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Reisebericht: Norwegen – Sjunkhatten Nationalpark

Unsere Reiseplanung begann gegen Weihnachten, als es in Berlin wochenlang kalt war und immer früher dunkel wurde. Wir suchten das Kontrastprogramm. Zur Mitternachtssonne nach Norwegen wollten wir!

Unser Ziel: Nördlich des Polarkreises durch die Wildnis zu wandern, wo die Sonne nachts nicht untergeht und wo wir mehr Rentieren als Menschen begegnen würden. Unsere Wahl fiel auf den Sjunkhatten Nationalpark, weil dieser mit dem Flughafen Bodø perfekt angebunden ist. Man kann praktisch direkt vom Flughafen loslaufen und erreicht den Nationalpark nach wenigen Kilometern.

Fast allein...

Gesagt, getan, und so flogen wir Ende Juni hoch in den Norden der norwegischen Küste. Bei unserer Ankunft zeigt sich das Land von seiner garstigen Seite. Kalter Nieselregen lässt uns frösteln, sobald wir das Flughafengebäude verlassen. Wir brauchen unbedingt noch eine Wanderkarte und Gaskartuschen, aber die Geschäfte schließen schon in einer halben Stunde. Statt eines Gewaltmarsches durch den Regen nehmen wir ein Taxi zum Einkaufszentrum City Nord. Für die fünf Minuten Fahrzeit verlangt der Fahrer zwanzig Euro. Willkommen in Norwegen, denken wir uns.

Für das Lächeln am Abend.

Im Einkaufszentrum finden wir eine Buchhandlung, in der wir eine brauchbare Wanderkarte vom Sjunkhatten-Nationalpark kaufen, sowie einen Sportladen mit Gaskartuschen im Sortiment. Danach geht es aber doch hinaus in den Regen. Den Stadtrand von Bodø erreichen wir nach einer guten Stunde. Am letzten Waldparkplatz steht ein verlassenes Gebäude. Das Tor ist unverschlossen. Wir klettern auf die riesige Terrasse und starren durch die Wolken. Bei klarem Wetter muss die Aussicht fantastisch sein. Wir überlegen, hier zu schlafen, laufen dann aber doch noch etwas weiter in die Natur bis zum nächsten See. Dort schlagen wir unser Zelt auf, das Reinsfjell Superlight 2. Das Zelt kennt sich hier schon gut aus, denn meine Kollegin Juliane war mit ihm für drei Monate in Skandinavien unterwegs. Wir wollen schnell noch Nudeln kochen und stellen fest, dass das Pesto in Ludwigs Rucksack ausgelaufen ist. Igitt. Zum Glück sind alle Lebensmittel in wasserdichten Beuteln verpackt. Nachts lauschen wir den Geräuschen der Natur und schlafen mit unseren Bufftüchern über den Augen, da es nicht dunkel wird.

Hin und wieder geht es über Altschneefelder.

Am nächsten Tag wandern wir gemütlich über das Løpsfjellet bis zum 600m hohen Skautuva. Ein Trampelpfad führt uns durch fast unberührte Natur. Nach einigem Auf und Ab erreichen wir den Gipfel. Oben genießen wir eine traumhafte Aussicht und gönnen uns ein Stück Gipfelschokolade. Der Blick in Richtung Osten, ins Landesinnere, offenbart schneebedeckte Berge. Am Hang gegenüber laufen ein paar Rentiere nach Süden. Die dunklen Silhouetten zeichnen sich auf dem Schnee gut ab. An der Küste dagegen hat der Sommer schon angefangen und alles grünt und blüht. In Richtung Westen sehen wir das Meer und ganz am Horizont eine Inselreihe. Das müssen die Lofoten sein. Während wir uns ein Süppchen kochen, hoppelt ein Schneehase an uns vorbei.

Norwegen in all seiner Schönheit.

Am Skautuva beginnt offiziell der Sjunkhatten-Nationalpark. Ab hier treffen wir kaum noch Menschen. Obwohl die Wege nicht markiert sind, fällt uns die Orientierung leicht. Wir laufen einfach immer auf dem Grat nach Nordosten parallel zur Küste. Das heißt aber auch, dass wir auf klare Sicht angewiesen sind. Unser nächstes Ziel ist der Berg Steigtinden.

Kräfte sammeln für den nächsten Tag.

Wir laufen am Hang entlang zum Skauskardet, einer Senke, in der sich der Pfad gabelt. Nach links geht es hinunter ins Dorf Skau, nach rechts führt der Pfad auf das Tonfjellet und den Steigtinden. Wir nehmen den rechten Pfad. Als wir nach einem steilen Anstieg das Plateau des Fjells erreichen, zieht Nebel auf. Es ist eh schon spät, also bauen wir das Zelt auf und hoffen auf besseres Wetter am nächsten Tag. Kaum steht das Zelt, fängt es schon an zu regnen. Wir kochen im Zelteingang und kriechen in unsere schönen warmen Schlafsäcke.

Nachts wache ich davon auf, dass der Wind die Zeltstangen auf mich hinunterdrückt. Ängstlich stemme ich mich gegen den Wind und überlege, was wir in dieser Situation unternehmen könnten. Der Blick nach draußen verheißt nichts Gutes. Wir sitzen in einer Wolke. Die Sichtweite liegt bei unter fünf Metern. Es regnet und windet und stürmt und beim Rückzug ins Tal würden wir uns wohl verlaufen. Also bleiben wir im Zelt. Wir ärgern uns, dass wir keine Spiele eingepackt haben, und vertreiben uns den Tag mit Tiergeräuschimitationen, schlafen und Müsli essen. Das heißt, einer schläft, einer hält die Zeltstange fest, immer abwechselnd. Der Sturm hält den ganzen Tag an und beschert uns noch eine zweite unruhige Nacht. Erst nach 36 Stunden lassen erst der Wind und dann der Regen nach.

Endlich geht es weiter.

Als es aufklart, freuen wir uns wie die Schneekönige und wollen so schnell es geht auf den Gipfel. Wir lassen das Zelt mit unseren Rucksäcken stehen und packen nur eine Wasserflasche und Schokolade ein. Der Weg hinauf führt über Schneefelder und zugefrorene Seen. Es macht Spaß, sich endlich wieder draußen zu bewegen. Wir treffen zwei Trailrunnerinnen, die wohl aus dem Tal kommen. Die Wolken ziehen langsam ab und blaue Flecken erscheinen am Himmel. Der Weg ist steiler und anstrengender, als wir erwartet hatten, doch nach zwei Stunden sind wir oben angelangt. Am fünften Tag unserer Reise stehen wir endlich auf dem Gipfel des Steigtinden. Nun sehen wir all die hohen Berge des Nationalparks vor uns aufgereiht. Zwar trüben noch ein paar Wolken die perfekte Aussicht, dafür zeigt sich jedoch ein schöner Regenbogen über dem Fjord. Wir machen jede Menge Fotos. Wir tragen uns ins Gipfelbuch ein und schmieden Pläne, wo wir gerne über welches Fjell und auf welche Gipfel wandern würden. Zunächst gehen wir aber zurück zum Zelt und zu unserem Gepäck. Obwohl das Wetter gut aussieht, wollen wir möglichst schnell von diesem Plateau hinunter, um nicht in der nächsten Wolke wieder festzuhängen.

Ein kleines Monster als Begleiter.

Je weiter wir absteigen, desto wärmer wird es. Über dem Fjell, von dem wir kommen, kreisen nun zwei Seeadler. Fasziniert beobachten wir ihren Flug. In der Mittagspause studieren wir die Karte und planen die restliche Strecke. Uns bleiben nur noch drei Tage, sodass wir uns langsam auf den Rückweg machen müssen. Einen kleinen Abstecher hinunter zum Meer gönnen wir uns noch. Dort halten wir unsere Füße in das eiskalte Wasser. Am Strand finden wir Muscheln und Seeigel und am Campingplatz kaufen wir uns einen Kaffee. Welch ein Genuss! Danach gehen wir den Weg zurück, den wir gekommen sind. Im Rückblick muss ich sagen, dass das eine sehr gute Idee war. Im Blick nach Süden eröffneten sich völlig neue Aussichten und wir nahmen uns viel Zeit, in den Seen zu baden und perfekte, windgeschützte Schlafplätze zu finden. Vor uns lag nun die Stadt Bodø mit dem Flughafen. Hinter uns lag der Steigtinden. Ab und zu warf ich einen wehmütigen Blick zurück. Es hat sich auf jeden Fall gelohnt, hierher zu kommen!


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