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Durch das Făgăraș-Gebirge zwischen Sibiu und Brașov

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Neben der bekannten Hohen Tatra haben die Karpaten noch viel mehr zu bieten. Die Südkarpaten in Rumänien werden gerne übersehen. Aber mit ihren dichten Wäldern, wilden Gipfeln, sanften Bergweiden, Wölfen, Bären und viel Geschichte verspricht ein Besuch eine spannende Reise zu werden. Der höchste Gipfel der Südkarpaten, der Moldoveanu, liegt im Făgăraș-Gebirge – Zeit für einen Besuch.

Die Anreise ist auf verschiedenste Weise möglich. Am bequemsten ist sicherlich ein Flug nach Bukarest oder Cluj-Napoca, um dann die Bahn zu nutzen. Ich entschloss mich aber ausschließlich den Zug zu nehmen. Mein Weg führte mit nur einem Umstieg von Berlin über Budapest nach Sibiu. So lernte ich auch gleich Budapest kennen und zudem konnte ich einfach eine Gaskartusche mitnehmen, denn in Rumänien bekommt man diese nicht an jeder Ecke. Natürlich ist dafür die Reisezeit sehr lang, es gibt Grenzkontrollen und Verspätungen sollte man auch einplanen. Mein Tipp ist es, auf der Rückreise in Budapest genug Zeit einzuplanen, um sich einen Besuch in einem Thermalbad zu gönnen. Die Bahntickets zwischen Ungarn und Rumänien kann man übrigens online bei der ungarischen und rumänischen Eisenbahn bestellen und diese dann bequem am Bahnhof einsammeln.

Meine Karte für die Wanderung war die “Făgăraș 1:75.000“ von Muntii Nostri, welche ich im Erasmus-Büchercafé in Sibiu abholte. Das Büchercafé wird von der kleinen Siebenbürger Sachsen Gemeinschaft betrieben und ist in jeden Fall einen Besuch wert. Zusätzlich nutzte ich auf meinem Smartphone OsmAnd mit Offlinekarten. Für die Planung einer Tour ist die Seite www.waymarkedtrails.org sehr hilfreich.

1. Tag: Sebeș Olt – Cabana Suru, 13 km

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Nach einer erholsamen Nacht in Sibiu ging es mit dem Zug ein paar Kilometer zur Haltestelle Sebeș Olt. Da es im Zug weder Ansagen noch Anzeigen gab, nutzte ich mein Smartphone, um meine Position zu prüfen und den Halt nicht zu verpassen.

Mit schönstem Sonnenschein begann nun meine Wanderung. Zunächst folgte ich entspannt der Straße bis zum Ort Sebeșu de Sus, dann folgte ich dem Weg direkt in den Wald. Die üppigen Buchen boten angenehmen Schatten und nach 4 Stunden erreichte ich die Cabana Suru auf 1.450m. Dort war es erfreulich leer und so tischte der Hüttenwirt mir und den anderen beiden Wanderern ein hervorragendes Abendessen auf. Das Lob in den Reiseführern zum Essen auf dieser Hütte ist also durchaus berechtigt. Wenn man auf Nummer sicher gehen will, dass man einen Platz in der Hütte hat, kann man seine Ankunft auch vorher per E-Mail ankündigen.

2. Tag: Cabana Suru – Cabana Negoiu, 14,2 km

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Am nächsten Morgen folgte ich dem quasi menschenleeren Weg. Nur am Anfang kam ich an einer Schafherde vorbei. Bei solchen gibt es auch immer allerhand Schäferhunde, die gerne neugierig bis aufdringlich sind. Angst vor Hunden sollte man also definitiv keine haben. Stets über 2.000m folgte ich dem Weg und genoss die Sonne und die Landschaft. Am wundervollen Lacul Avrig gönnte ich mir eine Pause. Direkt nach diesem See gab es die erste Stelle, die etwas herausfordernder war. Insgesamt scheint es mir eher wenige Hilfen auf den Wegen zu geben. Ketten finden sich quasi nur dort, wo sie absolut notwendig sind. Meine Route führte mich danach entspannter weiter über den Vf. Scara mit 2.306m. Von dort aus ging es Stück für Stück hinab zur Cabana Negoiu. Statt zur Hütte zu gehen, könnte man auch auf den Kamm bleiben und zelten, besonders wenn man vorhat, den sehr anspruchsvollen Weg zwischen Vf. Serbota und Șaua Cleopatra zu meistern.

Nach 9 Stunden hatte ich meine Unterkunft erreicht und wieder Gelegenheit, mit Menschen zu interagieren. In der Hütte war etwas mehr los und man kann sie auch vorher reservieren. Sie ist ein beliebter Ausgangspunkt, um den Vf. Negoiu, den zweithöchsten Berg Rumäniens, zu besteigen. Hier machte es sich auch bezahlt, dass ich im Vorfeld versucht hatte, etwas Rumänisch zu lernen. Da es eine romanische Sprache ist, ist das auch nicht zu schwierig, und ein paar Grundlagen helfen sehr, wenn keiner Englisch spricht.

3. Tag: Cabana Negoiu – Bâlea-See 12,6 km

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Der Tag begann kühl und neblig und mit einem flauen Gefühl, weil meine Karte mehrere Gefahrenstellen auf meiner Route versprach. Da der Gipfel des Negoiu in den Wolken hing, entschied ich mich dazu, den Weg über den Strunga Ciobanului zu wählen. Solche einfachen Umgehungen sind in der Făgăraș gar nicht so oft möglich, da es selten parallele Wege zum Kammweg gibt. Meine gewählte Route war aber nicht minder herausfordernd, auch wenn die Gämsen am Wegesrand das sicher anders sahen. Der Strunga Ciobanului stellte sich als äußerst steile und mit Ketten gesicherte Kletterstelle heraus, die ich allein bei unschönem Wetter bezwingen musste.

Der weitere Weg war gnädigerweise einfacher, aber nach dieser Erfahrung entschied ich mich dazu, am Călțun-See auf die schöne und wesentlich entspanntere Route durch das schöne Paltinu-Tal zu wechseln, statt oben auf dem Kamm den Elementen ausgesetzt zu sein. Um mein Ziel zu erreichen, wählte ich dann nach einigem Zögern den sicheren Weg durch den Tunnel der berühmten Transfăgărășan-Hochstraße. Dort kann man problemlos durchlaufen, aber bevor ich das wusste, wurde ich zum Anhalter. Am Bâlea-See könnte man nun eigentlich zelten, aber nach 9 Stunden bei schlechtem Wetter war ich erschöpft genug, um den recht teuren Luxus der Cabana Bâlea Lac wahrzunehmen. Das war auch die richtige Entscheidung, denn nachts wurden es -7°, was mich in meinem beheizten Einzelzimmer nach einer heißen Dusche nicht störte.

4. Tag: Bâlea-See – Cabana Podragu, 9,6 km

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Der nächste Tag war wieder sonnig und klar und als erstes erfolgte ein 300m Aufstieg auf der noch mit Raureif bedecken Nordseite des Șaua Caprei. Während ich die letzten drei Tage gefühlt alleine war, sind die Wege nun etwas belebter. Die beliebte Transfăgărășan-Hochstraße überquert das Gebirge genau am Bâlea-See und bietet somit einen bequemen Ausgangspunkt für Wanderer. In der Weite der majestätischen Landschaft hat man aber nie den Eindruck, dass es voll ist. Vielmehr sind Mitwanderer wunderbar, um sich der Dimensionen bewusst zu werden, durch die man hier zieht.

Am Capra-See vorbei, welcher an wärmeren Tagen ein schöner Platz zum Zelten wäre, folgte ich dem Weg bis zum Fereastra Zmeilor. Dort wich ich nach Norden vom Weg über den Hauptkamm ab und zog durch drei wunderschöne Täler und am Podrăgel-See vorbei bis zur Cabana Podragu. Diese stellte meine letzte bewirtschaftete Hütte bis zum Ende der Reise dar. Ich erreichte sie nach ca. 6 Stunden. In der Hütte war es recht geschäftig und die sympathische Herbergswirtin spricht Deutsch und Englisch und verschaffte mir einen Schlafplatz. Wie auch schon die Cabana Suru ist die Cabana Podragu unbeheizt, ein warmer Schlafsack ist also auch ohne Zelt ein Segen.

5. Tag: Cabana Podragu – Refugiul Fereastra Mică, 10,7 km

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Erneut hatte ich Glück mit dem Wetter und ein sonniger Tag stand mir bevor. Der Weg führte zurück auf den Hauptkamm über den Șaua Podragului. Von hier aus ging es weiter in Richtung Vf. Viștea Mare (2.524m) und Vf. Moldoveanu 2.544m). Von beiden Gipfeln aus genießt man einen herrlichen Ausblick über die Făgăraș und kann stolz betrachten, welchen Weg man zurücklegte und welcher Weg einem noch bevorsteht.

Schweren Herzens entschied ich mich aber dann auch, vom Viștea Mare nicht auf den Moldoveanu zu gehen. Mit meinem Gepäck über eine Kletterstelle zum Moldoveanu und wieder zurück zu gelangen, erschien mir zu zeit- und kraftaufwendig, nur um noch 20m höher zu sein. Ich entschließe mich also, direkt weiter zu wandern, und erreichte am Abend nach 7:30 Stunden das Refugiul Fereastra Mică. Eine Schutzhütte, die halbwegs vor schlechtem Wetter und Regen schützen würde, aber schon bessere Tage sah. Als Tür dienen Säcke und innen finden sich nur noch Skelette von Betten und Hartschaumunterlagen. Ich kann mir trotzdem ein passables Lager basteln. Jedoch nutzten zwei andere Wanderer ein Stück Blech als Unterlagen auf ihrem Bett, welches nachts furchtbar laut war. Im Nachhinein hätte ich hier lieber einfach ein Zelt aufgeschlagen. Es gibt südlich unterhalb des Refugiuls eine Quelle. Der Weg dorthin zieht sich etwas, man sollte also idealerweise nur einmal gehen müssen. Toiletten gibt es bei solchen Schutzhütten übrigens keine, aber wann hat man schon mal so einen tollen Ausblick, wenn man den Notwendigkeiten nachgeht.

6. Tag: Refugiul Fereastra Mică – Refugiul Berevoescu, 19,5 km

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Nach einer sternenklaren Nacht mit wundervollem Blick auf die Milchstraße brach ich am nächsten Morgen auf, weiter Richtung Osten. Vorbei an den letzten steileren Stellen führt der Weg ab dem Gipfel des La Fundu Bândei über sanft geschwungene Bergwiesen, und am Horizont waren bereits die Spitzen der Piatra Craiului zu sehen, an dessen Fuß meine Wanderung enden sollte. Der Weg ist einfach und man kann hier bequem mehr Kilometer schaffen am Tag. Zudem ist man nun wieder zumeist alleine unterwegs.

Ich zog am Refugiul Zarna vorbei, welche relativ neu ist, aber man muss sie sich im Zweifelsfall mit Schäfern teilen. Ich passiere stattdessen nur die Schafherde und war froh, etwas weiter eine Quelle zu finden, um meine Wasservorräte aufzufüllen. Das Wetter begann sich nun langsam zuzuziehen und am Abend beschloss ich, beim Belia Mare (2.295m) nördlich vom Weg abzuzweigen um nach 8:30 Stunden zum Refugiul Berevoescu (2.223m) zu gelangen. Dies ist eine kleine Iglu-Schutzhütte aus Fiberglas und schon kurz nach meiner Ankunft beginnt der Regen. Man sollte das Refugiul übrigens nicht mit dem gleichnamigen Vorgänger verwechseln, welches südlich vom Hauptweg liegt, dieses ist nur noch eine verrostete Blechkonstruktion.

7. Tag: Refugiul Berevoescu –  Bârsa-Tal, 23 km

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Am Morgen hörte der Regen glücklicherweise auf, im Westen brandeten aber immer noch die Wolken wie Wellen gegen die Gipfel der Făgăraș. Ich kehrte zum Hauptweg zurück, wandte mich weiter nach Osten und schon bald nach dem Gipfel des Comisul (1.883m) betrat ich zum ersten Mal seit dem ersten Tag wieder den Wald. Der Weg durch den Wald gestaltete sich etwas langsamer, da die Ausschilderung z.T. schwierig zu finden war. Am Curmătura Lerescu Mic entschied ich mich dann zum Abstieg ins Tal, dort folgte ich für ca. 10km dem eher langweiligen Forstweg bis an mein Ziel am Fuße der Piatra Craiului, welches besonders für Kletterfreunde ein tolles und wunderschönes Gebirge ist. Statt des Forstwegs könnte man alternativ auch auf dem Kamm bleiben und bspw. dem E8 ins Tal folgen. Nach meiner Reise war ich aber einfach nur zufrieden und glücklich, an meiner Unterkunft, der Cabana 7 Crai, nach 8 Stunden anzukommen und dort eine heiße Dusche und ein weiches Bett zu genießen.

Erschöpft entschloss ich mich, mein Glück nicht herauszufordern und auf eine anspruchsvolle Überquerung der Piatra Craiului zu verzichten. Vom Bârsa-Tal ging es dann per Mitfahrgelegenheit nach Zărnești und dann mit dem Bus weiter nach Brașov. Von dort aus fährt auch die Bahn nach Budapest zurück.

Fazit

Die 7 Tage in der Făgăraș gehören auf jeden Fall zu den schönsten Wanderungen, die ich bislang erlebte. Die abwechslungsreiche Landschaft der Südkarpaten in Rumänien ist einfach ein Schatz, den man mit allen Sinnen entdecken und genießen kann. Ich wanderte durch dichte Wälder, über sanfte Bergwiesen und schroffe Felsen. Ich genoss den Sonnenschein, wolkenumgangene Gipfel und funkelnde Sterne in klaren Nächten. Ich traf nette Menschen, Schafherden, (leider?) keine Bären und manchmal auch stundenlang einfach niemanden. Egal ob für eine Mehrtagestour oder nur kleinere Ausflüge: Ich kann einen Besuch der Făgăraș und Rumäniens allgemein uneingeschränkt empfehlen!

Meine letzte Wanderung wird dies nicht gewesen sein, denn schließlich gibt es in den Südkarpaten weitere Gipfel über 2.000m. Ob ich dann wieder so viel Glück mit dem Wetter habe?


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