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Mit dem Zug vom Japanischen Meer bis zur Wolga

SliderEin lang gehegter Plan wurde im September 2015 in die Tat umgesetzt. Eine Freundin und ich fuhren mit der transsibirischen Eisenbahn, nicht am Stück, sondern mit Zwischenstopps, nicht ab Moskau, sondern ab Wladiwostok, und auch nicht bis Moskau, sondern vor dem Ural gen Süden an die Wolga abbiegend.

Durchs Gebirge, durch die Steppen – Von Wladiwostok zum Baikalsee

Nach einem Zwischenstopp in Moskau flogen wir mit einer der weltweit längsten Inlandsflugverbindungen beinahe neun Stunden nach Wladiwostok. Wir verbrachten zwei Tage mit dem Ansehen der Stadt und des Japanischen Meeres, bevor wir es uns abends im Nachtzug nach Khabarowsk am Amur bequem machten.

Dort angekommen besichtigten wir die Stadt, gingen am ziemlich breiten Strom entlang und bestiegen abends wieder einen Zug, der uns bis Ulan-Ude, beinahe am Baikalsee gelegen, bringen sollte. Über 50 Stunden im Zug, und das selbstverständlich platzkartnui, also im offenen Schlafwagenabteil.

Der Zug war voll, die Mitreisenden meistens erträglich. Aber auf Dauer wurde es doch etwas anstrengend, auch weil wir die unteren Betten belegt hatten, die tagsüber Sitzbank für alle wurde; dafür war die Luft unten weniger stickig. Die vorbeiziehende Landschaft des russischen Fernen Ostens und Sibiriens war erstaunlich abwechslungsreich, es gab nicht nur Taiga, sondern, Flüsse, Seen, und auch Bergketten und Steppen, Städte und Dörfer, Industrie und Landwirtschaft. Zudem verfärbte sich das Laub gerade herbstlich.

Und da die Lok in jedem neuen Eisenbahnverwaltungsbezirk gewechselt wurde, gab es auch regelmäßig Pausen zum Beine vertreten jenseits des Zuges. Ulan-Ude war eher asiatisch als russisch geprägt, aber vor allem sowjetisch, es gab einen riesigen Leninkopf zu bewundern, quasi ein Pendant zum „Nischel“, dazu ging es sehr entspannt zu, niemand hatte es eilig, abends promenierte nicht nur die Jugend am Fluss, es wurde getrunken, und ein älterer Mann mit Fahrrad fuhr mit einem Kassettenrecorder durch die Gegend, laut Wladimir Wyssotzki hörend.

Leider wurde uns erst nach dem Lösen der Tickets nach Sludyanka am Baikalsee bewusst, dass die Bahnzeit Moskauer Zeit ist, so dass wir am nächsten Tag leider keine Zeit mehr hatten, mehr von dieser Stadt mitzubekommen. Also fuhren wir bei Regenwetter gen Baikal und ein Teil der Strecke führte schon am See vorbei.

Sludyanka war wiederum nicht wirklich einladend, ein kleines Kaff mit einem riesigen Güterbahnhof. Wir suchten uns ein sehr heruntergekommenes Hotel und drehten abends noch eine Runde am Baikalsee, der Regen hatte fast aufgehört. Nach Irkutsk fuhren wir dann Bus.

Quartier hatten wir in Bahnhofsnähe, doch liefen wir bald über eine Angarabrücke – der einzige Baikalabfluss – in die sehr schöne Stadt. Nach Wladiwostok war es die erste „Richtige“ und wir besuchten diverse stolowajas, Märkte und Geschäfte, kreuzten durch die Stadt und hatten eine gute Zeit. Auch machten wir noch einen Ausflug zum Baikal, diesmal nach Listvjanka.

Und wir beschlossen angesichts der zu schnell verrinnenden Zeit und der Präsenz von Aviakassi zu schummeln: nicht mit dem Zug wollten wir von Novosibirsk nach Swerdlowsk (Jekaterinburg) fahren, sondern die westsibirische Tiefebene überfliegen. So ersparten wir uns ungefähre 25 Stunden im Zug, und gewannen so Zeit, um diese in Städten zu verbringen.

… bis zum Ural

Doch erstmal ging es mit dem Zug weiter, und zwar nach Krasnojarsk am Jenissej. Wir hatten dort nur ein paar Stunden Zeit, die aber auch, wie sich herausstellte, genügten, um einen Eindruck zu gewinnen.

Sicher gab es ein paar nette Ecken, den Jenissej, aber so spannend zeigte Krasnojarsk sich nicht. Weiter brachte uns der Zug dann nach Novosibirsk, wo wir wiederum fast zwei Tage blieben, die sich auch lohnten. Neben breiten Magistralen und moderner Architektur der 1920er und 1930er Jahre und einem Bahnhofsgebäude, das der Silhouette einer Lokomotive nachempfunden war, war Novosibirsk eine angenehme Großstadt mit allem, was dazu gehört.

Dann kam die Schummelstrecke: unser Flug nach Swerdlowsk hatte drei Stunden Verspätung, das Flugzeug kam schon aus Jakutsk. So wurde es immer ungewisser, ob wir die bereits erworbenen Zugtickets von Swerdlowsk nach Samara noch beanspruchen könnten.

Zudem hatte es beim Ticketkauf Komplikationen gegeben: Eine Bahntrasse von Samara nach Wolgograd führt durch ein Eckchen Kasachstan, was wir nur mitbekamen, als uns ein Zettel über eine Grenze vorgelegt wurde. Es dauerte ungefähr eine Stunde und es brauchte die Hilfe der leitenden Bahnangestellten und diverser Fahrpläne, um das Problem zu verdeutlichen, nämlich dass wir für Kasachstan ein Transitvisum bräuchten und deshalb gerne diese Route nicht fahren wollten. Aber dann ging alles glatt.

Unser Flugzeug landete in Swerdlowsk selbstverständlich auf einer Außenposition, selbstverständlich mussten wir (gefühlt, tatsächlich ging es schneller) Ewigkeiten auf unser Gepäck warten, bevor wir in ein Taxi sprangen und dem Fahrer sagten, zum Bahnhof bitte, aber dawai. Dies ließ sich der junge Fahrer nicht zweimal sagen. Sein neues Taxi trieb er mit 160 km/h über eine Autobahn wo 100 erlaubt waren, und auch in der Stadt war sein Fahrstil durchaus sportlich.

Er fuhr riskant, aber souverän. Und tatsächlich, wir waren eine Viertelstunde vor Abfahrt unseres Zuges am Bahnhof. Ein üppiges Trinkgeld hatte sich der Fahrer verdient. So zuckelten wir also, nach dieser Sprinteinlage nach Süden über Tscheljabinsk, um dann leider nachts über den Ural zu fahren und so nichts von der Landschaft sahen.

Wolga und Moskau

Samara war nun unsere Stadt für zwei Übernachtungen und wir machten nichts spektakuläres, außer an der Wolga zu spazieren und zu baden. Und dann fuhren wir das letzte Mal Nachtzug, und zwar nach Wolgograd. Hier war es auch das einzige Mal, dass unsere Papiere im Zug von der Miliz kontrolliert wurden.

Schließlich näherten wir uns dem Nordkaukasus. Wolgograd zeigte sich wie wir es ahnten: Architektur des sowjetischen Klassizismus, und zwar die ganze Stadt; Ausnahmen waren die neueren Viertel aus der Chruschtschow- bzw. Breschnewzeit. Selbstverständlich versuchten wir auch alle Denkmäler zu besuchen, die an den Sieg der Roten Armee gegen die Deutschen in den Jahren 1942-43 und den Wendepunkt des Zweiten Weltkrieges erinnerten, wie das Traktorenwerk und den Mamaev Kurgan.

Die letzte Station unserer Reise war Moskau, was wir wiederum mit dem Flugzeug erreichten. Moskau war nun die Stadt Russlands auf unsere Reise die am „westlichsten“ im Wort- wie im übertragenen Sinn war. Während überall auf der Reise die sowjetische Vergangenheit omnipräsent war, hier war sie fast verschwunden bzw. von allem Neuen übertüncht. Erschreckend ferner wie Reichtum zur Schau gestellt wurde. Doch auch hier gab es nette Ecken jenseits der Konsum- und Touristenmeilen.


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