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Reisebericht: Tino’s Abenteuer auf dem Jakobsweg – Teil 1

Der folgende Reisebericht wurde von mir während des Jakobswegs auf meinem Handy verfasst und über WhatsApp mit Freunden und Verwandten geteilt.

Tag 1: Der lange und beschwerliche Weg durch die Pyrenäen

Los geht’s in St. Jean Pied-de-Port (oder so ähnlich… auf jeden Fall auf der französischen Seite der Pyrenäen). Nach Anreise mit Flugzeug und Bus steht am 27. April die erste Etappe an. Als fußkrankes Stadtkind lache ich mir einen dicken Kölner an, der aufgrund seiner Körperfülle im Schneckentempo läuft. Unter dem Deckmantel der Rücksichtnahme kann ich so selbst über die Berge schleichen, während 80-jährige und Schwangere links und rechts an uns vorbeiziehen. Wetter ist super, wenn auch etwas kalt. Laufe zum ersten Mal in einer Wolke (schmeckt nicht nach Zuckerwatte?). Die Etappe ist landschaftlich so schön, dass es statt weiterer Worte ein paar Bilder gibt.

Tag 2: Laufen Laufen Sonne Knie Aua Aua

Die schlimmste Etappe des gesamten Weges ist geschafft, die erste Nacht ist überstanden, alles tut weh. Schultern und Nacken vom Rucksacktragen, Beine und Knie vom Bergabgehen, der Stolz vom vielen Überholtwerden. Der dicke Kölner wurde in der Herberge zurückgelassen, weil hat zu viel gequatscht (Zitat: “Einmal, als ich wandern war und dann pullern gehen wollte, da bin ich kurz vom Weg weg und dann… also es war so kalt, das kannst du dir gar nicht vorstellen, da war er so klein geworden, dass ich gar nicht mehr pullern konnte! Wahnsinn, was?”). Also heute mal alleine los. Hab dafür die Freude am langsamen Gehen für mich entdeckt. Irgendwie genieße ich dadurch die Umgebung und die Natur viel mehr. Und man braucht keinerlei Pausen mehr zu machen, die alleine eh nur langweilig sind. Also schleiche ich mit Gletschergeschwindigkeit über die Ausläufer der Pyrenäen und freu mich über die viele Sonne, die schöne Natur und die lieben Mitpilgerer. Am Ende der Etappe geht’s 3 km zum Teil recht steil bergab, wo ich dann doch meine Knie schmerzlich spüre. Ruft Erinnerungen an von vor 4 Jahren wach (erster Versuch den Jakobsweg zu laufen, Abbruch nach 100 Kilometern wegen entzündeter Patellasehne), weshalb ich mich die letzte Stunde mit gedämpfter Stimmung nach Zubiri schleppe.

 Tag 3: Knie tun weh, mein Körper ist ein Arschloch,
ich bleibe zurück und muss die anderen Kinder ziehen lassen

Am dritten Tag stehe ich morgens auf und meine Knie begrüßen mich mit Schmerzen. Ich bin traurig. Während alle anderen sich aufmachen, um unvergessliche Momente und fantastische Abenteuer zu erleben, bleibe ich allein in der Herberge zurück und überlege, was ich machen soll. Die Muskeln rund ums Knie schmerzen bei jedem Schritt leicht und beim Bergabgehen deutlich. Wenn es wieder so laufen sollte wie vor 4 Jahren, dann ist das der Anfang vom Ende. Die Vernunft in mir lässt mich in Zubiri bleiben, wo ich mir ein Einzelzimmer miete und den ganzen Tag schlafe und mit meinem Handy spiele. Am Ende des Tages schwimme ich in einem Ozean aus Selbstmitleid und habe mir Wanderstöcke, Kniebandagen, neue Einlagen für die Schuhe, Ibuprofen, Voltaren und homöopathische Zauberpillen gekauft. Wenn ich wieder scheitere, dann wenigstens nicht, ohne vorher nochmal sinnlos Geld verpulvert zu haben.

 Tag 4: Lektion in Demut

Nach einem ereignislosen Ruhetag geht es endlich weiter. Mein neues und verbessertes Ich macht sich bei mittelgeilem Wetter auf nach Pamplona. Die Knie sind fest bandagiert und riechen nach alten Menschen (oder wonach Voltaren halt riecht), während ich mich an meinen neuen Wanderstöcken vorwärtsziehe. Interessantes Gefühl. Während ich mich krampfhaft an meinen Krücken festhalte, überholt mich die Konkurrenz (Altersschnitt 60+) mit federnden Schritten. Nicht ganz leicht, dabei ein intaktes Selbstwertgefühl aufrecht zu erhalten (und die gucken einen dabei auch immer noch so fröhlich an und wünschen einem ‘Buen Camino!’ Voll der emotionale Missbrauch). Passend dazu beginnt es dann auch noch zu regnen. Der 5 €-Regenponcho reißt an drei verschiedenen Stellen, bevor auch nur der erste Regentropfen auf ihn gefallen ist. Was den daraus resultierenden Regenschutz anbelangt, hätte ich stattdessen auch einfach den investierten 5€-Schein mitnehmen und mir über den Kopf halten können. Der Einsatz des Regenschirms scheitert an der Verwendung der Wanderstöcke und meiner begrenzten Anzahl an Händen. Für die nächsten vier Stunden besteht meine Regenstrategie also aus ‘nass werden’. Klappt zur Abwechslung direkt auf Anhieb. Dafür ist der Weg aber auch angenehm leer. Zwei Stunden lang begegnet mir keine Menschenseele, während ich mich wie ein Gorilla einzig durch die Verwendung meiner Arme vorwärts bewege und meine Beine lustlos hinter mir herziehe. Der Moment des Tages kommt, als ich ganz für mich allein, bei Nieselregen und unter wolkenverhangenem Himmel wandere und mein Mp3-Player ‘Supermarket Flowers’ von Ed Sheeran spielt. Drei Minuten lang habe ich Tränen in den Augen. Mama, Papa, ich hab euch lieb.

Eine Stunde später komme ich durchnässt in Pamplona an (selbstverständlich alles vom Regen, weil für richtiges Weinen bin ich zu männlich).

 

Tag 5 – 6: Mein Körper verhält sich schon wieder wie ein Prinzesschen,
ich langweile mich zwei Tage lang in Pamplona und begreife, dass man
den Moment im Angesicht seiner Vergänglichkeit genießen muss,
anstatt sich vergebens darum zu bemühen, ihn festzuhalten

Ich komme in der deutschen Herberge Casa Paderborn unter und finde sämtliche Klischees über Deutsche bestätigt. Wer die Schuhe nicht sofort nach Betreten des Hauses auszieht, wird angepfiffen, es gibt eine Hausordnung (erster und wichtigster Punkt: Niemals jemals etwas oder gar jemanden auf die Betten legen, ohne dass vorher ein Schlafsack untergelegt wurde) und die Herbergsmutter, Doris, ist ein passiv-aggressiver Hausdrache, der alles und jeden wie einen begriffsstutzigen 8-jährigen behandelt. Wenn man das Gemüt von Menschen danach einsortieren würde, ob für sie das Glas eher halbvoll oder halbleer ist, dann wäre das Glas von Doris stets halb verschüttet (wahrscheinlich auf einer ihrer Herbergs-Matratzen, ohne dass vorher ein Schlafsack untergelegt wurde). Naja. Dafür ist der Herbergsvater, Ernst, ein Sonnenschein. Und auf der positiven Seite erfüllt die Herberge auch alle Klischees. Alles funktioniert, alles ist sauber, der allgemeine Standard liegt weit über dem Durchschnitt und das Ganze kostet dabei weniger als gewohnt.

Mehr aus Verlegenheit als aus allem anderen entscheide ich mich dazu, meine Knie einem Arzt zu zeigen. Die Diagnose: Überlastung und Überanstrengung der Muskeln in und ums Knie. Vier bis fünf Tage Ruhe, dreimal täglich Ibuprofen und Voltaren. Bleh. Überlege kurz, der Ärztin einfach jegliche Kompetenz abzusprechen, weil sie Schwierigkeiten hatte, auf Englisch bis drei zu zählen (hier kann echt keiner Englisch), aber vertraue letztlich dann doch ihrem Urteil. Zu groß die Angst, wieder zu scheitern. Zurück in der Herberge treffe ich auf einige Deutsche, von denen manche (zu meiner persönlichen Freude) auch beschädigt sind. Zusammen mit Gerda (66, Arthrose im rechten Knie) und Julian (23, Kotzerei) gründe ich den Club der beschädigten Personen.

Emotional bereite ich mich darauf vor, die nächsten Tage mit Nichtstun zu verbringen. Abends unterhalte ich mich mit den Neuankömmlingen und lausche ihren fröhlichen Erzählungen (alle mir bekannten Gesichter sind aufgrund meines Ruhetages in Zubiri leider schon eine Etappe weiter). Ich fühle mich dabei wie ein kleiner Junge, der traurig am Fenster steht und zusehen muss, wie seine Freunde losziehen, um Abenteuer zu erleben, während er zurückbleibt. Den meisten Menschen, denen ich jetzt begegne, werde ich nie wieder über den Weg laufen.

Wenn ich wieder fit bin, sind sie 80-100 km weiter. Unsere Leben sind wie zwei sich schneidende Linien, die sich an diesem einen Punkt treffen, bevor sie sich bis in alle Ewigkeit wieder voneinander entfernen. Zu Beginn bin ich traurig, weil ich all die interessanten, neuen Bekanntschaften gleich wieder ziehen lassen muss. Irgendwann merke ich, dass für jeden lieben Menschen, der geht, auch ein neuer nachkommt. Letztlich hält es sich vielleicht die Waage und ich beginne auch das Schöne darin zu sehen. Jeden Tag lerne ich neue Menschen kennen und höre neue Geschichten.

Tagsüber hänge ich also mit meinem Club im Krankenhaus rum, wir shoppen in Pamplonas Apotheken oder hängen wie Obdachlose/Rentner auf den örtlichen Plätzen rum (hab echt mal eine ganze Stunde lang ohne jegliche Interaktion mit meiner Umwelt allein auf so einer Parkbank gesessen und nur geguckt – wie lang eine Stunde sein kann).

Am zweiten Ruhetag verabschieden wir uns von Julian (23, Kotzerei, Gründungsmitglied) und begrüßen Lisa (26, schmerzhafte Schwellung im Bein nach Sturz).

Jeden Morgen von 8:00 bis 12:00 Uhr müssen wir die Herberge verlassen, weil es sich bei dieser um eine staatliche handelt und für diese Schließzeiten gelten. Doris ist fast vor rechtschaffener Kränkung gestorben, als ich sie fragte, ob ich als Fußkranker bei knapp über null Grad, Nieselregen und geschlossenen Geschäften nicht doch bleiben könnte. Aber Regeln sind Regeln. Und von Nächstenliebe steht nichts in der Hausordnung. Hänge dann im Warteraum des Krankenhauses rum. Dort wird wenigstens geheizt.

Und noch kurz ein Bild von den Menschen, mit denen ich hier so wandere: Das Gründungsfoto unseres Clubs. Von links nach rechts: Lisa (dicke Wade), Ich (aus Zucker), Julian (Kotzerei), Herbergspapa Ernst, Herbergsdrache Doris, unbeschädigtes Mädchen, Gerda (Kniearthrose)

Tag 7 – 8: Unser Club macht eine Busreise nach Puente la Reina,
um dort die letzten Ruhetage zu verbringen und um
unseren diversen Gebrechen den Berg hinter Pamplona zu ersparen

Puente la Reina ist der Ort, in dem mein erster Anlauf vor 4 Jahren sein vorzeitiges Ende fand. Und nun bin ich dort wieder. Wieder mit Knie-Problemen. Seltsames Gefühl.

Nach den Ruhetagen in Pamplona habe ich mich etwas ans Nichtstun gewöhnt und in Puente scheint nun auch endlich wieder die Sonne, weshalb die Zeit nicht ganz so langsam vergeht. Sitze viel rum, lese die von anderen Pilgern zurückgelassenen Bücher, esse Eis, genieße die Stille in der örtlichen Kirche und quatsche mit Gerda. Oder mit anderen Pilgern. Am liebsten über ihre Wehwehchen. Könnt ich den ganzen Tag lang machen.

‘Und wie geht’s dir so? Nicht so gut? Oh, ja, hmm. Voll doof. Wo? So richtig schlimm? Hmm hmm.’

Dabei streiche ich mir bedeutungsschwer durch den Bart, gucke mitfühlend und freue mich innerlich, dass andere Kinder auch Probleme haben. Blöd ist immer nur, wenn jemand gar keine Probleme hat (Buh!). Noch blöder, wenn derjenige dann auch noch in fortgeschrittenem Alter ist (Doppel-Buh!). Wenn ich’s gar nicht mehr aushalte, rede ich mit Gerda und wir erzählen uns gegenseitig von unseren Wehwehchen. Voll schön.

Tag 9: Erste zaghafte Gehversuche

Die vom Arzt verschriebene Ruhezeit ist überstanden, es geht wieder los.

Julian (Kotzerei) ist mittlerweile auf dem Heimweg, weil er die Lust am Wandern verloren hat. Gerda (Arthrose im Knie) ist zusammen mit Lisa (dickes Bein) mit dem Bus bis Estella gefahren, von wo aus beide nun weiter humpeln. Ich werde also allein versuchen müssen die Ehre des Clubs auf dieser Etappe aufrechtzuerhalten.

Mit sanften Schritten geht es los. Hier und da ziept’s noch, aber im Großen und Ganzen fühlt sich alles wieder gut an. Die vielen Stunden der Langeweile scheinen sich gelohnt zu haben. Vom Weg bekomme ich nicht so viel mit, da ich von Beginn an mit Musik in den Ohren unterwegs bin und mich voll und ganz aufs Laufen und meinen Körper konzentriere. Ist etwas schade, aber lässt sich wohl nicht ändern. Scheint sowieso ein wiederkehrender Trend bei mir zu sein: wenn es mir nicht gut geht (oder ich die Sorge habe, dass etwas nicht stimmen könnte), ziehe ich mich in mich selbst zurück und denke nur noch über das vermeintliche Problem nach. Ich versuche meiner Sorgen Herr zu werden, indem ich permanent in mich hineinhorche, in der Hoffnung, nichts als Wohlbefinden zu vernehmen und mir so die Bestätigung zu holen, dass auch wirklich alles gut ist.

Klappt nur so semi-gut. Nicht nur bin ich dadurch immer etwas abwesend, ich würd’s wahrscheinlich auch schaffen, mir einen gebrochenen Zeh herbei zudenken, wenn ich’s nur lang genug versuche.

Naja, dafür gibt’s ja Musik. Ich laufe also im gewohnt langsamen Tempo und versuche nicht ständig an all die Dinge zu denken, die mir weh tun könnten. Klappt letztlich irgendwie und nach sechs Stunden komme ich bei strahlendem Sonnenschein und nur einen leichten Ziehen im linken Knie in Estella an. Zu angespannt, um groß mit den anderen Menschen zu reden, erwarte ich den nächsten Morgen und die (hoffentlich) ausreichende Erholung durch eine Nacht voll Schlaf. Ich bin vorsichtig optimistisch.

(Heute könnte auch seit langen mal wieder ein Tag gewesen sein, an dem ich nicht fetter geworden bin. Und ich hab meinen Schlüppi gewaschen. Riecht jetzt komisch. Bin zu dumm für Handwäsche?)

 

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