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Nordwestwärts im Osten – mit dem Rad von Warszawa nach Swinoujscie

SliderFrei im Mai! Das Rad ist frisch, die Muskeln gespannt, der Kopf noch voll, auf geht’s zum Rebooten in ein weitgehend unbekanntes Nachbarland: ab nach Polen, natürlich nicht ohne unsere heißgeliebten Drahtesel.

Warum Polen?
Wir sind in Berlin aufgewachsen, haben viele Urlaube in zahlreichen europäischen Ländern gemacht, nur im nähesten nicht: Polen! Warum eigentlich? Ein Drittel der polnischen Landschaft ist Naturschutzgebiet, man liest von wilder Natur, Bären, Wisenten und Wölfen, ein Paradies für jeden Naturliebhaber! Und auch historisch gibt es hier viele interessante Dinge zu entdecken! Wir sind gespannt und neugierig! Los geht’s!

„Du kommst hier nich rin!“
Der Zug fährt ein und wir suchen das theoretisch existierende Fahrradabteil. Die Schaffnerin kommt mit ihrer bekannten netten Deutschen-Bahn-Manier auf uns zu und motzt: „Heute jibts keen Fahrradabteil, ham se verjessn! Müssen se aufn nächstn Zuch warten!“ Wie? Was? Wir reservieren extra und jetzt kriegt die Bahn es nicht gebacken, wenigstens eine Alternativmöglichkeit zur Verfügung zu stellen?!

Nach 10 minütiger Diskussion mit uns, überredet die Dame eine Familie aus ihrem Abteil zu flüchten und unsere Babys dafür an Bord zu nehmen. Nochmal Glück gehabt…! Nach bequemer fünfstündiger Fahrt kommen wir in Warschau an.

Fahrradausrüstung im CAMP4 Webshop:

Warszawa
Für eine Nacht machen wir es uns im Hotel Campanile für knapp 30 € bequem. Nichts besonderes, aber schön zentral. Den Nachmittag nutzen wir für intensives Sightseeing. Warschau ist im Moment eine Stadt im Umbruch: zahlreiche ehemals sozialistische Plattenbauten drängen sich ebenfalls wie neue Wolkenkratzer und zahlreiche neu-gestylte Einkaufszentren im Zentrum.

Es findet sich kein einheitlicher Baustil und man kann weder sagen, ob es hässlich oder hübsch anzusehen ist. Die Altstadt (Stare Miasto) lohnt sich definitiv. Für Geschichtsinteressierte gibt es viele Museen zum Holocaust, jüdischer Geschichte und Zweiten Weltkrieg. Viele Parks, Plätze und Anlagen geben der Stadt einen gewissen Raum und Weite.

Mit den breiten Straßen umsäumt von Plattenbau erinnert mich es ein wenig an mein kindheitliches Ost-Berlin. Heute ist viel los, tausende Menschen sind in der Stadt unterwegs, am 1. Mai feiern die Polen auch, wenn auch deutlich gesitteter als in Berlin. Wir essen entspannt etwas, frönen noch einmal der zivilisatorischen Hygiene, bevor es morgen früh losgeht.

Raus aus dem Trubel – rein in die Einsamkeit
Der Wecker klingelt schon früh, wir machen uns zeitig auf und schaffen es, das Hotel um 8 Uhr zu verlassen. Es hängen dicke Wolken über uns und ein dichter Nebelvorhang ziert die Straßen. Doch davon lassen wir uns nicht aufhalten, die Vorhersage sieht für die nächsten Tage sehr gut aus. Immer entlang der Weichsel geht es nördlich in Richtung Masuren.

Offizielle Fahrradwege gibt es in Polen außerhalb der Städte mit Ausnahme des R1- und des Ostseeküsten-Radwegs leider nicht wirklich. Zwischendurch treffen wir auf ein paar farblich gekennzeichnete, deren Aufklärung uns jedoch leider verloren bleibt. So müssen wir wohl oder übel Landstraße fahren. Über Serock, Pultusk und Markow schaffen wir es in ruhigere Gefilde.

Bis hierhin waren es v.a. laute, befahrene Landstraßen, die wir nehmen mussten. Ab jetzt wird es ruhiger und entspannter. Vor der Tour haben wir uns einen Wassersack zugelegt, um unabhängiger zelten zu können, ohne hygienischen Verzicht zu üben. So schlagen wir unser Lager den ersten Tag auf einem kleinen Feld nieder und genießen die Annehmlichkeiten des Lebens: essen und schlafen!

Masuren und Co.
Der nächste Tag begrüßt uns (wie alle folgenden ebenfalls!!!) mit
strahlendem Sonnenschein bei fast blauem Himmel. Wir müssen uns nicht lange motivieren und schon radeln wir die Landschaft nordwärts über einsame Straße durch zahlreiche polnische Dörfer, in denen wir von aggressiven Hunden begrüßt werden, die treu ihr Grundstück beschützen und bebellen, und uns das ein oder andere Mal fast in die Schuhe zwacken, bis wir die ersten Seen der Masuren erreichen.

Es hat schon viel Ähnlichkeit mit Brandenburg und Mecklenburg, könnte auch die Müritz sein. Aber ein bisschen wilder ist es schon! Kleine einsame Seen umrandet von tiefem Wald führen uns am Weg vorbei. Bis hinter Mikolajki schaffen wir es hier hinter ein Naturschutzgebiet bei Urwitalt.

Der 3. Mai ist in Polen Nationalfeiertag, auch Tag der Verfassung von 1791, und damit ein offizieller Feiertag. Viele Leute sind schick und offiziell gekleidet. Die meisten Geschäfte haben jedoch trotzdem geöffnet, ein absoluter Vorteil für uns, so minimieren wir unser Mitnahmegepäck um ein paar Gramm und bleiben sehr flexibel. Generell ist die Supermarkt-Struktur mindestens so gut wie in Deutschland, große Ketten gibt es im ganzen Land und selbst auf dem kleinen Dorf findet man Tante-Emma-Läden, in denen man sich aufgrund mangelndem polnisch mit Händen und Füßen verständigen kann.

Für den freiheitsdenkenden Europäer sei hier noch angemerkt, dass die polnische Währung Zloty sind. Mit Euro kann man nur im Grenzgebiet bezahlen. Das Preisniveau im Allgemeinen liegt deutlich unter dem Deutschen und ermöglicht auch armen Studenten einen erschwinglichen schönen Urlaub.

Abends im Schlafsack denkt man zurück, was hat man eigentlich den ganzen Tag gemacht: gegessen, gegessen, gegessen und gefahren, gefahren, gefahren. Ich merke, mein Kopf ist frei, ein Knoten geplatzt, Unistress, Smartphone, digitales Leben, Stadtgetümmel adé! Der Urlaubsmodus ist da!

Der Storch Heinar
Die Masuren durchfahren wir entlang des Jezioro Niegocin bis nach Gizycko (ehemals Lötzen), von wo aus wir die Himmelsrichtung wechseln und uns nach Westen richten. Hier ist es sehr touristisch, auch viele Deutsche trifft man. Von Gizycko aus kann man tolle Touren planen und viele Tage verbringen. Die Landschaft ist so schön, die Seen zahlreich.

Überall wo wir in Polen hinkommen, sehen wir Störche. Die klappernden Frühlingsboten sind fleißig und suchen alles nach Nahrung ab, was sie so finden können. So viel Nachwuchs scheint es zu geben, ob das an der katholischen Ächtung der Empfängnisverhütung der Polen liegt….man weiß es nicht?! Hoffen wir, dass viele Störche ihren Nachwuchs Heinar taufen, um das Land in Zukunft politisch auf einen anderen Kurs zu bringen. Und Achtung liebe rechtskonservative Polen: nächsten Jahr kommen noch mehr aus dem Süden zurück…

Um in Storch-Heinar-Manier zu bleiben, machen wir einen Abstecher zur Wolfsschanze, die liegt bei Ketrzyn (ehemals Rastenburg). Hier hat die Stauffenberg-Gruppe das berühmte Attentat auf Hitler durchgeführt, das leider misslang. Wir erwarten eine große Anlage mit Museum mit „Nie-wieder-Krieg“-Botschaft und bekommen ein riesiges Gelände mit einsturzgefährdeten Bunkern und die Möglichkeit zum Militärfahrzeug fahren. Schade!

Auf unserem Weg kommen wir in Swieta Lipka vorbei: hier steht ein riesiges goldgesprenkeltes Kloster, in einem klitzekleinen Dorf. Unsere links-grün-motivierte Denke kommt durch und wir regen uns schon wieder auf, was man anstelle dieser Finanzierung alles Sinnvolles hätte stiften können…Wir schaffen es heute bis kurz vor Lidzbark Warminski in ein kleines Waldstück und tätigen die letzten Notwendigen Dinge, bevor wir das wohlverdiente Traumland erreichen.

Stegna liegt in weiter Ferne
Unsere Körper reagieren auf den gesteigerten Energieverbrauch mit unfassbar geforderten Nährstoffmengen: bei einem normalen Frühstück vertilgen wir schon mal eine Packung Cornflakes, eine Packung Müsli, jeder zwei Bananen und zwei Brötchen und das reicht meist gerade so bis zum Mittag.

Wir schaffen es durch Elblag und möchten gemütlich weiter an der Küste fahren. Mit deutscher Radweg-verwöhnter Naivität versuchen wir uns einen Weg zu suchen, werden aber bis auf einen zehn kilometerlangen Plattenweg nicht fündig. Es reicht uns, mal wieder richtig baden gehen, wäre heute schön: also auf die nächste Straße.

Ziel des Tages: Stegna. In den Dörfern stehen viele Richtungsschilder, aber leider ohne Entfernungsangabe, auch die Größe der Schilder ist leider keine zuverlässige Maßgabe dafür. So irren wir ein wenig in der Gegend umher und erreichen mit letzter Kraft nach 150 km Tagesetappe unser Ziel: la mer

Ein perfekter Sonnenuntergang, eine ausführliche (wenn auch recht kalte) Ganzkörperwaschung und ein Dinner mit Wellenrauschen und Strandblick von den Dünen liefern den gelungenen Tagesabschluss!

Danzig und Kaschubische Irrfahrten
Der nächste Tag beginnt, langsam wird es ja schon fast langweilig, mit perfektem Sonnenschein und blauem Himmel! Wir setzen nach ein paar Kilometern mit einer kleinen Fähre über die Weichsel und erreichen zum frühen Vormittag Danzig. Mit einer tollen Altstadt, einer großen Kneipen- und Restaurant-Szene, vielen jungen, attraktiven Menschen überzeugt uns die 500.000-Einwohner-Stadt recht schnell. Mit mehr Zeit lohnt es sich bestimmt noch ein einmal hier herzukommen und etwas genauer nachzusehen.

Nach einem ausgiebigen Eindruck verlassen wir die schöne Stadt, das heißt wir versuchen es. Aus großen Städten einen schnellen direkten Weg mit dem Rad zu finden, dauert immer länger als gedacht…nach dem 3. Anlauf finden wir den richtigen Weg und begrüßen die Kaschubische Schweiz.

Der mysteriös ein bisschen nach Fantasy-Roman klingende Landschaftsname Kaschubien führt uns in die Irre. Zugegeben unsere Karten sind an dieser Stelle sehr unausführlich, aber jedes Dorf heißt gleich und so nähern wir uns im Zick-Zack-Kurs dem Westen. Dadurch schaffen wir am Ende des Tages 170 km.

Fix und fertig kommen wir in der Dämmerung bei Mikorowo an und finden an einer kleinen Badestelle ein perfektes Nachtlager. Vielleicht wäre es klüger, das nächste Mal solche Strecken mit besseren Karten oder per GPS-Navigierung zu fahren….

Slupsk, Ustka, Darlowo und Co.
Von den Irrfahrten angestachelt, beginnen wir den nächsten Tag mit intensiver Straßenbefahrung. Wir rocken in hohem Tempo mit wechselseitigem Windschattenfahren und Rückenwind nach Slupsk, Ustka, über Darlowo bis 10 km kurz vor Kolobrzeg (Kolberg).

Auf der Strecke zwischen Ustka und Darlowo gibt es einen Zwischenfall zu erwähnen: die Landstraßen sind durch kleine Stopp-Inseln bestückt, an denen Fußgänger queren können und die Autos gezwungen werden langsamer zu fahren. Die polnischen Autofahrer sind nicht gerade die entspanntesten, wir sehen nicht wenige gewagte, völlig sinnfreie Überholmanöver. Wenn ihr hier auf großen Straßen unterwegs seid, solltet ihr unbedingt mit Helm fahren!!!

Ich fahre gerade auf Höhe einer solchen Stopp-Insel ein, als ich höre wie ein PKW von wahrscheinlich 120 km/h (auf einer 60er Strecke) abrupt abbremst, im letzten Moment wohl etwas zu spät noch links an der Insel vorbeiziehen will und schließlich mit voller Wucht auf die Insel prallt. Das Stoppschild schlägt in die Windschutzscheibe, ein Plastikteil fliegt 10 Meter nach vorne links auf den Acker.

Wenn es nach rechts geflogen wäre, hätte es uns gut und gerne treffen können. Meine Beine zittern, der Fahrer begutachtet seinen Schaden, es ist zum Glück niemandem was passiert. Sichtlich geschockt, meckert er uns noch auf Polnisch verzweifelt zu. Was für ein Schock. Also: Augen auf im Straßenverkehr! Geschwindigkeitsbegrenzungen machen z.T. auch mal Sinn!

In unserem Zu-Bett-Geh-Ort treffen wir noch auf einen netten Schweden, der mit dem Rad aus Malmö kommt und entgegengesetzt fährt. Er sucht verzweifelt einen Campingplatz, da wohl alle schon geschlossen haben… Wir versuchen ihn ohne Erfolg von den Vorzügen des Wildcampens zu überzeugen, aber das ist wohl nicht für jeden etwas. Dabei sei aber noch einmal erwähnt, dass beim Wildcampen kein Müll hinterlassen wird, wir nehmen alles wieder mit und hinterlassen nichts weiter bis auf ein bisschen platt gedrückte Erde und Zahnpasta im Busch! Das sollte selbstverständlich Ehrensache sein!

In unserer Freiheit schlagen wir noch einmal direkt in den Dünen unser Zelt auf, genießen das Wellenrauschen, nutzen den direkten, persönlichen Strandzugang und zelebrieren den letzten Abend mit einem ausführlichen Menü.

Noch mehr Radtouren von Alex und Marcus gibt es hier.


Eine Antwort auf Nordwestwärts im Osten – mit dem Rad von Warszawa nach Swinoujscie

  1. Markus says:

    Hi,

    bin durch Zufall auf diesen Blog gestoßen.

    Die Bilder faszinieren mich. Du hast einmal erwähnt, dass Lötzen ziemlich touristisch ist. Wie kann man sich das vorstellen? Sind dort viele Radfahrer unterwegs?

    Bin nämlich auf der Suche nach einer Strecke in Masuren wo man wirklich natur pur bekommt (mit Übernachtungsmöglichkeiten in Pensionen). Kannst du mir da viell Tipps geben?

    Lg
    Markus

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