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Keine Nordwandgesichter

sliderDas Ziel war eigentlich die Route „Morgengymnastik“ 8- am nördlichen Zunderkopf im Oberreintal im Wettersteingebirge. Dritter Anlauf! Aber wie schon die vorherigen Versuche in diesem Jahr wurde auch dieser mal wieder von Regen, Regen und nochmals Regen zu Nichte gemacht. Was blieb uns anderes übrig: wir konnten nur auf die Wetterkarte schauen um eine neue Route zu finden.

Wir fuhren mit einer ganzen Bibliothek an Kletterführern los um möglichst für alle Gebiete und Eventualitäten gerüstet zu sein. Boulderführer, Klettergartenführer, Alpine Führer, sonstige Auswahlführer von Ost bis West und Süd nach Nord. Irgendwo würde sich schon ein wenig Sonne blicken lassen.

Wer suchet, der findet

Die Wetterlotterie bescherte uns die Dolomiten. Großartig, noch nie dort gewesen – weder ich, noch mein Freund Thomas. Bisher hatten wir uns nie sonderlich mit den Dolomiten beschäftigt. Wir hatten ein Bild von langen, brüchigen, mit maroden Normalhaken abgesicherten Routen vor Augen. Eigentlich waren wir mehr auf der Suche nach schöner, alpiner Sportkletterei.

Dennoch freuten wir uns wie Kinder auf die herrliche Berglandschaft der Dolomiten. Als Berliner, fernab der Alpen hat man nun mal nicht die Wahl und so freut man sich über jedes Klettererlebnis.

Hauptsache klettern, draußen sein, am Berg, mit ordentlich Luft unter dem Hintern! In Kufstein hingen die Wolken tief und es war so grau und nass, dass man nicht glauben konnte, dass das Wetter ein paar Täler weiter besser sein sollte. Aber schon auf der Brennerautobahn klarte es deutlich auf.

Während der Fahrt versuchte ich in unseren Kletterführern eine nicht zu anspruchsvolle Tour zu finden. Etwas womit wir uns an die Dolomiten heran tasten konnten. Die Cinque Torri waren perfekt. Ein zwischen den großen Wänden, wie ein Klettergarten anmutendes Massiv mit vier bis sechs Seillängen-Routen in moderaten Schwierigkeitsgraden und für die Dolomiten überdurchschnittlich gut abgesichert.

Das Wetter ist ein Pustekuchen

In Badia angekommen, offenbarte sich uns der Heiligkreuzkofel unter blauem Himmel und im Sonnenschein. Es war Anfang September und wir gingen davon aus, dass es in Südtirol noch richtig warm wäre – perfekte Verhältnisse also, auch in einer nicht so sonnigen Nordwand. Pustekuchen! Als wir am Falzarego Pass im T-Shirt aus dem Auto stiegen, blies uns erst mal ein ziemlich kalter Wind ins Gesicht und wir mussten unsere Daune auskramen, die wir vorsichtshalber für kühle Abende mitgebracht hatten.

Wir fuhren weiter und schlugen unser Nachtlager auf einem Parkplatz auf. Bei Temperaturen um die 0° hatte ich endlich die Möglichkeit meinen neuen Schlafsack zu testen. Ich hatte in einen schönen Western Mounteneering Apache investiert mit einer Kompfort-Zone bis -4 Grad. Perfekt. Jetzt musste er sich unter Beweis stellen, sonst würde es eine sehr ungemütliche Woche werden. Wir waren nicht darauf eingestellt Geld für Unterkünfte oder ähnliches auszugeben und wollten unter freiem Himmel übernachten.

Als ich aufwachte war mein Schlafsack von üppigem Raureif überzogen, aber im Inneren war es  warm und trocken! Prüfung bestanden. Top Schlafsack! Der Morgen war sehr frisch und wir brauchten ein wenig Zeit bis wir uns aufgewärmt, gefrühstückt und gepackt hatten.

Via Finnlandia zum Aufwärmen und Reinschnuppern

Ich entschied mich, den Weg hinauf zu Fuß zu gehen. Die 370 Höhenmeter sollten in einer halben Stunde geschafft sein und ich wäre am Einstieg schon aufgewärmt. Thomas nahm die Seilbahn, da er ein Problem mit seinem Fuß hatte oder vielleicht war es auch eine Ausrede, da er lange Anstiege nicht ausstehen kann.

Wir hatten uns für die „Via Finnlandia“ entschieden. 100 m, 6 SL, eine Seillänge im 7. Grad, der Rest im oberen, 6. Grad. Zum Aufwärmen und Reinschnuppern ins Dolomitengelände wohl genau das Richtige. Schön steil, teils abdrängend mit einer 30 m Einstiegsverschneidung, die leider noch im Schatten lag, als wir ankamen.

Ich machte die erste Seillänge und musste mich mit taubkalten Fingern und steinharten Gummischuhen die Verschneidung hocharbeiten. Aber am Ende der Verschneidung sollte eigentlich die wärmende Sonne auf uns warten. Doch unser Warm-Up entwickelte sich zu einem Cool-Down, denn die zweite Länge führte uns direkt wieder in den Schatten, von wo aus sich die Sonne dann auch für die restliche Tour Richtung Südwand verabschiedete.

Für eine sonnige Morgenwand, waren wir einfach zu spät eingestiegen und so mussten wir Flachlandwarmduscher uns mit tauben Fingern und Füßen den Rest der vier Seillängen im Kalten hoch arbeiten, während rundherum eine herrliche Berglandschaft in der Sonne leuchtete. Dank eines 60 m Doppelseils, konnten wir zügig durch einen spektakulären, breiten Kamin abseilen und ein windgeschütztes, sonniges Fleckchen aufsuchen um noch eine Weile die schöne Landschaft zu genießen.

Keine Tour für Reinhold

Nach einer leckeren Pizza im „wunderschönen“ Cortina, fuhren wir zum Sella Joch, wo wir am nächsten Tag die Route „Delenda Carthago“ (6b, 6 SL, 180 m) am ersten Sella Turm (2533m) machen wollten. Eine Genusstour mit entspannten Hakenabständen an einer Südwand.

Diesmal konnten wir mit Blick auf unsere Tour frühstücken und warten bis die Sonne einstrahlte um einzusteigen. Es war eine solcher Touren, bei der Reinhold Messner mit Sicherheit die Haare zu Berge stehen würden und er vom Mord am Unmöglichen sprechen würde.

Schönes, supergriffiges Gestein mit tollen, zum Teil sehr exponierten Passagen, jedoch immer ein schöner Bohrhaken genau da, wo sonst ein gewisses Abenteuergefühl aufkommen würde. Wir genossen es dennoch in allen Zügen. Die Sonne, die herrliche Landschaft und die Kletterei.

Wieder Am Parkplatz angekommen, spielten wir von Neuem Wetterlotto und diesmal schien es so, als dürften wir unseren Pausentag damit verbringen, zurück zur Alpennordseite zu fahren. Wolken und Regen waren für Südtirol angesagt.

Und schon wieder ein kalter Start

Wir übernachteten in Kastelruth. Am Morgen deckten wir uns mit südtiroler Köstlichkeiten ein und fuhren zum Wilder Kaiser. Für die Tour „Morgengymnastik“ war uns der fünf-stündige Anstieg dann doch zu lang, da wir nur noch einen Tag Zeit hatten und so entschieden wir uns für „Hazo Fantastica“ über „Delicatess“ insgesamt 12 SL mit 100 m Ausstiegsschrofen.

Anhaltend 6/7 Grad mit einer 8- Stelle. Unser Ausgangspunkt war der Gasthof „Jägerwirt“ oberhalb von Scheffau, in dem wir uns am Abend zuvor mit Kässspätzle und Schnitzel den Kalorienhaushalt aufmöbelten. Nach einer weiteren, frischen Nacht in meinem tollen Schlafsack, ging es morgens um 6 Uhr los.

Um kurz vor 9 standen wir dann am Einstieg von „Delicatess“. Alles lag noch im Schatten und es war bitterkalt. Rein in die kalten Kletterschuhe und mit tauben fingern rein in die extrem wasserzerfressene 6+ Verschneidung. Bei einem solchen Kaltstart fragt man sich schon manchmal, warum man das eigentlich macht. Man könnte doch auch entspannt mit seiner Familie im Warmen frühstücken.

Aber schon die zweite Seillänge entschädigte uns mit herrlicher Plattenkletterei im unteren siebten Grad und SONNE! So langsam tauten wir auf und wir kamen zügig voran. Über eine grasige Schrofe, gelangten wir zum Einstig unserer eigentlichen Unternehmung. Dort stärkten wir uns noch mal kurz und stiegen weiter.

Es folgten fast nicht mehr endende Seillängen über makellose Platten im siebten und achten Grad. Eiertanz und Plattentango war angesagt, auf kaum strukturiertem Fels. Wenn dann mal etwas zum Festhalten kam, waren es messerscharfe, winzige Schuppen, die einem die Fingerkuppen zu kappen drohten. Umso schwieriger es wurde, desto näher rückten aber auch die Hacken zusammen, so hatte man meistens ein gutes Gefühl bei der ganzen Sache.

Der Lohn: Unschlagbares Panorama

Der Kalorienverlust durch die Kälte machte sich in den letzten SL deutlich bemerkbar. Da half der Powerriegel dann auch nichts mehr. Wir sind eben keine Nordwandgesichter! Seilzug durch die letzten Längen durch schrofiges, leichtes Gelände taten ihr übriges zur sinkenden Stimmung. Oben angekommen, wurden wir jedoch mit einem grandiosen Panorama belohnt.

Es war schon recht spät geworden. Auf der einen Seite hatte man einen wundervollen Blick über ein Wolkenmeer und auf der anderen Seite war es finster und in der Ferne sah man das Aufleuchten von Blitzen. Dabei ging die Sonne unter und tauchte alles in herrliche Farben. Wir hatten nicht mehr viel Zeit und mussten schnell runter um nicht im Dunkeln absteigen zu müssen.

Als es dann Abend wurde, konnten wir diese wundervollen Tage im Gebirge mit einem leckeren Essen und einem Bier im „Jägerwirt“ abschließen.


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