Schneegrenze und arbeiteten uns in Serpentinen Meter für Meter bergauf. Mittlerweile war mein Ehrgeiz noch stärker geweckt, an der Leistungsgrenze wird weiter gestiegen, mehr Wolken kommen nach, die Höhe macht sich bemerkbar, das Ziel scheint so nah…

Es setzte ein vom Gletscher geformtes Geröllfeld ein, das den steilen Anstieg abschließt und die Schneegrenze markiert. Eine Wegmarkierung war schon lange nicht zu sehen aber nun lies sich das Ende, der über 5200 Meter hoch gelegenen Passes zwischen 2 Gipfeln erahnen. So kletterten wir weiter durch das Geröllfeld, das sich aus mehr als mannsgroßen Gesteinsbrocken zusammensetzt. Um diese Uhrzeit ist der Schnee noch gefroren, was die Gefahr einschränkt einzubrechen. Zu Beginn der Schneezone noch unglaublich motiviert wird mir schnell klar, dass der eigentliche Weg uns noch bevorsteht.

Arbeitsbeginn im Krankenhaus
In Kathmandu lernten wir andere Volunteers und die jungen Organisatoren des Mountain Fund kennen und fühlten uns in ihrem Haus sofort wohl. Nach einem ersten Sightseeing-Tag begann die Arbeit im Krankenhaus und schnell wurde klar, dass hier alles anders ist. Das für arme Menschen mit wenig finanziellen Mitteln im krankenversicherungsfreien Nepal gegründete Krankenhaus war von außen als solches nur durch ein großes Schild mit der Aufschrift „Hospital“ zu erkennen und der Warteraum im Innenhof (mit Motorrad-Drive-Through!) sowie die eher an einen Keller aus Betonbauteilen erinnernden Behandlungsräume ließen uns zunächst staunen.

Mit wenig viel erreichen
Trotz geringer medizinischer Ausstattung und wenig Medikamentenauswahl wurden dort etwa 70 Menschen versorgt. Die vielen jungen Ärzte gingen oft an ihre Grenzen, behandelten die Patienten aber so gut, dass man das Krankenhaus sogar in Deutschland kannte. Wir schlossen uns zunächst einigen jungen Ärzten in der Notfallaufnahme an, mit denen wir über die gesamte Zeit viel Spaß hatten.

Neue Krankheiten
Nicht nur das Erscheinungsbild des Krankenhauses war vollkommen neu, auch die Patienten und ihre Krankheiten waren für Nepal typisch von anderer Ausprägung als in Europa. So dominieren dort vor allem COPD (aufgrund der rekordverdächtig schlechten Luft in Kathmandu) und schwere gastrointestinale Erkrankungen und nicht selten erlebt man auch ausgefallene Selbstmordversuche.

Eigenartige Selbstmordversuche
Gleich am ersten Tag wurde ein bildhübsches Mädchen zu uns gebracht, vollkommen apathisch, sie hatte Rattengift geschluckt. Der Arzt begann mit dem Magenauspumpen und ließ mich direkt assistieren, bald jedoch wurde er an einer anderen Stelle gebraucht und so führte ich die Behandlung allein fort. Erster Tag, ein Leben gerettet. Aufregender und lehrreicher könnte es nicht sein. Wie wir später erfuhren hatte das junge Mädchen ein Beziehungsende nicht verkraftet. Unglaublich.

Geh an deine Grenzen
Der tiefe mittlerweile angetaute Schnee, das häufige Wegrutschen und Einbrechen bis zum Oberschenkel, jedes Gramm des Rucksacks und die Einsicht, dass das Ziel nur nah erschien wirken sich auf die Motivation aus. Es wird noch steiler, im 40° Winkel steigen wir Serpentinen bildend den mit tiefem Schnee bedeckten Hang hinauf.

In meinem ganzen Leben habe ich nicht solche Strapazen erlebt. Fünf Schritte steigen. Pause. Tief atmen für fünf Sekunden. Wieder fünf Schritte. Wieder Pause. Die Atemfrequenz steigert sich auf einen vollständigen Atemzug pro Schritt. Immer wieder rutsche ich weg, breche ein, setze nach und verliere so viel Kraft. Das Ziel ist längst aus den Augen verloren. Man denkt nicht mehr, vielmehr beginnt man zu träumen, sich zu erinnern an andere schöne Momente, den ersten Anstieg auf 5000 Meter drei Tage zuvor.

Freizeitgestaltung
Neben dem Praktikum versuchten wir die Wochenenden und die freie Zeit so gut wie möglich zu nutzen, um Kathmandu, das Land und die Menschen näher kennen zu lernen. Dabei fuhren wir ein Wochenende nach Pokhara, der zweitgrößten Stadt Nepals, die idyllisch an einem großen See und direkt vor dem Himalayapanorama liegt. Wir machten erste Trekkingerfahrungen im Monsunregen, verstanden mehr und mehr die buddhistische Kultur und bereiteten uns auf die letzten 12 Tage im Himalaya vor.

Nach 30 Tagen Praktikum war es dann schließlich so weit: Mit etwa 40 Nepalesen auf dem Dach eines Busses erreichten wir nach einer Tagesfahrt unser erstes Ziel, das im Lang Tang National Park gelegene Syabru Besi. Von dort führte uns in den nächsten beiden Tagen ein Pfad durch das langgezogene stetig ansteigende Tal bis zur höchstgelegen Siedlung auf fast 4000 Metern. Von 6000ern und 7000ern umgeben, war dies der optimale Ausgangspunkt für mehrere Tagestouren und Berganstiege.

Kampf gegen den eigenen Willen
Ich schaue nicht auf, da es gegen die immense Steigung zu anstrengend ist, höchstens ab und zu mal zurück zu Sebastian, der mir folgt. Wir reden so gut wie gar nicht mehr, jeder scheint in seinen Kampf vertieft zu sein, den Kampf, den der eigene Wille unaufhörlich führt, gegen den Berg, gegen den Körper, gegen das Nachlassen.

Es scheint ein Kampf ohne Ende bis ich nach sehr langer Zeit doch mal nach oben schaue und Endorphine schlagartig meinen Körper fluten. Alle Strapazen sind verschwunden, der Wille triumphiert, der höchste Punkt ist zum Greifen nah, ohne dass ich es bemerkt habe. Wie elektrisiert versuche ich zu laufen, rutsche weg, laufe weiter, komme mit der Atmung nicht nach und erreiche den Kamm, der ein spektakuläres Panorama auf die Tibetische Hochebene bietet. Plötzlich erscheint alles viel langsamer, intensiver, ich drehe mich herum, erfasse mit meinen Augen eine Welt, von der ich nie genug sehen kann, die mich vollkommen in ihren Bann zieht und mich nur für den Moment leben lässt.

Der zwar aufgrund der dünnen Luft (auf 5000 m nur noch 53% Sauerstoff) und der noch fehlenden guten Akklimatisierung wahnsinnig anstrengende erste Anstieg eines knapp 5000 Meter hohen Berges zeigte uns eine Welt, die jede Mühe wert ist. Eine unglaubliche Ruhe bietet sich dem, der den Gipfel erreicht hat, ein wundervolles Naturschauspiel aus Wind und Schnee und ein Gefühl von Freiheit und Unbekümmertheit, das durch nichts zu überbieten ist.

Gut über die Region und die Verhältnisse am Berg informiert fanden wir schnell ein neues und noch herausfordernderes Ziel, einen über 5200 m hoch gelegenen Pass, der ein atemberaubendes Panorama bieten sollte. Um diesen Anstieg gut zu bewältigen bemühten wir uns in den folgenden Tagen, das Tal weiter zu erkunden, den Weg ausfindig zu machen und uns noch besser zu akklimatisieren.

Unverhoffte Leistungssteigerung
Unerwartet schnell passte sich der Körper an die Höhe an, was bereits nach weiteren zwei Tagen zu einer ungeheuren Leistungssteigerung führte. So gelang es uns den Weg zum Pass schließlich als Tagestour umzusetzen. Der sich bietende Blick war einfach unglaublich, die noch am Morgen steil vor uns aufragenden Berge waren nun zu überblicken und näher als je zuvor. Einmal mehr merkte ich, wie sehr mich diese Orte anziehen, wie lange diese Erlebnisse anhalten und wie unbeschreiblich das Gefühl ist, in dieser Höhe über allem anderen zu stehen.

Lachend stehen wir oben, völlig erschöpft, aber an einem Ort, der in meinen Augen nicht zu überbieten ist. Völlige Ruhe, leichter Wind, der Schnee von den Kämmen in weißen Schleiern wegbläst, weiße Wolken unter uns, die das Tal bedecken.

Ich erkenne, dass all die Anstrengung so lohnenswert gewesen ist, besonders der Weg durch den Schnee und der Steilhang, der letztlich fast vier Stunden gedauert hat und den wir ohne Pause auf uns genommen haben, um uns den Blick nicht von den Wolken nehmen zu lassen. Ein Erlebnis, das ich bis ins Detail nie vergessen werde. Leider müssen wir schon bald den Rückweg antreten, um die aufgrund des schnell umschlagenden Wetters vorher festgelegte Zeit nicht zu überschreiten.

Ein würdiger Abschied
Mit diesem Erlebnis war wirklich ein würdiger Abschluss unserer Reise gefunden und so verabschiedeten wir uns von der Familie, bei der wir hoch in den Bergen gelebt hatten und traten auch ein wenig traurig den Rückweg an.

Nach einem letzten Abend mit all den Menschen, die wir über die Zeit in Kathmandu kennen gelernt hatten, zog es uns nach zwei-monatiger Abwesenheit schließlich wieder nach Deutschland zurück.

von Jan Müller


2 Antworten auf Medizin Praktikum in Nepal – der andere Reisebericht

  1. Helene H says:

    Hallo Jan,
    dein Erfahrungsbericht über Nepal und Indien hört sich fantastisch an! Ich möchte auch bald dorthin gehen und gerne einen Teil meines Pflegepratkikums für das Medizinstudium dort absolvieren. Nun meine Frage an dich: Hast du das alles mit einer Organisation gemacht und wenn mich welcher, oder bist du auf eigene Faust losgezogen?
    Ich freue mich sehr auf die bevorstehende Zeit und suche zurzeit eben alle möglichen Anregungen und Tipps zusammen, du würdest mir also total weiterhelfen, wenn du mir ein paar wichtige Punkte nennen könntest:-)
    Vielen Dank schonmal,
    Helene

    • Jan Müller says:

      Sorry, ich hab gerade erst deinen Kommentar gesehen… Wir haben das damals über eine kleine Organisation gemacht (also Krankenhausvermittlung und Unterkunft in Kathmandu, MountainFund), ich würde aber empfehlen, sowas selbst in die hand zu nehmen. Kannst die Krankenhäuser einfach anschreiben, die nehmen immer Leute (kostet meist nur eine kleine Gebühr). In Kathmandu gibt es größere Häuser mit teils westlichen Standards, wir waren in einem “Krankenhaus”, wo man mal so richtig den dritte Welt Standard gesehen hat, sehr empfehlenswert! Gerade das Pfelgepraktikum ist ja eh mehr nervige Pflicht, da ist solch eine Erfahrung super!
      Das Mini-Krankenhaus hieß Helping Hands, ist von Hilfsorganisationen unterstützt und behandelt vor allem die Ärmsten der Armen.
      LG Jan

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