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Versuch des Jubiläumsgrats im Winter

In der in die Grieskarscharte. Alle Bilder: Benjamin CentnerGerade plante ich mit meinem Freund Spezl Horst ein verlängertes Wochenende bei Garmisch, als mich unser Trainer und Leiter der im November 2014 ins Leben gerufenen Hochtourengruppe (HTG) kontaktiert. Er plane demnächst den Jubigrat im Winter zu begehen. Und ich dürfe dabei sein. 

So viele Projekte liegen bei uns lebensfrohen Bergsteigern auf dem Tisch. Die Möglichkeiten steigen mit jedem Grad der gewonnenen Erfahrung am Berg, mit jedem Monat harten Trainings. Perspektiven, Horizonte und Träume erweitern sich. Und wenn sich gewisse Verhältnisse zu dem augenscheinlich perfekten Wochenende kumulieren, dann brechen junge Bergsteiger aus dem niederen Flachland auf, um ihre Träume zu erfüllen. Voller Tatendrang. Voller Energie. Voller Leidensbereitschaft.

Doch bleibt bei aller Motivation die Frage, was passiert, wenn etwas passiert. Wenn sich die Verhältnisse wider aller Erwartungen doch als schlechter erweisen. Was wenn man sich doch nicht das erforderliche Fitnessniveau antrainiert hat? Bei dieser nicht gerade alltäglichen und sehr spannenden Unternehmung sollten wir Teilnehmer einiges über den Umgang mit dieser Situation lernen…

Vorbereitung und Anreise

Dabei sein. Welch Privileg, dass ziemlich erfahrene Leute aus der HTG mich für diese Tour geeignet halten. Welche Herausforderung. Welche Vorfreude und welche Spannung sich aufbaut! Welchen Respekt habe ich gegenüber diesem Grat! Letzten Sommer ist einem Kumpel und mir die Tour bei Topverhältnissen zu zweit in zwei Tagen gelungen. Mit schwerem Gepäck.

Doch im Winter ist das bei so viel Schnee eine andere Hausnummer. Nicht extrem, aber auch nichts für Anfänger und nur für ernsthafte Alpinisten, mit denen der Berg, der Grat, die Wand schon manches Mal nicht zu scherzen suchte.

Zehn Tage zuvor scheint das Wetter nicht mitspielen zu wollen. Zu viel Schnee, zu viel Wind, zu hohe Lawinengefahr – die Lage scheint sich bis zum anvisierten Wochenende nicht zu ändern. Müssen wir das verschieben? Zum Wochenende hin bessern sich die Prognosen, nur noch wenig Neuschnee soll kommen und die Sonne viel scheinen. So kann sich der Schnee auch in größeren Höhen setzen. Als Erweiterung des Trainings laufe ich das Wochenende zuvor einen verpulverten Hang von 250-400 Hm bis zu sechs Mal flott mit viel Gepäck hinauf…

Nach einer nicht enden wollenden Arbeitswoche treffen wir uns am Freitag an der Heerstraße und fahren zu dritt durch den ausklingenden Tag bis Garmisch-Partenkirchen, wo wir einen weiteren Teilnehmer treffen. Ein unglaublich entspannter Typ, der Jüngste unserer Gruppe.

Der Zustieg – nichts für reine Kletterer!

2:10 Uhr. Alles ist gepackt, die Steigeisen halten wir in unseren Händen bereit, um mit deren Hilfe den steilen und ziemlich direkten Aufstieg Richtung Kreuzeck (1640m) und Osterfelder Kopf (2033m) anzugehen. Der unglaublich entspannte Typ geht trotz der -6°C die ersten zwei Stunden ohne Handschuhe. Mit drei Bekleidungsschichten wird den meisten von uns schnell warm. Bereits nach wenigen 100 Höhenmetern muss Manuel manche etwas bremsen.

Durch bewusst ausgedehnte, flache Serpentinen verlängert sich die Strecke um ein Vielfaches. Dennoch schaffen wir die ersten 800Hm in unter 2h inklusive einer kurzen Pause. Die Muskulatur für wirklich steiles Gelände soll vorerst noch geschont werden.

Bald melden die ersten, sie spürten Blasenbildung an ihren Füßen. 3:55 Uhr. Vom Kreuzeck weg führt die Route etwa entlang des Sommeraufstiegs in eine Scharte zwischen Längenfelder und Osterfelder Kopf. Danach wird das Gelände nochmals unwegsamer und steiler.

Während die Gruppe sich weiter auseinander zieht, schlängeln sich die hellen Lichter emsig aufwärts durch die Latschengewächse, die der Schnee nicht vollständig überdecken konnte. 5:30 Uhr. An der Gipfelstation der Alpspitzbahn auf 2033m pausieren wir also länger als geplant, um die wunden Hacksen zu verbinden, etwas zu trinken und von Stöcken auf Eispickel zu wechseln.

Durch die Alpspitze-Nordwand in den neuen Morgen

Flach ansteigende Hangquerungen folgen durch ziemlich steiles Gelände. Einige Skispuren sind vorhanden. In unregelmäßigen Abständen sinkt der eine oder andere Tritt bis zum Knie in den Schnee. Gerade die sehr abwechslungsreiche Beschaffenheit des Schnees machen Wintertouren sehr spannend, aber auch höchst anstrengend und selten völlig vorhersehbar.

Der erst Teil der knapp 600m hohen Alpspitze-Nordwand besteht aus einer gut 80m langen Rinne mit einer Steilheit bis zu 40°. Die Spur liegt irgendwie seltsam, die Tritte sind unregelmäßig angeordnet und unterschiedlich tief. Ohne Nachdenken bewältigen wir die Rinne. Das Gelände lehnt sich wieder etwas zurück, hier und da tauchen Drahtseilpassagen mit Trittbügel oder Eisenstiften auf. Wir sind deutlich langsamer geworden.

6:50 Uhr. Langsam bricht der neue Tag an. In stiller Vorfreude auf des Bergsteigers liebstes Naturspektakel steigen wir weiter aufwärts. Die ersten Muskeln melden, sie hätten die schwere Körpermasse nun schon weit über 1000Hm hinauf bewegt und wären nun bald erfreut über eine längere Pause. Leiser Wind kommt auf und wirbelt uns harte Schneekristalle und seichten Pulverschnee ins Gesicht. Die ersten Sonnenstrahlen brechen sich Bahn und erleuchten die Schneefahnen der Nordwandrippen. Die höchsten Gipfel ringsum erglühen in vertrauter Farbe.

Wir können nicht anders als innezuhalten, in Stille einfach die Momente genießen, jeder für sich. In stiller Dankbarkeit, hier sein zu dürfen und in gespannter Erwartung an das Bevorstehende, steigen wir weiter. Ohne Wertschätzung für die besonderen Momente, für die wir leben und in die Berge gehen, wäre unser Tun noch nichtiger als Schall und Rauch und wertlos. Die letzten 200Hm werden nochmals deutlich steiler. Einige Traversen überwinden wir furchtlos am Drahtseil. Viele sind gestern hier auch ohne Steigeisen hochgestiegen, doch zu dieser Tageszeit ist der Schnee völlig durchgefroren.

Ernüchterung im kombinierten Gelände des Alpspitz-Südwestgrats

7:55 Uhr. Am Gipfel machen wir solange Rast, bis der Mehrheit von uns zu kalt wird. Ein kurzer Blick über den Südwestgrat hinüber zum Hochblassen und Jubiläumsgrat überrascht uns ziemlich. Keine Spur können wir entdecken. Das bedeutet, wir müssen selber die Route finden und Spuren legen. So wird die Unternehmung deutlich anspruchsvoller.

Manuel legt nun die ersten Spuren im Abstieg vom Gipfel meist auf der südöstlichen Seite des Grats durch teils sehr pulvrigen, tiefen Schnee. Wir Teilnehmer benötigen nun ungewohnt viel Zeit und viel Konzentration bei jeder Bewegung. Teilweise genießen wir die Kraxelei abwärts, doch die heiklen Querungen durch den lockeren Schnee in den sogar über 45° steilen Gratflanken gehen keinem von uns leicht von der Hand.

Gegenüber rückt die bedrohliche Flanke unter dem Hochblassen langsam näher. Je näher sie rückt, desto mehr Sorgen macht sich Manuel, wie wir sie bewältigen sollen. Natürlich wirkt in der Draufsicht alles unheimlich steil. Mit einer nordseitigen Exposition ist eine Menge Pulverschnee zu erwarten. Eine Absicherung scheint nur rechts an den steil abbrechenden Gratfelsen (evtl. mit Normalhaken) möglich. 9:30 Uhr. Wir entschließen uns deshalb einstimmig und schweren Herzens für die Umkehr und den Plan B.

Der Rückweg zum Osterfelder Kopf

Wie Plan B genau aussieht, diskutieren wir während des langen Rückwegs zur Bergstation der Alpspitzbahn. Selbstverständlich genießen wir nun jeden Kletterzug und jeden Schritt zurück, legen unzählige spontane Pausen mit allerlei Frohsinn ein. Hinauf bringen uns nun teilweise sogar die etwas brüchigen, direkten Gratfelsen bis zum unteren 3. Grad. Am Gipfel sehen wir vielen Skitourengängern bei der Einfahrt in die Ostflanke zu. Die Route durch die Nordwand hinab fühlt sich durch die abgefallene Anspannung und die dadurch geringere Konzentration häufig unangenehm an. Der Schnee ist viel weicher und damit weniger zuverlässig geworden.

Der Rest des Abstiegs wird flott erledigt. Etwas seltsam wirken auf uns die Menschenmassen und die enge Verbauung am Osterfelder Kopf. Doch wir sind so hungrig, müde und durchgefroren, dass wir über zwei Stunden im Restaurant verbringen. Allerlei Grundbedürfnisse werden erfüllt und nebenbei nimmt Plan B Gestalt an: ins Tal Gondeln, Ferienwohnung finden, lange schlafen, Ski und Snowboard ausleihen und beides im größten Skigebiet Deutschlands halbtags genießen.

Ein schönes Wochenende klingt aus

Genauso machen wir das. Glücklich über und zufrieden mit richtigen Entscheidungen, die wir getroffen haben fahren wir Sonntag nachmittags wieder gen Norden. Ein bisschen Enttäuschung über den nicht realisierten Plan A lässt sich nicht wegdiskutieren. Der Abschied von unseren geliebten Bergen fällt uns wieder nicht leicht.

Und trotzdem haben sich unsere Perspektiven, Horizonte und Träume erweitert. Auch ohne gelungenen Plan A. Wie spannend wäre eigentlich unser Leben, wenn immer Plan A sofort funktionieren würde? Unsere daheim gebliebenen Freunde freuen sich mit uns, dass wir wieder gesund zurück gekehrt sind. Das ist, was zählt.

Wir sind tatsächlich viel zu langsam am SW-Grat gewesen. Wir sind aufgrund von Aussagen zweier Bergführer im Zuge der Vorbereitungen davon ausgegangen, dass alles gespurt sein dürfe. Leider war es nicht so. Die sehr unterschiedliche Schneebeschaffenheit war der zweite entscheidende Faktor umzukehren. An mangelnder Fitness lag es nicht, damit sind wir uns alle eilig. Sicher kann jeder trotz guten Trainings einen Extratag für die Anreise und den Zustieg zu einer der Hütten (z.B. Kreuzeck WR) vertragen. Mehr Schlaf vor einer harten Tour wird so wahrscheinlicher.

Unsere Vorfreude auf einen neuen Versuch ist nun so groß wie nie zuvor. Der Tag kommt, an dem wir wieder aufbrechen, vielleicht auch wieder zu viert. Voller Tatendrang, voller Energie, voller Leidensbereitschaft.


5 Antworten auf Versuch des Jubiläumsgrats im Winter

  1. Arno says:

    Na, da entwickelt sich doch (etwas sehr erfreuliches) beim AlpinCub Berlin! – Weiter so …

  2. Monika says:

    Toller Artikel!

  3. Hans Scholze Hans says:

    Schöner, sehr realitätsnaher Artikel.

  4. Anonymous says:

    Mensch Benni, das ist ja ganz wunderbar geschrieben. Ich freue mich sehr, dass Du Deinen Bericht mit so viel Mühe verfasst hast.

  5. Anonymous says:

    Mensch Benni, das ist ja ganz wunderbar geschrieben. Ich freue mich sehr, dass Du Deinen Bericht mit so viel M

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