Reiseberichte » Europa  » Norwegen

Pilgern auf norwegisch: Über Besseggen

Masha vor Kulisse_sliderNach vielen Monaten Arbeiten neben unserer Studien und haargenauer Sparplanung, konnten Patrick und ich uns endlich unseren großen Traum von der Norwegenreise erfüllen. Der Plan war, typisch deutsch, unseren geliebten „Ölli“ (ein gelber VW LT 28) voll mit Lebensmitteln zu packen und durch dieses wunderbare Land zu touren.

Die ganze Tour war märchenhaft. Tagsüber ein paar Stunden fahren und abends mit einer Flasche Wein die Natur genießen und uns am „Dasein“ erfreuen. Der folgende Bericht soll eine unserer vielen Wanderungen über den Besseggen beschreiben.

Es ist 5:50 Uhr und der Wecker reißt uns aus einem metertiefen Schlaf. Ölli und wir haben kurz vor Gjendesheim geparkt, dem Startpunkt für unsere aufregende Wanderung. Selbstverständlich hätten wir auch direkt in Gjendesheim parken können, aber dort waren die Parkgebühren astronomisch, so dass wir uns für einen kleinen Parkplatz kurz vorher entschieden und morgens mit unseren Rädern nach Gjendesheim fuhren.

Schneller du (Draht-)Esel!

Nachdem wir unser Kraft-körner-wir-überholen-euch-alle-niemand-kann-uns-aufhalten-Müsli gegessen hatten, schnallten wir unsere Räder von Ölli, verabschiedeten uns und rollten gemütlich fünf Kilometer – hier sei das enorme Höhenprofil erwähnt – runter nach Gjendesheim.

„Na viel Spaß dann aufm Rückweg am Abend“, rief ich laut zu Patrick, der wie eine Rakete vor mir runter Richtung Startpunkt düste. So viel Spaß um 6:30 Uhr, wer hätte das gedacht?! In Gjendesheim angekommen, suchten wir zwei schnucklige Plätze für unsere Drahtesel und erkundeten die Lage.

Man musste Nummern ziehen und wurde dann für das jeweilige Boot aufgerufen, welches nach Memurubu fuhr, wo die Wanderung über Besseggen, zurück nach Gjendesheim startete. Schnell huschten wir noch in den Kiosk, um einen Sticker für Ölli zu suchen, denn das war in jedem Ort Pflicht. Ölli sollte voll beklebt wieder nach Berlin fahren und ein richtiger „Nordbus“ werden.

Auf die Boote fertig los

Gegen 8:00 Uhr konnten wir dann auch auf ein Boot und fuhren über den See Gjendenach Memurubu. Diese Fahrt war malerisch. Links und recht türmten sich gewaltige Felsformationen und der See war rein und blau. Es war einfach unfassbar solche Naturkombinationen, die man sonst nur getrennt sieht, in einem Bild zu haben.

Patrick und ich konnten kein Wort sagen, da wir beide vollkommen fasziniert waren. Dennoch ahnten wir schon anhand der Anzahl der Passagiere, dass die Wanderung keine einsame, romantische Tour werden würde, sondern eher ein Gänsemarsch der Nationen.

Aber gut, gleiches Recht für alle eben.  Nach ca. 45 min kamen wir dann in Memurubu an. Die Hälfte der Menschen nistete sich erstmal im Restaurant vor Ort ein, so dass zumindest am Eingang des Wanderweges ein wenig idyllische Ruhe aufkam.

Inmitten einer überwältigenden Kulisse

Nachdem wir unsere Wasserflaschen aufgefüllt hatten und die Socken glatt gezogen waren, gingen wir los. Nach wenigen Minuten ging es steil bergauf. Die Sonne schien uns in den Nacken und schnell tat sich eine wunderbare Landschaft auf, die ich so noch nie gesehen hatte.

Natürlich hatte man schon oft Dokumentationen über Norwegen oder Neuseeland gesehen und ein Stechen im Herz gehabt, voller Fernweh und Anmut über solche Naturerscheinungen, doch selbst einmal in solch einer Kulisse zu stehen, war für mich Berlinerin überwältigend.

Nachdem wir ein wenig Höhe erreicht hatten, schaute man ins Tal und erblickte Felsen, Seen, wieder Felsen und unten den klaren, hellblauen See Gjende, der von der Sonne bestrahlt wurde. Für kein Geld der Welt hätten wir dieses Bild und diesen Moment hergegeben.

Nicht ohne Grund wandern über 30.000 Menschen pro Jahr diesen Weg und fotografieren diesen außerordentlich seltenen Naturanblick. Der wohl schönste Moment ist, wenn man in das Tal schaut und die Seen Gjende und Bessvatn, eingebettet in ein hochalpines Panorama, sieht.

Für alles und jeden

Wie so viele andere, entschließen wir uns, hier eine Pause zu machen und etwas zu essen. Erstaunlich ist, dass dieser doch nicht unanspruchsvolle Weg von scheinbar allen Altersklassen gewandert wird.

Und noch viel erstaunlicher ist, dass man von Zehentrennern, über Nike Airs, Jeans, Fjällraven-Hosen, Röckchen, Kleidchen, über Hunden und Katzen in Transportboxen, alles auf diesem Weg antrifft. Die Wanderung über den Besseggen scheint eine Art Pilgerweg zu sein, den man einfach gemacht haben muss, egal, ob Einheimisch oder nicht.

Nachdem wir unsere Rast beendet haben, wandern wir über einen kleinen Pfad weiter, der deutliche Abnutzungsspuren aufwies. Richtung Gjendesheim laufen wir über den Veslefjell und erreichen den höchsten Punkt der Wanderung (1742m), der durch einen riesigen Steinhaufen markiert ist.

Teilweise ist der Weg recht anspruchsvoll und ist durch Ketten gesichert. Aufgrund des schönen Wetters scheinen sich die Massen zu multiplizieren, so dass man oft warten muss, um überhaupt irgendwo lang gehen zu können. Kurz vor Gjendesheim teilt sich der Weg noch einmal und wir haben die Wahl nach Bessheim zu wandern.

Doch wir müssen nach Gjendesheim, um unsere Fahrräder zu schnappen und wieder in unseres trautes Heim zu radeln. Diesmal jedoch die ganze Strecke bergauf. Das, was ich am Morgen erahnte, wurde wahr.

Wenn Träume wahr werden

Nach sieben Stunden Wanderung, wollten wir es nochmal so richtig wissen und radelten und radelten und radelten. Zum Glück konnten wir schon das Weinkorkengeräusch hören und das Abendessen riechen.

Voller Glück kamen wir zu unserem Parkplatz, begrüßten Ölli, der sich inzwischen einen schönen Tag gemacht hatte und uns von anderen Wohnmobilen erzählte, die kurz vorbeikamen und ihm berichteten, wo sie alles schon waren. Ich stieg in unsere kleine Kombüse und fing an zu kochen. Den Abend genossen wir bei einem wunderbaren Glas Wein und Spaghetti und schauten in den Sonnenuntergang.

Lange werden wir noch von Norwegen und seinen wunderbaren Menschen, Bergen und Naturerlebnissen träumen. Die Schufterei und das Sparen ist es absolut wert einmal dieses Land sehen zu dürfen.


Eine Antwort auf Pilgern auf norwegisch: Über Besseggen

  1. Birte says:

    schön! :)

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *