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Im Winter auf den Erciyes Dagi

Traumwetter in der ersten NachtCamp4 Reiseautor Philipp war wieder auf Tour und hat sich dieses mal für den inaktiven Vulkan Erciyes Dagi in der Türkei, genauer gesagt in Zentralanatolien entschieden. Gerne wäre er auch nach Schottland, ins Rila- oder Piringebirge, in Bulgarien gereist. Aber die gute Erreichbarkeit der Türkei war einfach ein schlagendes Argument.

Das sinnvolle Verbringen von fragwürdigen Jahresendfeiertagen ist nicht so einfach. Nutzte ich die Zeit in der Vergangenheit dazu, die wenigen freien Tage beispielsweise im nahen Riesengebirge oder auch an der polnischen Ostseeküste wandernd zu verbringen, fiel die Entscheidung dieses Mal etwas weiter zu reisen. Zu Ungunsten von Schottland, Rila- oder Piringebirge (Bulgarien) entschied ich mich für einen inaktiven Vulkan in Zentralanatolien.

Am späten Vormittag des 24.12. hob mein Flugzeug in Tegel ab, ich hatte einen kurzen stop-over in Istanbul, und abends war ich in Kayseri. Der Bus ins Zentrum nahm mich unentgeltlich als einzigen Fahrgast mit, prompt fand ich das reservierte Hotel, erfragte die nächste Tankstelle zur Treibstoffbesorgung für den Kocher, und ging nach einem kurzen Spaziergang schlafen.

Der nächste Morgen zeigte sich sonnig, beim Frühstück im 7. Stock sah ich bereits mein Ziel, das sich nur ca. 25 Kilometer von der Stadt entfernt aus der anatolischen Hochebene erhebt. Ein Dolmus brachte mich in den Wintersportort am Fuße des Erciyes Dagi, ich meldete mich vorschriftsmäßig bei der Jandarma an, erntete etwas erstaunte Blicke, als sie realisierten, dass ich allein auf den Berg wollte, aber sie ließen mich ziehen.

Hinauf auf 3000 Meter

Die ersten Meter ging ich noch ohne Schneeschuhe, doch bald verlangten Schneeverwehungen das Anlegen derselben. So stapfte ich langsam im strahlenden Sonnenschein bergan. Ich hatte eine Route gewählt, die etwas länger war, aber dafür auf sehr steile Anstiege verzichtet, nicht zuletzt wegen möglicher Lawinen. Der letzte Schneefall war allerdings schon etwas her.

Auf knapp über 3000 Metern Höhe schlug ich dann relativ früh meine Zelte auf dem Grat auf, da hier der Boden relativ flach war und ein paar zugeschneite Einfrieungen aus Steinen diesen Platz als Zeltplatz auswiesen. Vor allem wusste ich nicht, wie es weiter oben mit Möglichkeiten zum Zeltaufbau aussehen würde.

Ich schmolz Schnee, kochte, zog mir nach und nach immer mehr an, da das Thermometer langsam aber sicher auf den 2-stelligen Negativbereich zusteuerte. Ich genoss den Sonnenuntergang und kuschelte mich bald in meinen Schlafsack.

Auf den (Neben)Gipfel

Vorteil an Winterunternehmungen ist, dass die Bedingung für ausgiebigen Schlaf durch die Tageslänge gegeben ist. So schlief ich ewig, kroch irgendwann bei bestem Wetter aus dem Zelt, frühstückte, packte den Krempel für den Tagesausflug auf den Gipfel und spannte das Zelt noch einmal gut ab. Gegen Morgen hatte der Wind nämlich spürbar zugenommen.

So machte ich mich auf den Weg. Möglichkeiten diesen zu verfehlen gab es nicht, da ich immer dem Grat folgte, nur Vorsicht musste ich ob der Wächten walten lassen. Beinahe permanent leisteten mir die Steighilfen meiner Schneeschuhe gute Dienste beim Bewältigen der teils knackigen Anstiege.

Auch fühlte ich mich in exzellenter Form, gut durch langen Schlaf akklimatisiert, und noch dazu mit leichtem Gepäck. Der Gipfel rückte näher und näher, nach dem Nebengipfel ging es noch ein Stück wieder hinab, und dann lag vor mir in greifbarer Nähe der Hauptgipfel.

Und: ich kehrte um. Für die letzten Meter fühlte ich mich ohne Steigeisen und Pickel zu unsicher um das Steileis zu bewältigen. Und ich hatte wenig Lust ein paar hundert Meter in die Tiefe zu rutschen. Also ging ich wieder zurück, die Sonne strahlte nach wie vor, und der Wind wurde stärker. Der Erciyes Dagi ragt solitär aus der Ebene und ist doch etwas windanfällig.

Wieder am Zelt angelangt verbrachte ich die Zeit des verbleibenden Tageslichts wieder mit Schnee schmelzen und kochen, und mit der Dunkelheit kroch ich ins Zelt. Diese Nacht sollte nicht so entspannt verlaufen, da die Sturmböen kräftig gegen die Zeltwände droschen. Aber weder riss es Heringe heraus noch verbog das Gestänge.

White Out

Einigermaßen ausgeschlafen packte ich dann nach Morgengrauen den Krempel zusammen, der Gipfel wie auch die Landschaft unter mir war in Wolken gehüllt. Nichtdestotrotz wollte ich eine andere Route für den Weg hinunter wählen, dies klappte oberhalb einer Wolkenschicht auch ganz gut, und in dieser fand ich zufällig meine alten Spuren. Bis – ich sie wieder verlor.

Um mich war alles weiß, die Orientierung gestaltete sich schwierig, da ich maximal ein paar Meter sehen konnte. Aber das Gelände war leicht und ich bewegte mich einfach Richtung Tal. Irgendwann klarte es auf, und unter mir sah ich die Straße, auf die ich ca. einen Kilometer von meinem Startpunkt aus traf.

Zurück über Istanbul

Ich meldete mich bei der Jandarma wieder ab, bekam meinen obligatorischen Tee, suchte ohne Erfolg nach Postkarten in den Lädchen des Skiortes, winkte einen Dolmus heran und wenig später war ich wieder in Kayseri.

Im Hotel nahm ich eine Dusche und besorgte für einen Freund Pastirma und Sucuk, die hier die beste der ganzen Türkei sein soll. Wirklich spannend ist die Stadt nicht, deshalb, und weil ich mitten in der Nacht zum Airport musste, um meinen Flug nach Istanbul nicht zu verpassen, ging ich früh schlafen.

In Istanbul traf ich im Morgengrauen ein und fuhr mit der Metro in die Stadt. Ich lief von Yenikapi im Süden über die Galata-Brücke nach Beyoglü hinauf, nicht ohne hin und wieder auf einen Kaffee nebst Baklava in Lokalen einzukehren. Weiter schlenderte ich die Istiklal Caddesi bis zum Taksimplatz, und zurück über die Atatürk-Brücke und wieder zur Yenikapi-Station.

Kurzum, ich nutzte die Zeit des Stop-overs optimal und konnte bei diesem langen Spaziergang die Erinnerungen an diese Metropole etwas auffrischen. So hatte ich aus nicht einmal fünf freien Tagen, so denke ich, das Optimum herausgeholt. Und den Winter brachte ich quasi mit – in der Nacht nach meiner Rückkehr schneite es auch in Berlin.


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