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Via ferrata – erste Gehversuche im Klettersteig

via ferrata titelbild

Was haben Urlaub im 21. Jahrhundert und militärische Stellungen aus dem 1. Weltkrieg miteinander zu tun? So einiges, wenn man in den Alpen unterwegs ist, denn dort stößt man immer wieder auf Spuren aus dieser Zeit. So auch beim Klettersteiggehen.

Leitern und ähnliche Hilfsmittel waren schon vor Jahrhunderten zur Erschließung von Wegen zwischen Bergdörfern und Almen bekannt. Aber erst im Gebirgskrieg (1915 – 1917) während des 1. Weltkriegs wurden in größerer Anzahl Wege mit Seilen und sonstigen Vorrichtungen gesichert. Das Kaiserreich Österreich-Ungarn führte Krieg gegen Italien, wobei die Frontlinie quer durch die südlichen Alpen verlief. Dafür wurden Zugangswege für Patrouillen und Nachschub benötigt, was der Ursprung manch heutigen Klettersteigs ist. Moderne Sportklettersteige werden heute meist von örtlichen Tourismus-Verbänden oder Seilbahngesellschaften initiiert.

Klettersteige hatten mein Mann und ich schon länger im Blick, im nächsten Urlaub wollten wir den ersten Versuch starten. Nach Monaten im Homeoffice am Küchentisch war ich im Sommer wirklich bereit für eine Tour und etwas Abenteuer. Vorerst blieb allerdings unklar, ob eine größere Reise überhaupt möglich war. Als die Lage sich entspannte und die Infektionszahlen in Italien deutlich sanken, war die Entscheidung getroffen: Die Dolomiten sollten es werden und der nördliche Teil vom Gardasee.

Teile der Ausrüstung für den Klettersteig

Erste Einblicke ins Thema Klettersteige haben uns die Video-Tutorials „Sicher am Berg: Klettersteige“ vom österreichischen Alpenverein gegeben. Dort wird auch die Frage geklärt, was es an Ausrüstung braucht: Ein Klettersteig-Set, einen Helm gegen Steinschlag, einen Klettergurt und Handschuhe, sowie eine Rastschlinge zum Pausieren im Steig. Auch die Schwierigkeits­grade von A (leicht) bis F (extrem schwierig) werden erläutert. Etwas unklar blieb uns dabei allerdings die Einschätzung der Schwierigkeitsgrade. Hier gibt es keine einheitliche Bezeichnung, jedes Land hat eine eigene Klassifikation.

Klettergurte hatten wir bereits, Handschuhe und Rastschlinge wurden neu gekauft. Klettersteig-Set und Helm konnten wir beim DAV ausleihen. Dort wurden wir von Andrea Kopacek auch gleich ausführlich über mögliche Routen beraten. Weitere gute Tipps samt einem Klettersteig-Buch (siehe Literaturhinweise weiter unten) konnte ich bei Ronald erhalten, dem Leiter unserer NaTour-Wandergruppe.

Ankommen im Villnößtal

In den ersten Augusttagen ging es los Richtung Südtirol. Von Berlin aus über Innsbruck und den Brenner, bei Klausen links ab – ins schöne Villnößtal, in dem Reinhard Messner geboren und aufgewachsen ist. Ein sehr grünes Tal, an dessen Ende majestätisch, wie spitze Zähne, die Geislerspitzen thronen. Die größtenteils als UNESCO Weltnaturerbe geschützte Region beeindruckte mich sofort. Die bizarren Felsformationen gehören zu den südlichen Kalkalpen und sind vor mehr als 200 Millionen Jahren entstanden.

Abendstimmung: Villnößtal mit Geislerspitzen

Zum Ankommen und Einlaufen entschieden wir uns für den Adolf-Munkel-Weg, der am Fuß der Geisler Nordwände ohne Klettersteig-Passagen entlangführt und grandiose Ausblicke ermöglicht. Start und Ziel ist der große Parkplatz der Zanser-Alm, der zentrale Ausgangspunkt für viele Touren – auch gut mit dem öffentlichen Bus zu erreichen.

Der erste Klettersteig

Am nächsten Tag sollte es mit dem Klettern losgehen! Ein Steig der Kategorie A musste es ja sein – da es im Villnöß-Tal davon keinen gab, fuhren wir ein Tal weiter, durchs Grödnertal zum Grödnerjoch (2137 m). Dort sind die Cir-Spitzen zu finden, und auf die Große Cir-Spitze (2592m) führt ein A-Klettersteig. Schon vom Joch aus ein absolut genialer Ausblick in die beindruckende Mondlandschaft der Dolomiten-Welt! Der Himmel zog sich langsam zu, so dass es jetzt zügig gehen musste. Etwas aufgeregt marschierten wir über einen kurzen Weg zum Einstieg in den Steig, legten die Ausrüstung an und schon ging es los, erst über Steine und Geröll, und dann zur ersten mit einem Seil versicherten Stelle. Dank der Video-Tutorials war klar, welche Handgriffe auszuführen sind, und das Ein- und Umklicken der beiden Karabiner-Haken funktionierte super. Etwas kritischer fanden wir die unversicherten Stellen, auch davon gab es einige. Nach ca. 30 min waren wir auf dem Gipfel. Schon ein wenig stolz – den ersten Steig erfolgreich bewältigt! Die Alpendohlen fanden es auch gut.

Blick auf die Cirspitzen

Peitlerkofel – Abbruch im Nebel

Für den nächsten Tag war der Wetterbericht durchwachsen, ab Mittag war dichte Bewölkung gemeldet. Wir wollten trotzdem den Versuch starten, den Peitlerkofel (2875m) zu erklimmen, auf dessen Gipfel ein kurzer Klettersteig mit Schwierigkeitsgrad A/B führt. Der Peitlerkofel ist ein imposanter alleinstehender Berg, der als nordwestlicher Eckpfeiler der Dolomiten gilt. Vom Würzjoch aus (1982m) starteten wir und arbeiteten uns die durchaus schweißtreibende Peitlerscharte hinauf. An der Wegkreuzung angekommen, wo auch der Pfad zum Gipfel abbog, war die Sicht schon ziemlich schlecht, die Wolken- und Nebenschwaden tanzen um uns herum. Was tun? Wir waren unschlüssig. Die Wolken reißen ein wenig auf.  Also doch? Los! Wir folgen den Serpentinen, und freuen uns über ein Edelweiß am Wegesrand. Überhaupt geben die Alpenblumen ein farbenprächtiges Spiel ab.

Schritt für Schritt durch die inzwischen wieder dichteren Wolken, bis zur ersten Kletterstelle, nicht versichert, durch eine Art Felsspalte hindurch. Oben angekommen erkenne ich, dass der Weg scharf links abbiegt – und es geradeaus steil herunter ins felsige Nichts geht. Mein Magen wird etwas flau. Doch da reißen mit einem Mal die Nebelschwaden auf, der Weg und die Umgebung werden sichtbar – und alles ist wieder gut, wir gehen weiter. Leute kommen uns entgegen und berichten vom Weg. Klingt machbar. So schaffen wir es bis zur höchsten Stelle vor dem Klettersteig, der die finalen Meter zum Gipfel überwindet. Die Sicht ist wieder schlechter, wir sind einsam und allein in der wilden Bergwelt, nur die Dohlen flitzen um uns herum. Irre mystische Stimmung! Deswegen liebe ich die Berge so. Dem Himmel ganz nah. Um zum Einstieg zum Klettersteig zu kommen, muss man über einen kurzen Gratweg gehen. Links und rechts verschwindet der Blick im Nebel, die steilen Abhänge lassen sich nur erahnen. Auch der Gipfel selber ist in Wolken gehüllt. Den abschließenden Aufstieg lassen wir sein, eine klare Entscheidung. Dafür geht es mit den jetzt einsetzenden Gewittern in einem zügigen Tempo zurück zum Würzjoch.

Über die Roa-Scharte ins Grödnertal

Für die nächsten beiden Tage ist regnerisches Wetter gemeldet. Also Zeit für Erholung und Planung. Wir kommen auf die reizvolle Idee, von „unserem“ Villnößtal ins benachbarte Grödnertal zu laufen und die Geislerspitzen von der anderen Seite zu bestaunen. Ein gründlicher Blick in Wanderkarte und Internet bekräftigt, dass ein Weg verzeichnet ist, mit kurzem Klettersteig. Gesagt, getan: Es wird eine großartige Tour von 14 km und 1035 m Höhenmetern mit herrlich weiten Blicken in die wilde faszinierende Dolomitenfelswelt. Startpunkt Zanser-Alm (1685m), Aufstieg durch Wald und über Almen bis zum Kreuzjoch (2293m), lange Hangquerung mit traumhaften Weitblicken bis zur kräftezehrenden Roa-Scharte (2617m) mit steilem Anstieg durch Geröll. Von dort weiter Richtung Piz Duleda, über den Piz-Duleda-Klettersteig. Der A/B-Steig ist mit Seilen und einer Leiter gesichert. Wieder machen wir die Erfahrung, dass die versicherten Stellen gut zu gehen sind, es die unversicherten Stellen sind, die wir als durchaus anspruchsvoll empfinden. Oben angekommen (2720m) – ein herrlicher weiter Rundumblick!

Der Abstieg erfolgt über steile Geröllfelder über die Nives-Scharte bis zum Verbindungsweg Puezhütte-Regensburger Hütte. Da es schon Nachmittag ist und wir noch einen längeren Heimweg vor uns haben, nehmen wir ab der trubeligen Regensburger Hütte die Seilbahn Col Raiser hinunter nach St. Christina und von dort aus Bus und Bahn. Wir sind begeistert, wie gut der Rückweg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln klappt, die für uns als Touristen auch noch umsonst sind.

Auf an den Lago di Garda!

Nur 130 km weiter südlich liegt der Gardasee – und doch eine ganz andere Welt. Mediterranes Flair, die Luft lau, es fühlt sich gleich richtig italienisch an. Unser Apartment liegt im ruhigen Nago, oberhalb von Torbole am Nordende des Sees. Schön der Blick über die vielen Weinfelder. Nach einem Tag Pause klingelt der Wecker um 6 Uhr morgens (wie von da an jeden Tag), weil wir der Hitze aus dem Weg gehen wollten. Die Via Ferrata F. Susatti (A/B) in Kombination mit M.Foletti (B) stehen auf dem Programm, zwei der klassischen Klettersteige am Gardasee. Ausgangspunkt ist Biacesa di Ledro (520 m), westlich von Riva del Garda, an der Straße zum Ledro-See gelegen. Etwas über eine Stunde geht es auf einem wurzeligen Ziegenpfad (Sentiero dei Bech) durch schattenspendenden Wald zum Einstieg in den Steig (740m). Kurz zuvor Spuren aus den Jahren 1915-17, die bei mir ein Frösteln auslösen: ehemalige Kriegsstellung und Stollen aus dem 1. Weltkrieg. Auch der Steig hat seinen Ursprung in dieser Zeit.

Susatti Klettersteig

Die Route ist großteils mit einem Stahlseil versichert, hat mehrere kurze Steilpassagen und verläuft teilweise auf einem langen Grat – der Ausblick hinunter auf den tiefblauen See ist grandios! Ziel ist der Cima Capi (909m), bis dorthin benötigen wir ca. eine Stunde nach dem Einstieg. Die langen Kletterpassagen gefallen mir gut, völlig konzentriert auf den Moment, keine Ablenkung, kein anderer Gedanke im Kopf!

Nach einer kurzen Pause am Gipfel marschieren wir weiter über einen wenige hundert Meter langen Pfad, der zum Startpunkt der Via Ferrata M. Foletti führt. Dieser Steig durchquert eine Felswand – ein neuer Aspekt! Nicht lange nachdenken, sondern konzentriert ans Werk. Am Stahlseil gesichert bewegen wir uns für ca. 15 min durch den glatten Fels. Eine nette Hütte lädt am Ende des Steigs zu einer Pause ein. Der Abstieg erfolgt wenig spektakulär über einen schattigen Wirtschaftsweg.

Viele interessante B/C-Klettersteige können wir aufgrund ihrer Länge und der Augusthitze nicht in Angriff nehmen, zu groß die Gefahr von Sonnenstich und Dehydration. Für den nächsten Morgen greifen wir einen Tipp auf, von dem wir am Tag zuvor gehört hatten: Ein neuer Klettersteig entlang eines Wasserfalls! Geparkt wird in Ballino, einer kleinen Ortschaft ein Stück nördlich vom Tenno-See. Die „Ferrata Senora delle Acque“ beginnt direkt am Fuß des Wasserfalls, den man in 30 min Fußweg erreicht. Früher verlief der Steig nur bis zu einer Kaskade (A/B), der Sportklettersteig (D) wurde 2019 um ca. 140 Meter bis zur Wasserfallkante verlängert. Es geht mit Trittbügeln und in den Fels geschlagenen Löchern senkrecht den Fels, auch mit Überhängen, hinauf. Unangenehm neben der Höhe ist für Anfänger*innen die Feuchtigkeit auf den Tritten, die somit rutschig werden. Der zweite Teil des Steigs ist deshalb mit D für „difficile“ gekennzeichnet – und für uns, im wahrsten Sinne des Wortes, eine Nummer zu hoch. Wir kehren – etwas frustriert – auf halbem Wege um und relaxen den Rest des Tages am Strand. Schwimmen ist auch schön.

Für die Abschiedstour am nächsten Tag entscheiden wir uns für den Sportklettersteig „Colodri“ – die Hausstrecke des hübschen Städtchens Arco. Schwierigkeitsgrad B/C – das ist jetzt gut machbar für uns! Fast durchgängig mit einem Stahlseil gesichert, geht es meist diagonal durch die steile Felswand. Zügig, da mir der Flow gefällt, wo es nichts außer dem nächsten Schritt gibt. Die letzten Meter geht es fast senkrecht hoch, mit Bügeln versichert. Und dann sind wir auch schon oben – um 7:30 Uhr in der Früh! Was für ein wunderschönes Morgenlicht, ich genieße den weiten Blick über Arco zum Lago und in die Berge. Der Rückweg führt über das Gipfelkreuz hinab zur Kirche St. Maria di Laghel und weiter in die Altstadt von Arco. Dort warten Cappuccino und Cornetto auf uns.

Ausblick Richtung Gardasee

Fazit

Das Klettersteig gehen hat auf jeden Fall seinen Reiz, weil es trotz der Beschreibungen immer wieder etwas Überraschendes bietet. Für mich gibt es darüber hinaus zwei Aspekte: Zum einen Steige im Rahmen einer Bergwanderung, wo es ein steiles Stück zu überwinden gilt. Zum anderen die talnahen und sportlichen Klettersteige, wo das Klettern an sich im Fokus steht. Im nächsten Jahr üben wir sicherlich weiter. Was bleibt: Die Faszination der Berge, ob mit oder ohne Klettersteig!

Ausrüstung für den Klettersteig im Camp4-Webshop

klettersteig equipment

Hilfreiche Infos

Literatur und Karten:

„Dolomiten“, F.Fritz/D.Höllhuber, Michael Müller Verlag, 5.Auflage 2018

„Klettersteigführer – Dolomiten-Südtirol-Gardasee“, A.Jentzsch-Rabl/A.Jentzsch/D.Wissekal, 3.Auflage 2015, Alpinverl

Outdoorkarte „Gröden – Seiseralm – Rosengarten – Sella – Marmolada“, Verlag  Kümmery+Frey, Maßstab 1:35.000

Topographische Wanderkarte „Alto Garda – Ledro – Monte Baldo Nord“, Tabacco-Verlag, Maßstab 1:25.000

Links:

Video-Tutorials „Sicher am Berg“: https://www.alpenverein.at/portal/bergsport/sicheramberg/klettersteig/index.php

Alle hier erwähnten Klettersteige sind zu finden unter: https://klettersteig.de


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