2019 hatte sich eine Idee in meinen Kopf gesetzt: Einmal von Mexiko nach Kanada laufen und das in fünf Monaten. Es sollten mich Nachtwanderungen durch die Wüste, ne Menge Ramennudeln mit Erdnussbutter, zerstörte Füße, tolle stinkende WanderInnen, Mückenspray-verklebte Haut und eine Menge Serpentinen erwarten!
Der Pacific Crest Trail (PCT) ist ein Fernwanderweg in den USA, der durch die Bundesstaaten Kalifornien, Oregon und Washington geht. Er ist 4250km lang und führt einen durch die schönsten Gebirgszüge der Westküste. Dabei werden verschiedenste Ökosysteme, Nationalparks und „wilderness areas“ durchquert.
Die Mehrheit der sogenannten „Thruhiker“ (Menschen, die mehr als 500 Meilen am Stück laufen) starten dieses Abenteuer zwischen März und April an der mexikanischen Grenze in Kalifornien und laufen Richtung British Columbia, Kanada. Dann heißt es nur noch vor dem Wintereinbruch ankommen! Prinzipiell kann der PCT auch südwärts (southbound -> SOBO) gelaufen werden. Dabei startet man ab Juli, um sicherzustellen, dass der meiste Teil Washingtons frei von Schnee ist.
Tja, da war ich also nach fünf Jahren Recherche, Ausrüstung ausprobieren, Probewandern und Freunde zwingen mitzulaufen. Nachdem ich mir durch Gastrojobs ein wenig Geld zurecht gespart hatte, meinen Flug gebucht und allen auf „Nimmer Wiedersehen!“ gesagt hatte, kam ich mit meinen zwei französischen Freunden in San Diego an. Vor lauter Verunsicherung erschien es mir zu einfach, jetzt nur noch loszulaufen. Wir hatten unsere Sicherheitseinführung, genug Essen, Wasser und Sonnencreme dabei. Jetzt nur noch PCT-Schildchen an den Rucksack anbringen, ins Trailbuch schreiben und die ersten 10 Meilen in der heißen Wüste bewältigen.

Die Wüstenetappe (700 Meilen/1127km):
Ich schwitzte, knickte um, trank zu wenig, hatte noch Schwierigkeiten neben Kakteen auf Toilette zu gehen und keine Angst vor Klapperschlangen zu haben, wenn ich nachts ohne Zelt („cowboycamping“) schlafen ging. Das hielt mich nicht davon ab meine neue privilegierte „Obdachlosigkeit“ zu lieben!
Die erste Woche war überraschenderweise stürmisch und verregnet, nicht unbedingt das, was ich mir unter einer Wüste in Kalifornien vorstellte. Mir flog also direkt mein Sitzkissen davon und Zelt aufbauen war auch schwieriger als gedacht. Bin ich dieser riesigen Herausforderung überhaupt gewachsen? Abwarten und Tee trinken!
Dann kam die erwartete Hitze, was bedeutete vor 7 Uhr zusammenpacken und loslaufen! Zu diesem Zeitpunkt hatte sich bereits eine „Tramily“ (Trail Family -> Wanderfamilie) gegründet. Wir wanderten zwar nicht zusammen, sahen uns aber an Pausenorten und abends am „Zeltplatz“. Diese Art von Gemeinschaften bildete sich über den ganzen Trail hinweg, keine Gruppe wehrte jedoch ewig. Denn die wichtigste Erkenntnis, die man von allen, wie ein tägliches Mantra, hörte: „Hike your own hike!“ (Wandere deinen eigenen Weg!) und das war schwieriger als ich dachte. Denn es geht längst nicht nur ums Wandern. Es geht, um die kleinen Ortschaften in denen man sich von lokalen „Trail Angels“ (netten, hilfsbereiten Menschen) mit selbstgemachtem Essen, Karaoke-Nächten und einer Dusche verwöhnen lassen kann. Es geht ums Freundschaften schließen und die ultimative USA-Westküstenerfahrung mit all ihren Klischees und Überraschungen. Somit löste sich meine große Gruppe bald auf und es begannen neue Herausforderungen mit neuen Menschen.

Die ersten schneebedeckten Bergzüge, wie die San Jacinto Berge, forderten mich auf eine neue Weise. Ich lief auf Grödeln durch den Schnee, verlor den Weg, musste stundenlang über umgestürzte Bäume klettern und steile Umwege laufen, um an fließendes Wasser zu kommen. Doch die Sonnenuntergänge waren unschlagbar und somit lohnte sich jeder Höhenmeter.

Nach drei Wochen pendelte sich so langsam ein Alltag ein. Den Wecker um 5:30 Uhr stellen, ein paar Müsliriegel futtern, zusammenpacken, nach fünf Kilometern endlich vollständig aufwachen, Elektrolytewasser heruntergluggern und mit epischer Filmmusik in einem Ohr die weiten Landschaften genießen, um dann gegen 13 Uhr mit Erdnussbutter, Chips und Frischkäse belegte Wraps in einem kleinen schattigen Unterschlupf zu verspeisen und völlig kraftlos und müde in die zweite Wanderrunde zu starten. Nachdem Skittles, M&M’s, Snickers und mein Nusstrailmix weggeatmet wurden, ich so richtig in Schwung kam und das Wetter sich allmählich abkühlte, hatte ich sogar richtig Spaß! Gegen 19 Uhr wurde dann immer ein Zeltplatz (ein ebener Fleck Erde) aufgesucht, der im besten Fall eine Wasserquelle in der Nähe hatte und Skorpion- und Klapperschlangenfrei war. Dann wurde direkt das Zelt aufgebaut, den gröbsten Dreck im Gesicht mit Feuchttüchern entfernt, Ramen mit Kartoffelbrei und Erdnussbutter gekocht, über die letzte Toilettenerfahrung philosophiert und das Schlafgemach vorbereitet. Gegen 20:30 Uhr lagen alle im Zelt, hatten Tagebuch geschrieben oder gelesen, um dann voller Muskelkater in den Schlafsack zu schlüpfen und friedvoll einzuschlafen (21 Uhr war bekanntlich Wandermitternacht). Und das war mein Leben für 5 Monate ☺
Ich konnte es nicht glauben als ich nach zweieinhalb Monaten Kennedy Meadows erreichte: Das Ende der Wüste! Mit drei Paar neuen Schuhen im Rucksack zum Testen, sechs Blasen am Fuß und Sonnenbrand im Gesicht, wurde ich lautstark von WanderInnen beklatscht und bejubelt. Ich konnte es nicht glauben! Ich war 1127km gelaufen und ich war noch nicht ausgestiegen. Nach übergroßen Pancakes, gewaschenen Klamotten, viel Bier und einem neuen Schlachtplan für die nächste Etappe, ging es auf in die Sierra Nevada!!
Sierra Nevada (500 Meilen/805km):

Sierra Nevada (500 Meilen/805km):
Wir begaben uns ins Braunbärengebiet und mussten daher unser Essen in einem Plastik-Bärenkanister transportieren. Außerdem trugen wir nun Eispickel und wärmere Kleidung mit uns, da wir nun bis zu 4.000 Meter hoch wanderten. Die Voraussetzungen änderten sich! Nun hatten wir zwar immer genug Wasser und mussten nicht mehr Ausschau nach Klapperschlangen halten, konnten uns aber stattdessen auf Stürme, weniger Sauerstoff und nervige Mücken gefasst machen! Ich rechnete nicht mehr in Meilen, sondern in Bergpässen. Wir standen immer noch früh auf damit wir auf dem Schnee laufen konnten bevor die Sonne ihn zu weich und matschig machen würde. Trotz aller neuen Umstellungen raubte mir diese Etappe jeden Tag den Atem vor lauter Schönheit (und Anstrengung ;)). Die reißenden Flüsse, die satten grünen Wälder und spektakulären Felsformationen haben mich wirklich innehalten lassen. Wir waren meistens ca. 25 km von der nächsten Straße entfernt, was sich für mich als Deutsche als absolutes Niemandsland anfühlte. Das hieß aber auch, dass wir mindestens für 7 bis 8 Tage Essen tragen mussten. Es flossen viele Tränen!
Die meisten PCT-WanderInnen suchten in der Sierra Nevada eine weitere Herausforderung: die Besteigung von Mount Whitney! Diese 4421 Meter hohe Challenge stellt den höchsten Berg der USA außerhalb Alaskas dar. Das wollten wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Also wurde für einen extra Tag essen eingepackt, 8km vor Mount Whitney das Lager aufgeschlagen, um dann Mitternacht mit Müsliriegeln, Wasser, Eispickel, Wanderstöcken, Stirnlampe und Daunenjacke loszulaufen. Es waren „nur“ acht Kilometer zum Gipfel, aber wir schafften es trotzdem nicht ganz zum Sonnenaufgang, weil wir alle 30 Minuten Pausen machten, um sich zu versichern, ob es allen gut geht. Die Wetterkonditionen waren perfekt und oben angekommen erwarteten uns eine überwältigende Aussicht und ein altes Steinhaus, indem hoher Schnee lag. Jetzt musste nur noch ins Trailbuch geschrieben werden: „Cartel was here!“ (Cartel -> mein Wandername, weil ich so viel Ibuprofen dabei hatte ;)) und dann ging es völlig fertig den Weg zurück. Das war mit Abstand der spektakulärste Tag auf dem PCT.

Auch in dieser Etappe fanden wir unseren Rhythmus, wobei ich meine körperlichen Möglichkeiten, aber vor allem auch Grenzen, wie noch nie zuvor, spürte. Zusammenfassend zeichnete sich die Sierra Nevada durch Gletscherseen, reißende Flüsse, steinige Bergpässe, wunderschöne Kiefern- und Mammutbaumwälder und einer Menge Murmeltiere aus.
Nach zweieinhalb Monaten kam dann der ernüchternde Moment: Ich brauchte eine Pause. Meine Tramily hatte glücklicherweise den Plan über den Geburtstag von unserer irischen Freundin zum Yosemite Valley und danach nach Monterrey an die Küste Kaliforniens zu fahren und kurz zu entspannen. Endlich konnte ich geduscht durch zivilisierte Straßen laufen, gesundes Essen vertilgen und am Strand Sekt trinken ohne über meinen nächsten Zeltplatz oder Höhenmeter nachzudenken. Nach dieser wundervollen Woche Urlaub von meinem Urlaub, musste ich eine schwere Entscheidung treffen… Ich entschied mich aufzuhören!
Ich war mental ausgelaugt, Waldbrände breiteten sich in Nordkalifornien und Oregon aus und mein Geld wurde knapp. Nachdem ich eine Freundin auf Santa Catalina Island besucht hatte, fasste ich einen endgültigen Schluss: Ich würde noch durch die offenen Gebiete Oregons laufen und meine Reise in Cascade Locks beenden. Somit übersprang ich Nordkalifornien und den berühmten Crater Lake in Oregon.

Oregon (457 Meilen/735km):
Die meisten PCT WanderInnen leiden unter dem sogenannten NorCal Blues, einer depressiv melancholischen Phase, die vor allem in Nordkalifornien spürbar wird. Die Erkenntnis, dass man nach drei Monaten immer noch nicht den einen Bundesstaat verlassen hat und nach der atemberaubenden Sierra Nevada zunehmend durch abgebrannte Wälder und die schlimmste Hitze gehen muss, lässt auch die diszipliniertesten unter uns nicht kalt. Doch diejenigen, die sich Kopfhörer in die Ohren steckten und einfach jeden Tag wie besessen 50 Kilometer gewandert sind, erreichten letztlich Oregon!
Endlich änderte sich die Vegetation. Die Wälder wurden wieder grüner und Vulkanseen luden für einen täglichen Badespaß ein. Der einzige Nachteil: Die Mücken! Besonders an stehenden Gewässern mussten wir in Regenkleidung und Kopfnetz Pause machen. Doch ich war einfach glücklich wieder unterwegs zu sein und neue Bekanntschaften zu knüpfen! Die Meilen schwanden nur so dahin und die ersten nebligen Morgende ließen mich einen vermeintlichen Eindruck vom niederschlagreichen
Washington bekommen (welches ich leider nicht mehr erleben würde). Ab und zu erblickte man einen Vulkan aus der Ferne. Der Trail war mal wieder zu meinem zu Hause geworden.

Oregon (457 Meilen/735km):
Die meisten PCT WanderInnen leiden unter dem sogenannten NorCal Blues, einer depressiv melancholischen Phase, die vor allem in Nordkalifornien spürbar wird. Die Erkenntnis, dass man nach drei Monaten immer noch nicht den einen Bundesstaat verlassen hat und nach der atemberaubenden Sierra Nevada zunehmend durch abgebrannte Wälder und die schlimmste Hitze gehen muss, lässt auch die diszipliniertesten unter uns nicht kalt. Doch diejenigen, die sich Kopfhörer in die Ohren steckten und einfach jeden Tag wie besessen 50 Kilometer gewandert sind, erreichten letztlich Oregon!
Endlich änderte sich die Vegetation. Die Wälder wurden wieder grüner und Vulkanseen luden für einen täglichen Badespaß ein. Der einzige Nachteil: Die Mücken! Besonders an stehenden Gewässern mussten wir in Regenkleidung und Kopfnetz Pause machen. Doch ich war einfach glücklich wieder unterwegs zu sein und neue Bekanntschaften zu knüpfen! Die Meilen schwanden nur so dahin und die ersten nebligen Morgende ließen mich einen vermeintlichen Eindruck vom niederschlagreichen
Washington bekommen (welches ich leider nicht mehr erleben würde). Ab und zu erblickte man einen Vulkan aus der Ferne. Der Trail war mal wieder zu meinem zu Hause geworden.

Oregon (457 Meilen/735km):
Die meisten PCT WanderInnen leiden unter dem sogenannten NorCal Blues, einer depressiv melancholischen Phase, die vor allem in Nordkalifornien spürbar wird. Die Erkenntnis, dass man nach drei Monaten immer noch nicht den einen Bundesstaat verlassen hat und nach der atemberaubenden Sierra Nevada zunehmend durch abgebrannte Wälder und die schlimmste Hitze gehen muss, lässt auch die diszipliniertesten unter uns nicht kalt. Doch diejenigen, die sich Kopfhörer in die Ohren steckten und einfach jeden Tag wie besessen 50 Kilometer gewandert sind, erreichten letztlich Oregon!
Endlich änderte sich die Vegetation. Die Wälder wurden wieder grüner und Vulkanseen luden für einen täglichen Badespaß ein. Der einzige Nachteil: Die Mücken! Besonders an stehenden Gewässern mussten wir in Regenkleidung und Kopfnetz Pause machen. Doch ich war einfach glücklich wieder unterwegs zu sein und neue Bekanntschaften zu knüpfen! Die Meilen schwanden nur so dahin und die ersten nebligen Morgende ließen mich einen vermeintlichen Eindruck vom niederschlagreichen
Washington bekommen (welches ich leider nicht mehr erleben würde). Ab und zu erblickte man einen Vulkan aus der Ferne. Der Trail war mal wieder zu meinem zu Hause geworden.

Es gibt die sogenannte 24 Stunden Challenge, die die Gelangweilten unter uns besonders schätzten. Das Ziel: so viele Meilen in 24 Stunden zu wandern, wie nur irgend möglich. Im besten Fall beendest du diese Verrücktheit in der Timberline Lodge, wo dich ein „All You Can Eat“- Frühstücksbuffet erwarten würde. Und ja, das ist genau der Ort, wo The Shining gedreht wurde! Ich wanderte zwar nicht Tag und Nacht, aber ich erreichte dieses schicke Skihotel nach einer anstrengenden Etappe und fühlte mich direkt fehl am Platz bei all den Tagesausflügern. Der Ort ist wunderschön, aber hot take: Das Buffet wird überbewertet!
Nachdem ich noch eine Freundin aus Berlin in Bent besuchte, ging es für mich auf die letzte Etappe. Ich kaufte mir zum letzten Mal ein Haufen Gummibärchen, Skittles, Ramen-Nudeln, Erdnussbutter und meinen geliebten Fertigkartoffelbrei mit Cheddar. Ich baute zum letzten Mal mein Zelt auf und ab und packte zum letzten Mal meinen dreckigen rosanen Rucksack zusammen. Plötzlich realisierte ich, dass dieses Leben, was auf eine Art zu meinem Alltag geworden ist, ein Ende finden würde. Und dann kam ich in Cascade Locks an und blickte auf den Columbia River, der Oregon von Washington trennte. Das war’s.
Die zwei PCT Trail Days (das bekannte Mini-Festival des Wanderweges) fanden einen Tag nach meiner Ankunft in Cascade Locks statt. Kleine und große Firmen bauten ihre Zelte auf und veranstalteten Gewinnspiele und reparierten deine Ausrüstung auf liebevolle Weise. Das aufregendste bei diesem Event waren aber nicht die kleinen Bandanas und Bauchtaschen, die verschenkt wurden, sondern der Anblick von Hunderten von Thruhikern, die alle genau das Gleiche gemacht hatten wie ich. Viele Gesichter erkannte ich wieder, aber auch unzählige Neue liefen an mir vorbei. Ich traf bekannte PCT Legenden, die auf YouTube ihre Geschichten erzählten und genau in dem Moment merkte ich, dass ich Teil von dieser nerdigen Community war und das machte mich überglücklich.

Ich wanderte am Ende 1.700 Kilometer, was noch nicht mal die Hälfte des Pacific Crest Trails ausmachte, aber ich war knappe vier Monate am Grenzen testen, Abenteuer erleben und außergewöhnliche Landschaften beim Kacken bewundern. Letztlich bereue ich, nicht genug Geld gehabt zu haben, um Washington mitzunehmen, was viele als den schönsten Teil des kompletten Wanderweges empfanden. Doch ich wanderte meinen eigenen Weg und eine Erkenntnis, die mich am meisten gelehrt hat auf dieser Reise:
It is the people! Denn die Erinnerungen können gemeinsam weiterleben, aber der Trail wird die Menschen vergessen. Aus dem Grund schießt nicht einfach „nur“ Landschaftsbilder, sondern auch die dreckigen Wanderer, die den Schnee herunterrutschen und Taranteln auf dem Kopf entdecken (ist mir in der Wüste passiert).
Happy Trails!