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Sognefjellsveien: Mit dem Fahrrad über Norwegens höchste Passstraße

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Drei Monate auf dem Rad durch Deutschland, Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland sind die Pläne, die Simon Rudolf hegt. Er startete in Landau am Rande des Pfälzer Waldes und kam nach 93 Tagen und 6750 Kilometern in Lulea, in Nordschweden an. Ein Teil seiner Tour führte ihn über die höchste Passstraße Norwegens, die Sognefjellsveien.

Gut einen Monat, nachdem ich in Deutschland aufgebrochen war, fand ich mich im zentralen Teil von Norwegen wieder. Vor mir lag nun eine der Schlüsselstellen der Tour. Ich hatte die Skanden erreicht. In den kommenden Tagen würde es viele Höhenmeter zu erklimmen geben, welche einiges von mir und dem Material abverlangen würden. Was mir etwas Sorgen bereitete, war das Wetter. Seit Tagen regnete es und es machte auch nicht den Anschein, dass sich daran etwas ändern würde.

Das Wetter ist kein Scherzkeks

Bei knappen 10 Grad im Tal wusste ich, dass auf über 1000 Metern mit dem Wetter nicht zu spaßen sei. Auch war es nicht sicher, ob ich an meiner geplanten Route festhalten konnte. Viele der Passstrassen in Norwegen machen erst spät im Jahr auf und selbst nach der Öffnung kann man nie wissen, ob diese nicht wegen schlechtem Wetter vorübergehend geschlossen sind. Mit Anfang/Mitte Mai war ich in einer Zeit, in der so manche Straßen noch geschlossen und viele erst seit kurzem das erste Mal befahrbar waren.

Wie mir Leute berichteten, musste ich mit viel Schnee in den nächsten Tagen rechnen. Mit reichlich Vorfreude, aber auch einiges an Respekt begann ich, mich das erste Mal auf über 1000 Meter hochzuarbeiten. Stück für Stück verwandelte sich alles um mich herum in eine Schneelandschaft, bis ich auf ungefähr 1100 Metern mitten im Paradies angekommen war.

Am höchsten Punkt war ich überwältigt von der Schönheit die mich umgab. Eine kurze Pause an einem zugefrorenen See war die Belohnung für die harte Arbeit. Möglichst schnell jedoch bereitete ich mich auf die Abfahrt vor, da ich sofort merkte, dass mir kalt wurde, sobald ich nicht mehr auf meinem Rad saß.

Der Tacho zeigte minus ein Grad Celsius an. Dies durfte ich nicht unterschätzen, denn vor mir lag eine lange Abfahrt, die mich bis auf Meereslevel bringen würde. In trockener Kleidung plus einer zusätzlichen Schicht, die hoffentlich den Fahrtwind und somit die Kälte stoppen würde, machte ich mich auf den Weg ins Tal.

Dieser erste Pass zeigte mir nicht nur die unbeschreibliche Schönheit dieser Gegend, sondern auch auf was ich mich eingelassen hatte. Zwei Tage später, so der Plan, sollte mich die Sognefjellet Straße nochmals 300 Meter höher, auf 1434 Meter über dem Meeresspiegel bringen. Ich stellte mich also auf noch mehr Schnee und kältere Temperaturen ein.

Auch Dauerregen und Nebel sind beeindruckend

Am 32ten Tag der Tour erreichte ich den kleinen Ort Fortun, welcher unmittelbar vor dem Anstieg der Straße liegt. Neben einem kleinen Supermarkt gab es unter anderem auch eine Tankstelle mit Werkstatt. Von dort aus werden die Schneeraeumarbeiten koordiniert und wenn man sicher gehen möchte, dass der Sognefjellsveien befahrbar ist, fragt man hier bei den Richtigen.

Ein großes unübersehbares Schild, das den Status der Straße anzeigt, machte mir jedoch keinen Mut. „Stengt“ war zu lesen, was bedeutete, dass die Straße momentan geschlossen war. Wie man mir in der Tankstelle mitteilte war das schlechte Wetter Grund für die Schließung. In den letzten Tagen sei viel Neuschnee gefallen und die Räumfahrzeuge arbeiteten pausenlos, um diesen zu beseitigen.

Schon den ganzen Tag hatte ich ein ungutes Gefühl mit herumgeschleppt, welches hiermit bestätigt wurde. Um nach Fortun zu kommen folgte ich den ganzen Tag lang dem Sognefjord, der selbst bei Dauerregen und Nebel absolut beeindruckend war. Immer wieder fragte ich Leute die ich traf, ob der Sognefjellsveien geöffnet sei? Eine sichere Antwort konnte mir niemand geben.

Auch nachdem ich mehrmals gehört hatte, dass dieser geschlossen sei, wollte ich meine geplante Route noch nicht aufgeben und fuhr weiter in die potentielle Sackgasse nach Fortun. Die Landschaft die mich umgab war wirklich atemberaubend: Massive Felswände, laute Wasserfälle und unberührte Berghänge. Richtig genießen konnte ich sie an diesem Tag allerdings nicht.

Bitte keine Sackgasse

Teilabschnitte meiner Reise, auf die ich mich schon seit langem freute, würde ich vielleicht gar nicht erreichen können und die Gedanken, dass ich mich womöglich in eine Sackgasse gesteuert hatte, zehrten an meiner Motivation und Laune. Einer der Angestellten der Tankstelle gab mir seine Handynummer.

Er war vom Räumungsteam und ich sollte ihn am nächsten Morgen anrufen. Er selbst würde morgen am Pass arbeiten und beurteilen können, ob dieser denn vielleicht im Laufe des Tages öffnen würde. Zudem gab er mir noch die Information, dass auf etwa 800 Metern nochmals eine Schranke ist, welche erst geöffnet wird, wenn die Straße sicher befahrbar ist. Mit den Gedanken, dass ich hier vielleicht für ein paar Tage festhängen würde, machte ich mich auf den Weg einen Camp Spot zu finden.

Hinter Fortun sah man die Straße, die sie sich zu Anfangs in Serpentinen den Berg hochschlängelt. Irgendwo dort gäbe es bestimmt auch einen geeigneten Platz für mein  kleines Zelt. Nach einem kurzen Stopp im Supermarkt, begann ich im ständigen Richtungswechsel, mich den Berg hinaufzuarbeiten. Auf etwa 200 Metern fand ich einen geeigneten Platz zum Übernachten.

Total durchnässt und verfroren baute ich möglichst schnell mein Zelt auf. Minuten später saß ich eingewickelt in meinem Schlafsack im Zelt und bereitete mein Abendessen im Eingang vor. Eine kleine Entschädigung für den Tag, der vor allem ziemlich an meiner Motivation gezehrt hatte, war die Aussicht aus meinem Zelt. Mit Blick aufs Tal und Fortun beendete ich den Tag mit einem warmen Tee und einer großen Portion Nudeln mit Tomatensauce.

Der nächste Morgen begann wie der letzte Abend endete, mit Regen. Da ich nicht wusste, ob die Straße öffnen würde, oder einen weiteren Tag geschlossen blieb, erschien es mir sinnlos mich aus dem Zelt zu bewegen, bevor ich keine neuen Informationen bekäme. Um 10 Uhr schließlich konnte ich jemanden über die Handynummer, die ich gestern bekommen hatte erreichen. Während des Telefonats waren diese immer noch dabei, die Straße vom Schnee zu befreien, doch mit ein wenig Glück würde sie bis zum Mittag befahrbar sein.

Auf zur nächsten Schranke

Da ich nicht wusste, wie viel Zeit der Anstieg in Anspruch nehmen würde, ich nicht wusste, welche Wetterkonditionen auf mich dort oben warten würden, und ich keinesfalls im Dunkeln die 50 Kilometer lange Abfahrt antreten wollte, entschied ich mich dazu, mein Zelt zu verlassen und mich auf den Weg zur höher gelegenen Schranke zu machen. Von dort, auf etwa 800 Metern, hätte ich eine gute Ausgangsposition, um im Hellen im Tal auf der anderen Seite anzukommen, falls die Straße am Mittag geöffnet werden würde.

Der Regen verwandelte sich langsam in Schneeregen und dann in einen leichten Schneefall, als ich nach ein paar anstrengenden Kilometern an der besagten Schranke ankam. Diese war zu meinem Bedauern immer noch geschlossen, also blieb mir nichts anderes übrig als zu warten. Allein war ich hier nicht.

Als ich ankam waren dort bereits einige Autos und Touristenbusse. Wie ich erfuhr warteten nicht alle auf die Öffnung der Straße. Ich war hier nicht nur an einer  spektakulären Straße, sondern auch in einem beliebten Gebiet für Skiwanderungen. Drei Deutsche, die mit ihrem VW-Bus unterwegs waren, und schon seit zwei Tagen hier auf die  Öffnung der Straße warteten, luden mich auf einen Kaffee ein.

Zur Freude von allen bekam ich die Information, dass die Straße in kurzer Zeit aufmachen würde und auch das Wetter wurde besser. Zwischen all den Wolken kam mehr und mehr blauer Himmel zum Vorschein.

Um kurz vor ein Uhr am Mittag wurde endlich die Schranke geöffnet und meiner geplanten Route stand ein Hindernis weniger gegenüber. Da ich nicht mehr länger warten wollte packte ich sofort mein Zelt, welches ich zum Trocknen in die Sonne gelegt hatte ein, bedankte mich für den Kaffee und das Gespräch bei den drei Deutschen und begab mich zurück auf die Straße.

Endlich ein richtig gutes Gefühl: Pass, ich komme!

Das Gefühl den Pass heute doch befahren zu können war unglaublich gut, gerade weil ich am Vortag noch so daran zweifelte, dass dieser öffnen würde. Immer wieder hielt ich an, um die Landschaft die mich umgab zu genießen. Hinter mir konnte ich das Tal sehen, aus dem ich am Morgen gekommen war und vor mir sah ich wie sich die Schneemassen am Rande der Straße mehr und mehr auftürmten.

Obwohl die Straße weiterhin recht steil verlief, und ich ab der Schranke noch etwas mehr wie 600 Höhenmeter bewältigen musste, fühlte ich in diesen letzten Kilometern so gut wie keine Anstrengung mehr. Voller Freude und Faszination rollte ich wie von allein den Berg hinauf. Dass es wirklich kalt war merkte ich daran, dass mein Wasser in den Flaschen anfing zu gefrieren. Ich selbst spürte davon nicht viel und fühlte mich so gut wie seit langem nicht mehr. Das andauernde schlechte Wetter und so manche unangenehme Nacht der letzten Tage waren wie vergessen.

In Anbetracht meiner Umgebung hatte ich nun das Gefühl, dass sich jeder einzelne Kilometer, den ich seit Landau auf dem Rad saß, bezahlt machte. Durch die meterhohen Schneewände fühlte ich mich wie in einem Tunnel durch den ich fuhr. Immer wieder wirbelte der Wind Schnee auf und fegte ihn über die Straße, was dazu führte, dass die Sicht manchmal für eine Weile auf ein Minimum schrumpfte und ich nicht wirklich sah wo ich denn hinsteuerte.

Ein Abkommen von der Straße war zwar unmöglich, aber die hohe Wahrscheinlichkeit in  diesen Schneeverwehungen nicht gesehen zu werden, war durchaus ein wenig beunruhigend. Zu meinem Glück war zu dieser Zeit nur wenig bis kein Verkehr auf der Straße. Umso schöner war es, wenn der Wind sich legte und man nur Sekunden später wieder eine absolut atemberaubende Aussicht auf die höchsten Berge Norwegens geboten bekam.

Mit einem surrealen Grinsen

Wenn dann doch einmal ein Auto an mir vorbeifuhr, machten diese oftmals halt, hupten, winkten mir oder schüttelten den Kopf. Mit einem voll bepackten Reiseradler rechnete so mancher an diesem Tag wohl doch nicht. Umso überraschter waren sie, als sie mich mit einem riesigen Grinsen, dass wohl nicht hätte grösser sein können, in dieser fast schon surreal wirkenden Landschaft auffanden.

Surreal ist für diese Stunden wohl ein sehr zutreffender Begriff. Schwer fällt es mir zu beschreiben, was mich dort umgab und wie diese Umgebung auf mich wirkte. Zwar war es schon eine Weile her, als ich das letzte Mal Skifahren war, aber grundsätzlich war dies nicht  das erste Mal, dass ich mich in schneebedeckten Bergen befand und doch war dies eine Erfahrung auf einem absolut anderem Level.

Die Bilder, die sich mir an diesem Tag boten übertrafen alles Vergleichbare, was ich bisher zu Gesicht bekommen hatte. Die Momente an denen ich ganz alleine durch diese Schneewelt fuhr und abgesehen vom Wind absolut nichts anderes zu hören war, werden mir hoffentlich noch lange in Erinnerung bleiben.

Ohne es richtig wahr zu nehmen hatte ich den höchsten Punkt der Straße passiert und vor mir lag nun eine gut 50 Kilometer lange Abfahrt. Da es so schien, dass sich das Wetter wieder anfing zu verschlechtern, wollte ich nicht noch länger hier oben verharren, sondern möglichst schnell an Höhe verlieren.

Nachdem ich eine weitere Schicht Kleidung und Handschuhe angezogen hatte, ging es in einem schnellen, noch kontrollierbaren Tempo die Straße runter. Die Abfahrt war großartig und auch wenn man oftmals wegen enger Kurven fast auf null herunterbremsen musste, gab es auch Abschnitte, in denen kilometerlang nicht ans Bremsen zu denken war.

Wie auch bei der ersten langen Abfahrt zwei Tage zuvor, merkte ich auch dieses Mal, dass meine Handschuhe nur bedingt für diese Konditionen geeignet waren und meine Hände mehr und mehr einfroren. An Tempo rauszunehmen, um den Fahrtwind zu reduzieren, wollte ich trotzdem nicht denken. Die Abfahrt machte einfach zu viel Spaß. Schnell änderte sich auch wieder die Landschaft. Die scheinbar unberührte Schneewelt verwandelte sich in schnellen Zügen wieder in eine bewaldete Tallandschaft.

In Lom ist der Tag nicht zu Ende

Zurück auf etwa 400 Metern über Normal Null kam ich völlig verfroren aber überglücklich in Lom an. Der Sognefjellsveien lag nun hinter mir, doch der Tag war noch nicht zu Ende.
Zu meinem Bedauern waren in dem kleinen Dorf, obwohl es noch nicht spät am Abend war schon alle Supermärkte geschlossen.

Dies brachte mich in eine etwas misslige Lage. Morgen war Sonntag und am Montag war Feiertag. Die Supermärkte waren also die nächsten beiden Tage geschlossen und außer Reis, einer Zwiebel, ein paar Gewürzen und Haferflocken für einen weiteren Morgen, hatte ich nichts mehr zu essen.

Die Anstrengungen des heutigen Tages machten sich plötzlich bemerkbar. Ziemlich erschöpft und hungrig suchte ich mir etwas außerhalb von Lom einen geeigneten Platz für mein Zelt. Nach einem nicht so spannenden Abendessen, welches aus trockenem Reis, einer Zwiebel und Currypulver bestand, konnte ich nur noch ans Schlafen denken.

Was für ein Tag, der abgesehen vom Abendessen, um weiten besser verlaufen war als noch am Tag zuvor befürchtet. Und noch viel besser, Morgen würde ich schon wieder auf über 1000 Meter radeln und erneut in die unbeschreiblich schöne Schneewelt der Skanden eintauchen. Noch wusste ich nicht, dass mich morgen eine geschlossene Straße, Lawinen, die diese blockierten, und taube Finger und Füße, auf mich warteten.


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