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Nach Thüringen? Oder an’s Meer?

 

Thüringen ist für vieles bekannt: Rostbratwürste. Tiefe Wälder. Lokales Bier. Und Meer.

Ja, richtig gehört; „Thüringer Meer“ so zumindest nennen zumindest die Einwohner rund um „Hohewarte“ liebevoll das größte zusammenhängende Stauseegebiet Europas. Gebildet wird es vom Fluss Saale, der eine von tiefen Wäldern eingerahmte Wasserfläche bildet, die an eine Fjordlandschaft in Skandinavien erinnert.

Ausgeschildert mit rotem Punkt auf weißem Grund kann man – vorzugsweise zwischen April und Oktober – den Stausee in 5 Etappen einmal umwandern. Auf dem sog. „Hohewarte Stausee Weg“.
Bevor es also April wird und der Weg eventuell überlaufen bzw. “überfahrrad“ ist, entschließe ich mich, mit meinem Wanderkumpel Daniel, dem ganzen einen Besuch abzustatten.

Um es gleich vorweg zu sagen: Der sog. Hohenwarte Stausee Weg ist nichts für Spaziergänger:innen. Es ist ein echter Wanderweg mit allem Drum und Dran. Es geht hoch und runter, über anspruchsvolle Pfade, durch dichten Wald, entlang von Steilhängen an der Saale und zu felsigen Aussichtspunkten. Manchmal ist ein wenig Geschick gefragt, auf jeden Fall aber Ausdauer. Denn insgesamt warten knapp 80km Wanderweg und 2000 Höhenmeter auf einen.

Ausgestattet von Camp4 mit Wanderrucksack, Wasserfilter, Gaskocher und Trekkingnahrung für 4 Tage, sowie mit Isomatte und Daunenschlafsack, machten Daniel aus dem Schwarzwald und Ich aus Berlin uns also Ende März auf den Weg nach Thüringen. Ans Meer.

Die Anreise ist denkbar einfach und unkompliziert. Nicht weit von Saalfeld, was mit allen Verkehrsmitteln bequem erreichbar ist, liegt der Startpunkt „Hohenwarte Parkplatz Staumauer“. Wer nicht mit dem Thüringer Wanderbus (ab Saalfeld für ca. 6€) anreist, kann hier für täglich 4€ das Auto stehen lassen. (Schwaben-Spartrick von Daniel: Da die Saison erst im April beginnt, mussten wir Ende März nichts zahlen und haben uns 16€ gespart! :)
Empfohlen wird der Rundwanderweg in 5 Etappen, mit jeweils maximal 18km Länge. Schlafen kann man in Pensionen in kleinen Örtchen, an denen man immer wieder vorbeikommt oder auf einem der vielen Campingplätze, die auf dem Weg liegen.

Daniel und Ich entschieden uns allerdings für keines der beiden Vorschläge. Jeden Tag ein vorher festgelegtes Ziel erreichen müssen!? Nicht mit uns! Wir wollten vollkommen autark und unabhängig unterwegs sein. Nicht nur mit Blick auf die Nahrungsversorgung. Sondern auch bezüglich täglicher Strecke und Übernachtungsmöglichkeit. Schon allein aus dem Grund, weil die Wettervorhersagen nicht nur positiv waren. Und so beinhaltete unser Equipment neben guten Wanderschuhen auch ein Ultra-leicht Tarp. Jede Nacht schliefen wir dort, wo es uns am besten gefiel: Auf saftigen Wiesen, auf Aussichtspunkten, mit einem herrlichen Blick auf das Meer, aber auch einmal in einer kleinen Schutzhütte.

Am ersten (halben) Tag liefen wir knapp 12km und ca. 320m rauf und runter. Vom besagten Startpunkt bis auf den höchsten Punkt nach der sog. „Presswitzer Spitze“ (eine Art Landzunge). Unser Ziel war eigentlich das ca. 5km weiter gelegene „Mooshäuschen“ (eine kleine Schutzhütte).

Aber aufgrund völlig plötzlich (Vorsicht Ironie) einbrechender Dunkelheit, gepaart mit dem Beginn von Regen (leider keine Ironie), entschieden wir uns spontan, unser Nachtlager aufzuschlagen. Gut, dass wir zu zweit waren. Denn ein Tarp im Regen aufzubauen, will geübt sein. Kaum stand unser Wind- und Wetterschutz, hörte es allerdings auf zu regnen.

Am nächsten Tag ging es bei kühlem, aber sonnigen Wetter 23km auf Fichten- und Wichtelwegen (immer wieder waren kleine ca. 20cm große „Häuser“ zwischen Bäume und Wurzeln gebaut) immer weiter Ostwärts bis zum „Lastenberg“, kurz vor der Ortschaft „Ziegenrück“. (Ziegenrück bildet das Ende der ersten Hälfte). Da wir nach 600m hoch und 500m runter ganz schön k.o. waren freuten wir uns erst über einen herrlichen Ausblick vom „Lastenberg“ auf die Saaleschleife, während wir mit frisch gefiltertem Wasser unser Abendessen zubereiteten.

Da uns mit -2 Grad die kälteste Nacht bevorstand, waren wir froh, auf besagten Lastenberg in der „Karl-Rühl-Hütte“ unsere Isomatten ausrollen zu können. Gut auch, dass wir jeweils noch ein Inlett zur Temperatur-Erhöhung für unsere Schlafsäcke dabeihatten.

Am dritten Tag begann quasi die zweite Hälfte der Wanderung, d.h. wir wanderten ab sofort südlich statt nördlich um den Stausee. Kurz nachdem wir das Örtchen Ziegenrück verlassen hatten (in dem man beim örtlichen Bäcker übrigens unglaublich leckeren Kuchen genießen könnte bzw. konnte :) und wieder auf Waldwegen unterwegs waren, lief uns eine Ziege entgegen. Ob dies das Dorf-Haustier /-Maskottchen war, konnten wir allerdings nicht herausfinden. Zutraulich war sie aber 😊

Wie bereits am Vortag, sollte unsere Tour nach ca. 23km und jeweils 550m bergauf und -ab bei der „Schleifenberghütte“ enden.

Da uns bei dieser allerdings der Aussicht fehlte, entschieden wir uns, unser Nachtlager auf der ca. 2km entfernten „Schleifenwiese Süd“ aufzuschlagen.

Dies war definitiv die richtige Entscheidung, denn wir konnten sowohl Sonnenuntergang wie -aufgang genießen. Da schmeckt das Rührei aus der Tüte doch gleich viel besser 😊

Am letzten Tag ging es dann noch mal 450m hoch und 550m runter, bis wir uns nach ca. 13km wieder einen Schlafplatz in der Nähe unseres Ausgangspunktes suchten. Die Wahl fiel auf einen sonnigen Platz in der Nähe von kleinen „Ferienhäusern“, wo wir den Tag und die Wanderung bei einem Lagerfeuer mit Blick auf Hohewarte ausklingen ließen.

3,5 Tage lang bergauf, bergab, knapp 2000 Höhenmeter, einer Bade-Session im Meer und 4 Übernachtungen später, saßen wir wieder im Auto und waren froh, das „Thüringer Meer“ durch Zufall entdeckt und den „Hohewarte Stausee Weg“ begangen zu haben. Denn gelohnt hat es sich allemal. Die Wege und die Aussichten waren atemberaubend schön.

PS / einige „wertvolle“ Tipps:

Viele „Berge“ auf dem Rundweg kann man auch gut umlaufen, falls einem der Weg zu anstrengend sein sollte.
Außerdem gibt es im Internet viele Vorschläge zu einzelnen (Tages-)Etappen rund um den Stausee, die man alle nach eigenen Vorlieben verkürzen oder erweitern kann.

Auf dem gesamten Rundweg um den Stausee sind zahlreiche Geocaches versteckt. Wer also zusätzlich noch auf „Schatzsuche“ gehen möchte, kommt beim Hohewarte Stausee Weg definitiv auf seine Kosten.

In Ziegenrück, d.h. bei der Hälfte des Rundweges, gibt es eine öffentliche Toilette; Wer also das Bedürfnis hat, (mal wieder) zivilisiert(er) Körperhygiene zu betreiben, sollte ihr einen Besuch abstatten. Wir können ihr definitiv das Gütesiegel „sauber und hygienisch“ geben 😊

Immer wieder begegnen einem im Laufe des Wanderweges nicht nur wundervolle Aussichten auf den Stausee, sondern auch liebevoll gestaltete Hütten oder Rastplätze. Besondere Empfehlung ist „Günthers Heil“ – Eine philosophisch-spirituell angehauchte, gemütlich eingerichtete „Höhle“ unterhalb einer Aussichtplattform, mit Hängesessel, Campingstuhl und Feuerschale 😊

Zu guter Letzt ist noch (mal) zu betonen, dass die Saison von April bis Oktober ist. D.h. (auch), dass die Campingplätze, sowie viele Einkehrmöglichkeiten außerhalb dieser Zeit geschlossen sind.


One Response to Nach Thüringen? Oder an’s Meer?

  1. Cris says:

    Klingt richtig gut! Danke für den gut geschriebenen Bericht!

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