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Reisebericht: Mit dem Fahrrad quer durch Südchina

Header BeitragDer Plan war denkbar einfach. Wir satteln unsere Räder in Kunming und fahren möglichst schnurstracks Richtung Osten, um irgendwann in der Küsten- und Inselstadt Xiamen anzukommen: von den Ausläufern des Himalaya durch die südchinesische Karstlandschaft direkt zum Strand!

Teil 1 von 2: Von Yunnan aus immer rauf und runter durch Guizhou bis nach Guangxi

CAMP4 Reisebericht: Mit dem Fahrrad quer durch Südchina

Kunming, die Hauptstadt der südwestchinesischen Provinz Yunnan ist die letzten viereinhalb Jahre unsere Wahlheimat gewesen. Um den Abschied so schmerzlos wie nur möglich zu gestalten, möchten wir die verbleibende Gültigkeit unserer Visa nutzen, um das Reich der Mitte mit dem Rad zu erkunden.

Vor uns liegt eine Fahrt durch sieben Provinzen über viele Hügel- und Bergketten, durch versteckte Lehmhausdörfer und manchmal auch entlang lauter Hauptstraßen – aber immer im größtmöglichen Bogen um Städte herum.

In der zweiten Oktoberhälfte geht es los, die Regenzeit sollte eigentlich seit ein paar Wochen vorbei sein aber heute schüttet es dennoch ziemlich stark. Egal, oder mei banfa wie die Leute hier immer so schön sagen, man kann’s nicht ändern. In diesem Fall stimmt es sogar ausnahmsweise mal…

Wir fahren noch bei einem Freund vorbei, um uns zu verabschieden. Er meint: „Was Ihr jetzt macht ist der Traum von so vielen Menschen, von denen sich die allerwenigsten diesen auch nur ansatzweise erfüllen können! Und Ihr macht das einfach mal so, genießt es!“ Der Adrenalinpegel steigt plötzlich.

Inzwischen ist es Nachmittag. Ein letztes Mal radeln wir durch ‚unsere‘ Stadt, kurz drauf über hässliche Vorstadttrassen, der Regen durchnässt den sämtlichen Inhalt meiner brandneuen und angeblich wasserdichten Lenkertasche, inklusive Kamera und Handy. Die vorbeidonnernden LKW stinken und zwingen uns, über die matschigen Seitenstreifen zu balancieren.

CAMP4 Reisebericht: Mit dem Fahrrad quer durch Südchina

Wir wollen uns eine trockene Unterkunft suchen aber jedes Hotel, jede Pension weist uns ab während die Dämmerung langsam einsetzt. Ausländer dürfen in China nur in speziell lizensierten Unterkünften bleiben und da jede Übernachtung bei den Behörden registriert werden muss, begeben sich die Besitzer unter Umständen in Schwierigkeiten wenn sie uns ohne Erlaubnis beherbergen. Hier in den Vororten kamen anscheinend noch nie Ausländer vorbei, dementsprechend hat hier auch keiner diese Lizenz. Und das bereits am ersten Tag…

Dieses Problem wird uns während der gesamten Reise begleiten; gut, dass wir unser Zelt dabei haben. Aber der Gedanke, dieses jetzt im strömenden Regen in einem unebenen Straßengraben eines relativ dicht besiedelten Vorstadtgebietes aufzubauen spornt uns weiter an, irgendwo ein trockenes Bett zu finden.

In einem kleinen Hinterhof werden wir nach erschöpfenden Stunden der Suche endlich fündig: wir können auf die kriminelle Energie der Rezeptionistin bauen, die entweder Mitleid mit uns durchnässten Geschöpfen hat oder einfach nur doch noch etwas Profit an diesem Abend machen will. Nach etwas Überzeugungsarbeit registriert sie uns einfach nicht und bietet uns letztendlich eines ihrer kahlen Zimmerchen an. Die Räder verstecken wir unter einer Treppe. Die Dusche im Zimmer ist lediglich lauwarm, die Solaranlage auf dem Dach war an diesem Regentag nicht sonderlich produktiv. Wir haben Bedenken, dass später am Abend doch noch die Polizei an die Türe klopft und uns rausschmeißt, wie es schon ein paar Mal in den letzten Jahren passiert ist, wenn wir abgelegene Gegenden erkundet haben. Aber es bleibt ruhig. Wir sind erschöpft, schließlich haben wir heute damit angefangen, den ‚Traum von so vielen Menschen‘ zu leben und bereits unglaubliche 25 Kilometer geschafft!

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Die nächsten zwei Tage ändert sich das nasskalte Wetter leider nicht wirklich. Auf der Suche nach kleineren Sträßchen ohne viel Verkehr landen wir schließlich auf einem steilen, rutschigen Feldweg, was die Stimmung nicht gerade hebt. Unsere chinesische Straßenkarten-App unterscheidet hier anscheinend nicht zwischen asphaltierter Landstraße im Tal und Traktorspur den Hang hoch. Höhenlinien gibt das Programm leider auch nicht preis. Und dies wird auch nicht das letzte Mal auf dieser Tour sein, dass wir uns in abgelegene Sackgassen in irgendwelche Bauernhöfe navigieren lassen. Die Wegführung ist oftmals verwirrend: unverständlich aufgestellte Schilder, falsche Ortsnamen oder schlicht nicht existierende Wege.

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Nicht weit entfernt vom Touristenmagneten und UNESCO Weltkulturerbe Steinwald radeln wir nun endlich bei Sonnenschein über kleine Betonwege zu einem blau schimmernden Stausee. Hier entdecken wir tatsächlich einen offiziellen Campingplatz mit funktionstüchtigem Sanitärgebäude, wovon es in China wahrlich nicht viele gibt. Für umgerechnet 1,25 Euro pro Person dürfen wir solange auf dem weitläufigen Gelände bleiben wie wir wollen. Das machen wir dann auch denn uns ist bewusst, dass wir solch einen schönen Platz nicht so schnell wiederfinden werden. Wir sind die meiste Zeit die einzigen Menschen am See, was in China auch nicht immer eine Selbstverständlichkeit ist. Ein kleiner Ort in der Nähe mit ein paar Läden versorgt uns mit dem Nötigsten. Die Weiterfahrt vertagen wir ein ums andere Mal.

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Einige Tage später und ein paar hundert Kilometer weiter nähern wir uns langsam der ersten Provinzgrenze. Hier wohnt das freundliche Völkchen der Buyi, eine von über 25 anerkannten ethnischen Minderheiten in Yunnan. Die Gegend ist bergig und steil und lange Auf- und Abfahrten sind keine Seltenheit. Wir rollen hinab, einem warmen Luftstrom entgegen, Bambusstrünke ersetzen Pinien, erste Bananen- und Papayabäume säumen unseren Weg. Der Gedanke, dass der Weg, einmal unten am Grenzfluss angekommen, sicherlich nicht flach weitergehen wird, lässt sich leicht verdrängen. Im verschlafenen und sympathischen Örtchen Duoyihe am Fluss suchen wir jemanden, der uns ein leckeres Mittagessen bereiten kann aber es ist schon Nachmittag und so gut wie alle Einwohner haben sich auf dem zentralen Marktplatz zum Tanzen versammelt. Gut, dass wir Zeit haben.

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Allgemein ist es ein gutes Gefühl nicht hetzen zu müssen. Das gilt sowohl für schöne Orte an denen wir noch länger verweilen wollen als auch für Straßen der Provinz Guizhou, die uns in regelmäßigen Abständen den ersten Gang aufzwingen: so wie an jenem Tag, an dem wir volle neun Stunden für 38 km benötigen, weil wir uns von 1000 auf über 1900 Meter hoch strampeln müssen. Vor der Abfahrt in Kunming hatten wir noch gescherzt: auf einer Route aus den Bergen zur Küste, da kann es ja nur bergab gehen…

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Nach über zwei Wochen Fahrt landen wir in Anlong, einer Kleinstadt, die größtenteils zum Abriss freigegeben wurde, denn hier baut ein Bauunternehmen eine nagelneue Altstadt hin. Chinesischer Fassadentourismus ist stark im Kommen! In einem der Häuser, das noch steht finden wir eine gemütliche Bierkneipe, was außerhalb größerer Städte eine mittelschwere Sensation ist. Es gibt Kühlschränke voller verschiedener Importbiere. In dieser kleinen Oase bleiben wir ein paar Stunden. Wir erzählen dem Wirt, was wir so machen. „In Kunming losgefahren?“ fragt er. „Na das ist ja nicht so weit, da bin ich mit meinem Auto in drei Stunden“. Vielen Dank auch, sehr motivierend!

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Auf unserem abwechslungsreichen Weg durch Guizhou in Richtung Osten überqueren wir noch einige Gebirgszüge, fahren aber auch mal kilometerweit über topfebene und brandneue rote Fahrradwege, die dann aber auch genauso schnell wieder verschwinden wie sie aufgetaucht sind. Ein Trupp Polizisten hält uns irgendwann an, um mal neugierig einen Blick in unsere Pässe zu werfen und ein anderes Mal müssen wir unsere Räder über einen Trampelpfad am Hang entlang tragen, weil die Straße komplett ins Tal abgerutscht ist und diese Stelle nur noch zu Fuß passiert werden kann.

Zu essen gibt es, was am Straßenrand angeboten wird. Meistens gibt es im Süden Chinas Reisgerichte und aus Reis produzierte Nahrungsmittel wie Reisnudeln, Klebreisfladen mit herzhafter Füllung oder süße Reisbällchen zum Nachtisch. Hört sich vielleicht nicht sehr abwechslungsreich an aber die Variationen sind phantasievoll und die Zubereitungsarten ändern sich von Dorf zu Dorf. Gab es in der einen Gegend noch selbstverständlich und überall Klebreisfladen, hat man keine 50 km weiter noch nie davon gehört. So wird Reis nie langweilig!

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Wir haben kein Reisehandbuch dabei. Zum einen, weil wir schon mit der ganzen Campingausrüstung genug Gepäck schleppen und zum anderen, weil es für die abgelegenen Regionen, die wir passieren wahrscheinlich sowieso keine passende Literatur gibt. Und so staunen wir nicht schlecht, als wir plötzlich vor dem größten Teleskop der Welt stehen. Das „Himmelsauge“, wie es vor Ort genannt wird, ist eingelassen in eine natürliche Senke zwischen Karsthügeln und misst stolze 500 Meter im Durchmesser! Zwar fehlen noch Fachkräfte, die es betreiben können aber wegen bereits laufenden Kalibrierungsarbeiten herrscht in einem Umkreis von 5 km absolutes Handy- Digitalkamera- und Funkuhrenverbot. Daher haben wir auch kein Foto von dem astronomischen Monster.

Von einer Aussichtsplattform haben wir einen unbeschreiblichen Blick über die Senke mit eingelassenem Teleskop. Zur riesigen Schüssel gehören noch ein hypermodernes Besucherzentrum in Astronomie-Architektur samt Museum, Restaurants, Luxushotels, Parkplätze soweit das Auge reicht und Shuttle Busse, die auch außerhalb der Urlaubssaison und mitten in der Woche ununterbrochen rollen. Im letzten Dorf fuhren wir noch an grasenden Wasserbüffeln und Schweinen vorbei und ein paar Kilometer weiter werden Weltrekorde gebrochen. Typisch China!

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Während der Tour hat es sich eingependelt dass wir meist zwei Nächte nacheinander zelten und uns für die dritte Nacht ein Hotel suchen, um uns und unsere Sachen zu waschen und in Ruhe die weitere Route mit Internet planen zu können. Oft finden wir versteckte Wiesen, kleinere Wäldchen oder weitläufige und entvölkerte Stauseeufer wo wir unser Zelt aufschlagen können. Aber manchmal, bleibt auch nach stundenlanger Suche nur der erweiterte Straßengraben, uneben und laut. Die verfügbaren Hotels und Pensionen sind einfache und günstige Unterkünfte, relativ sauber und mit dem Nötigsten ausgestattet. Einmal im Hotelbett, liegt es nah, einen Pausentag einzulegen, um die Beine zu entspannen, um die Ortschaften zu Fuß zu erkunden und um unsere Vorräte für die nächsten Campingnächte wieder aufzufüllen.

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Etwa einen Monat nach unserer Abfahrt wird es auch im Süden Chinas spürbar kälter. Wir knacken die erste 1000 km Marke und erreichen die Provinz Guangxi über kleine Sträßchen des Libo Nationalparks, in dem die Einheimischen in Erdlöchern blaues Färbemittel für ihre Kleidung aus Indigopflanzen herstellen; hier trägt fast jede Frau sehr hübsche dunkelblaue Schals und Gewänder!

Je weiter wir in den Osten Guangxis vordringen, desto spektakulärer werden die steilen und bewaldeten Karsthügel, durch deren Täler sich unsere Wege schlängeln. Die Gegend am Li Fluss um Guilin und Yangshuo ist nicht nur für Chinesen ein beliebtes Ausflugs- und Urlaubsziel sondern auch unter vielen Touristen aus aller Welt bekannt.

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Und den Ort, in dem die Karsthügellandschaft mit am spektakulärsten ist, hat man auf dem 20 Yuan Schein verewigt – das Dorf heißt Xingping. Hier gibt es eine kleine Permakultur-Farm, wo wir die Halbzeitpause unserer Radtour einlegen möchten, um uns vom radeln etwas zu erholen und zehn Tage – ja – arbeiten wollen. Und zwar für Kost und Logis. Vier bis fünf Stunden am Tag lichten wir den Pampelmusenhain, rupfen Unkraut und buddeln Löcher. Dazu kümmern wir uns um die Zimmer der angeschlossenen Pension und spielen Wanderführer für zahlende Gäste. Währenddessen wird für uns dreimal täglich lecker gekocht und wir haben unser eigenes Zimmer. Die Fahrräder stehen derweil unberührt in der Ecke.

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Teil 2 folgt: Von Guangxi weiter über Guangdong nach Fujian ans Meer

Ein paar Reisehinweise

Sprache: 

Ein Basiswortschatz in Chinesisch ist bei solch einer Reise sehr empfehlenswert, da englisch oder gar deutsch in dieser Region Chinas keiner spricht oder versteht. Ohne Ausnahme. Große Hilfe für unbekannte Vokabeln und Schriftzeichen ist die Übersetzungs-App Pleco

Räder & Ausrüstung: 

2 Alltag-Mountainbikes, gebraucht aber vor der Abfahrt generalüberholt. Jeweils zwei Satteltaschen und ein Gepäcksack boten gerade genug Stauraum für eine komplette Campingausstattung samt Kocher und warmen Klamotten für kältere Tage. Wärmere Wanderschuhe haben leider nicht mehr reingepasst, was oft kalte Füße zur Folge hatte.

Freiwilligenarbeit: 

Wir waren überrascht, wo auf der Welt überall für Kost und Logis gearbeitet werden kann. Eine tolle Option, um etwas Abwechslung in den Reise- und Radelalltag zu bringen. Zu empfehlen ist unter anderem workaway.info.

Karten: 

Das genaueste Kartenmaterial gibt es nur digital, Kartenatlanten sind nicht zu empfehlen. Um immer möglichst richtig zu liegen haben wir zwei verschiedene Apps benutzt und die Infos kombiniert: A-Map und Baidu Maps, das chinesische Pendant zu Google Maps, welches in China nur bedingt funktioniert. Mit chinesischen Schriftzeichen sollte man was anfangen können.

Du hast Fragen, Anregungen oder Verbesserungsvorschläge?
Schreib uns eine E-Mail: blog@camp4.de