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Reisebericht – „Von der Kunst, nach 2 Wochen Wandern schlecht gelaunt anzukommen“ Teil 1/3


Drei Tage vor meiner Abfahrt aus Berlin begann mich mein Ischias zu plagen. Wie viel Kilo wogen Ausrüstung und Verpflegung noch mal? Ach ja, grob 21 kg insgesamt, d. h. ca. 17,5 im Rucksack. Verfluchtes Hundefutter.

Und das 320 km und über rund 16.000 Höhenmeter schleppen? Klang gar nicht mehr so lustig wie vor einem halben Jahr, als ich mit den konkreten Planungen begann.
Der zwiebelnde Ischias sollte das erste Anzeichen sein, dass in dieser Tour der berühmte Wurm stecken würde. Aber fröhlich krümmt sich das Würmchen, das ein Holzwurm werden will.

“Es gab einen, der auszog, einmal quer durch die Eifel zu wandern. Dies ist seine Geschichte und die seiner Reise.”

Willkommen auf dem Eifelsteig …

0. Etappe: Der Start Aachen – Kornelimünster (7 km)

Zunächst galt es, zum Eifelsteig zu kommen. Da der Weg kein Rundweg ist, fiel das Auto als Option weg. Also Bahn fahren. Ich bin ewig nicht mehr mit der Bahn gefahren und in meinem Kopf steckten oft gepflegte Vorurteile wie die Bahn ist eh nicht schneller, kostet mehr und man muss zigmal umsteigen. Doch die Überraschung: Aachen – Berlin mit einmal umsteigen in Köln in 6 Stunden und paar Zerquetschte für 40,- Euro. Da kann man nicht meckern.
Im Preis inbegriffen war dann zwar eine dauertelefonierende Russin. Aber offensichtlich ist es heutzutage üblich, sich die Bahnfahrt mit dem Handy zu vertreiben, denn kaum waren wir losgefahren, hatte jeder sein Teil an der Ohrmuschel. Ich schaute frappierend Old School aus dem Fenster und sah der Welt beim Vorbeiziehen zu.

Derweil reisten meine Gedanken schon voraus nach Aachen, das ich zur besten Abendzeit erreichen würde. Wie bei vielen vermarkteten Premium-Wanderwegen spart die Marketingabteilung hässliche Abschnitte gerne aus und lässt die Wege ziemlich sinnlos im Nirgendwo beginnen. Daher beginnt der Eifelsteig auch nicht, wie es nützlich wäre, in Aachen am Hauptbahnhof (= Zentrum) , sondern im eingemeindeten Ort Kornelimünster. Dass man da trotzdem irgendwie hinkommen muss, spielt da keine sonderliche Rolle, versteht sich. Obwohl zu den offiziellen 313 km gerade mal 7 bis 8 km dazukommen würden. „Ich bin von Aachen nach Trier gewandert“, klingt zudem viel knackiger, finde ich. Von Kornelimünster bleibt beim Geneigten Leser/Zuhörer eh nur „Korneli … was?“ hängen.

Die Wanderbegleitung war offensichtlich noch müde vom Zugschlaf

Der Plan war also, bis zum Start in „Korneli … was?“ zu latschen und sich dann unters Himmelszelt zu legen. Die Tour sollte nachts vor allem draußen verbracht werden – da konnte man gleich auch mit anfangen. Der Rest des Weges sollte sich als ziemlich gegenteilig herausstellen.

Der Weg aus Aachen heraus war schon überwiegend schmucklos. Was  in des großen Karls Residenzstadt womöglich an Hübschem mal geschaffen worden sein mag, ist spätestens im 2. Weltkrieg gründlich ausgedünnt worden. Dafür konnte ich mir zwischendurch eine Pizza gönnen und somit das Kochen sparen. Irgendwann läuft man auf der alten Trasse der Vennbahn und der Abschnitt ist durchaus wert zum Eifelsteig zu zählen.

Die Benediktinerabtei in Kornelimünster

Kornelimünster ist gegenüber Aachen tatsächlich recht hübsch, auch im Dunkeln. Den Kern bildet ein hübscher Platz mit Kloster (ein Teil des Jakobsweges geht hier lang, wie auch später noch manches Pilgerweg ist) und ein paar schmucken Häuschen: ehrfürchtig hab ich ein Selfie vor dem Startschild des Eifelsteigs gemacht – ich bin ja nicht von ganz hinterm Mond.

Der Weg folgt gleich hinter dem Ort einem Bächlein, der „Inde“, und bald fand ich einen muckeligen Hain zum Nächtigen, ohne jemandem zur Last zu fallen. „Leave no trace“ ist sowieso Pflicht.
Unter einem grandiosen Sternenhimmel bei unsympathischen 4° C schliefen meine Fellnase und ich ein – der neue Daunenschlafsack hatte sich schon gelohnt.
Stand: 1 km.

1. Etappe: Kornelimünster – Camping Perlenau (31,5 km)

Die offizielle 1. Etappe geht bis Roetgen. Aber das Örtchen klingt nicht nur wie Frosch im Hals, sondern ist mit 14 km relativ leichter Wegstrecke sehr schnell erreicht. Mit einer aufgegabelten Wandergenossin wurde Roetgen für eine Rast genutzt und dann auch schon wieder verlassen. Der Weg war bisher optisch ganz nett, aber alles andere als abgeschieden und nur Natur. Ein gemütlicher Einstieg in ganzem Sinne. Ein Höhepunkt sollte das Naturschutzgebiet Struffelt mit seinen Holzstegen sein, aber entweder habe ich zu viel mit meiner Begleitung gequatscht oder es war einfach zu klein zum Zu-toll-finden.

Das Itertalviadukt

Die offizielle zweite Etappe führt vom Örtchen mit dem Hustenreiz-Namen nach Monschau, was nicht nur eines der Eifelsteig-Juwele sein soll, sondern auch vergleichsweise wie Poesie über die Lippen kommt. Eigentlich hatte ich gar nicht vor, soweit zu wandern, sondern mir irgendwo davor ein nettes Plätzchen zu suchen. Allerdings geht es auf der 2. Etappe ein gutes Stück durch Belgien und da wiederum durch was Naturgschütztes mit Wegegebot, sodass ich zumindest wieder bis nach Deutschland kommen wollte. Wer weiß schon, wie die Belgier so drauf sind?

Holzstege im NSG Struffelt

Der belgische Wegabschnitt entpuppte sich als höchst zwiespältig. Zum einen kann man ein gutes Stück schönste Heidelandschaft (ein Teil des hohen Venns) bewundern, zum anderen ist das schönste Stück 5 km geradeaus und größtenteils asphaltiert. Und 5 km geradeaus laufen und voraus schauen zu dürfen, macht trotz schönster Natur beileibe keinen Spaß. Ich bin dann auch schneller durchmarschiert, um es hinter mich zu bringen, was sich am Ende des Tages rächen sollte.

So weit das Auge reicht – Karte überflüssig

Genervt in good old Germany angekommen, waren die Kräfte nach 24 km langsam geschwunden, aber kein Schlafplatz in Sicht. Erst kam die Zivilisation, dann wurde es um den Weg herum zu steil. Ich wusste nach Monschau käme ein Natur-Campingplatz, aber eigentlich hatte ich null Bock, noch so weit zu laufen. Wie es so kam, lief und lief ich und kann erst einmal nach Monschau. Und was soll ich sagen, Monschau ist wirklich ansehnlich. Von steilem Hange kommt man auf spektakulärem Wege (Danke an meine Leki Sherpa XXL an dieser Stelle) zu dem Ort, von dem man eine der zwei Burgen schon von Weitem sieht. Ich war etwas zerknirscht von dem Anblick, da die zu erblickende Topographie bedeutete, ich würde zunächst den Hang runter, um dann wieder zu der Burg hoch zu müssen. Ich fluchte und schleppte mich voran bzw. nach unten.

Blick über Monschau

Schweißgebadet und ziemlich alle kam ich bei der Burg an. Die Burg selbst war offenbar mal ruinös, ist dann etwas lax wieder hergerichtet worden und mittlerweile eine Jugendherberge. Im Ort finden sich zwar viele Hotels und Unterkünfte, aber das war mir trotz meiner Müdigkeit alles zu fein und nobel. Mit dem Charme von Kaffeekränzchen um 16 Uhr nach dem Shoppen in Läden mit Stadtansichten auf Geschirr. Oh, wie ich diesen Charme vermisste, als es direkt nach Monschau in berstige Steigungen ging. Von Monschau bis zum Zeltplatz sollten es nur 2,5 km sein, aber die waren teuflisch.

Mein Wasser war alle, nachdem ich darauf verzichtete, in Monschau nachzufüllen, weil ja schließlich der Weg direkt an der Rur langgehen sollte. Ging er auch, aber leider einen 50 m hohen Hang darüber. Wie ich so ging, fragte ich mich auch, warum der Weg immer höher ging, während der Platz immer näher rücken sollte. Ich befürchtete schon, der würde zwar Luftstrecke nahe am Weg liegen, aber wie die Rur unerreichbar. Meine Befürchtungen wuchsen, als ich tief unten erste Wohnwagen sah. Mir fiel ein ganzes Felsmassiv vom Herzen, als ich auf einen Abzweig traf, der vom Eifelsteig zum Zeltplatz führte. Die 2 km zusätzlichen Weg und der fast schon halsbrecherisch zu nennende Abstieg war dann auch wurscht.

Zeltplatz mit Entspannungsatmosphäre

Der Platz selber liegt herzerweichend schön in einer Schleife der Rur, sodass man vom Säuseln des Wassers in den Schlaf gegluggert wird. Dafür ging kaum nen Hering durch die Schottersplitter des „Zeltplatzes“. Ich musste meine Tarpschnüre teils an Felsbrocken knoten – ganz doof. Zum Glück regnete es  ohne viel Wind. Platt wie Flunder gönnte ich mir Schnitzel plus Bierchen im zugehörigen Restaurant und beendete meine erste richtige Etappe wie fast alle späteren: erschöpft, mit Regen und mit kaum sonderlichen Eindrücken vom Weg. Die Sehenswürdigkeiten waren für die Strecke wirklich spärlich. Was bliebe zu erwähnen? Ach ja, die Felsen an Karl des Großen angeblichen Rastplatz waren ganz nett.
Obwohl ich eigentlich in Anbetracht der Gesamtdistanz es ruhig angehen lassen wollte, war ich nun nach dem ersten Tag eine Etappe voraus … yeah?

Stand: 32,5.

2. Etappe: Camping Perlenau – Einruhr (22 km)

Mit müden Gliederm schälte ich mich morgens relativ spät aus dem Schlafsack. Die gestrige Etappe steckte mir deutlich in den Knochen und ich schob die Gedanken an den Aufstieg zurück auf den Eifelsteig geflissentlich beiseite. Jeden Morgen fühlt man sich auf Wanderung wie 100 und dann geht es wundersamerweise trotzdem weiter.

Steil, steil, steil

Durch meinen Gewaltmarsch am ersten Tag fiel an diesem die Etappe knapper aus. War trotzdem ziemlich anstrengend. Immerhin war mir später am Abend klar, dass Etappen, die als „schwer“ betitelt werden, es auch sind. Vor allem mit ordentlich Gepäck. In der Hinsicht kein Zweifel in der Eifel.

Ansonsten kommt man mt zwei für den nördlichen Teil des Weges prägenden Dingen in Berührung: dem Nationalpark Eifel und den beeindruckend aufragenden Hecken mancher Häuser. Beidem begegnet man im Örtchen Höfen – und die Hecken haben da die Nase weit voraus. Bis zu 10 m ragen diese seit dem 17. Jh. den kalten Westwinden zum Trotz angelegten Wunder der Gärtnerkunst auf.

Aussicht Perdsley

Insgesamt geht es auf der Etappe recht viel rauf und runter, da man an reizvollen Flüsschen entlangkommt und der Weg gern mal die Seite wechselt, um oben schöne Aussichten zu bieten. Leider war die Eifel in Sachen Blätterwuchs noch nicht so weit wie Berlin, sodass alles braun in braun war. Der Weg zog sich etwas langsam dahin, obwohl viel Natur zu sehen war, aber irgendwie zündete nicht der rechte Funken. Es war vor allem anstrengend.

So sieht Urlaub in der Nordeifel aus

Einruhr als Etappenziel ist ein doch schon eher unauffälliger Flecken, der vor allem von ein paar Hotels und Pensionen zu leben scheint. Es liegt sagen wir mal idyllisch am Anfang des Obersees, einem Stausee, den ich morgen recht lange durch den Nationalpark folgen würde. Da ich fälschlicherweise angenommen hatte, die Etappe nach Einruhr läge schon im Nationalpark, wo frei übernachten ein richtig böses No-Go ist, hatte ich eine günstige Pension angesteuert. Vor dem Häuschen kochend beschloss ich den Abend und fragte mich, wann die Eifel wohl anfangen würde, ihre Reize zu zeigen.

Stand: 54,5.

3. Etappe: Einruhr – Gemünd (ca. 23 km)

Auf diese Etappe habe ich mich besonders gefreut, sollte sie doch durch den berühmten Nationalpark Eifel führen. Im Nachhinein war sie eine der besseren Etappen der ersten Hälfte des Eifelsteigs, aber der Nationalpark selbst war eher eine Enttäuschung. Am früh einsetzenden Regen lag es jedoch nicht. Beim Betreten gibt es viel Brimborium mit Infos und Verboten und Tor und so. Dann läuft man jedoch auf einem breiten Weg, der die ganze Zeit an dem Stausee entlanggeht. Auf der anderen Seite sieht man hier und da ein Wochenendhaus, es tuckert ein Ausflugsdampfer über den See und ich hab sogar nen Angler angeln sehen. Also alles andere als unberührte Natur. Dafür jede Menge Höhenmeter aufwärts, um sich die Staumauer ansehen zu dürfen und schließlich die Dreiborner Höhe zu erreichen. Dennoch paradox: man darf die Wege nicht verlassen, aber offensichtlich ein idyllisches Flüsschen mit einer kolossalen Staumauer aufstauen.

Urftstaumauer – so ne Art Sehenswürdigkeit am Nationalpark(!)

Die folgende Wald- und Wiesenlandschaft ist selbst im Regen unheimlich sehenswert. Eine wunderschöne Landschaft, die Spaß macht zu durchwandern. Zudem trifft man auf lebendige Geschichte, wie ich es auf Wandertour in Deutschland mag. Wie aus dem Nichts tauchen viereckige, merkwürdige Gebäude auf, die wie das Millionengrab eines Immobilien-Magnaten aussehen, der in dieser schönen Landschaft Ferienhäuser verkaufen wollte. Diese sind jedoch im Erdgeschoss vermauert und unverputzt – sehr seltsam.

Alsbald kommt dann eine alte Kirche in Sicht und langsam wird die Sache interessant. Denn so unvermutet wie nur möglich ist man in eine Wüstung geraten, also an einen Ort, der früher mal offiziell bewohnt war. Informationstafeln und ein Modell informieren über den Ort Wollseifen, der bis zum 2. Weltkrieg ein kleines Dorf war. Er wurde dann im Krieg weitestgehend zerstört, aber dennoch kehrten die Bewohner zunächst zurück, um dann vom britischen Militär vertrieben zu werden, die daraus einen Truppenübungsplatz machten. Die neueren Bauten sind wiederum Kulissenbauten des belgischen Militärs, die diesen später nutzten, und machen die bizarre Atmosphäre perfekt.
Bis heute existiert ein Wollseifener Verein, der sich um den Ort bemüht und zum Beispiel die ruinöse Kirche instand hält. Ein interessantes Beispiel von Heimatverbundenheit. Aber auch ein sehr melancholisches, wenn man über die alte Dorfstraße läuft und hier und da die alten Keller der früheren Häuser erahnen kann.

Militärische Kulissen in Wollseifen

Nach diesem bewegenden Blick in die Geschichte, wartete auch schon der nächste: die NS-Ordensburg Vogelsang. Ein wirklich furchtbarer Ort, der bei mir absolut kein Interesse für eine nähere Betrachtung weckte. Hässlich, sinnlos, deprimierend in seiner Wirkung. Zum Glück ging der Weg bald in schöne Natur über und bot neben einer weiteren Hochebene mit Eifelblick und urtümlichen Tälern wieder was für die Stimmung.

NS-Ordensburg Vogelsang

Frisch geregnet ist halb getarptEin Regenschauer in Gemünd (das kurorttypisch etwas langweilig ist) machte fast meine Tarppläne zunichte, aber mein Optimismus bescherte mir hinter dem Ort nicht nur einen schönen Schlafplatz, sondern auch eine Regenpause von rund 1 Stunde.

Stand: 77 km.

 

4. Etappe: Gemünd – Nettersheim (27 km)

Gemünd selbst ist nach offizieller Einteilung Ende der 4. Etappe, ich war also noch immer eine Etappe voraus. Auch an diesem Tag sollte ich letztlich unfreiwillig Vorsprung herausholen. Enden sollte die Etappe nach 17,4 km in Kloster Steinfeld. Meine ursprüngliche Planung sah vor, nach dem Kloster mich irgendwo in die Natur zu verziehen. Letztlich war ich doch am Kloster recht abgekämpft und versuchte am dortigen Hotel mein Glück. Ich hatte aber einen von zwei (!) Ruhetagen erwischt. Eine fürs ländliche Deutschland typische Unsitte.

Kloster Steinfeld in wechselhafter Wetterkulisse

Für mich hieß es jedenfalls die müden Glieder sortieren, im mal wieder einsetzenden Leichtregen Wasser fassen aus der am Wegesrand fließenden Urft dank Saywer-Filter und weiterziehen. Das Kloster selbst hat mich nicht sonderlich gereizt, ich habs nicht so mit den religiösen Kulturstätten, von denen es in Form von Kreuzen, Kapellen, Kirchen und Klöstern wirklich reichlich auf dem nördlichen Eifelsteig gab. Auch in den Unterkünften fand ich eine gewisse konservative Grundstimmung vor, aber dazu später mehr.

allgegenwärtige Spuren von Forstwirtschaft

Letztlich war die Etappe weitestgehend unspektakulär, aber mal wieder ziemlich anstiegsfreudig. Wie häufig in den Eifeler Wäldern stieß ich hier auf viele Eingriffe durch Forstwirtschaft. Sicher ist das auch ein Teil des deutschen Waldes, aber beim Wandern gehe ich ungern in den riesigen Reifenspuren der Maschinen, auf zerwühlten Wegen oder möchte nicht die Mannschaften beim Rausrupfen der Bäume sehen. Bilder, die praktisch den ganzen Eifelsteig zu sehen waren und das Walderlebnis empfindlich gestört haben.

Grüner Pütz: Quelle und Römische Wasserleitung

Für mich als alter Lateiner war es dann aber keine geringe Freude auf römische Reste in Form von alten Handelsstraßen und Wasserleitungen zu treffen. Wieder mal Geschichte zum Anfassen und wie immer erstaunlich, was die Römer so alles geleistet haben. Von hier aus wurde Köln mit Wasser aus der Eifel versorgt!
Eigentlich sollte Nettersheim dann schließlich meine Endetappe mit Unterkunft werden, aber alle Unterkünfte waren angeblich ausgebucht. Während der Vorsaison, bei miesem Wetter und bei wenig Wanderern unterwegs. Ein Phänomen, das ich mehrfach beobachten konnte: die Eifeler sind wenig bis gar nicht auf spontane Wanderer eingestellt und sagen lieber „nö“. Später sollte ich noch erfahren, dass nach immerhin 8 Jahren Existenz des Eifelsteiges erst langsam Pensionen und Hotels davon abrücken, Gäste unter einer bestimmten Anzahl an Übernachtungen gar nicht erst anzunehmen. Eigentlich unglaublich für einen so bekannten Wanderweg mit stolzen 15 Etappen. Touristisch kann die Nordeifel jedenfalls noch ne Schippe drauflegen. So viel also zu NETTersheim.

ein eifeltypischer Kalkofen

Für mich hieß das, sich völlig entkräftet in die Natur schleichen. Um so schöner, dass alle Optionen entweder voll einsehbar waren oder am Hang lagen. Ich entschied mich für den Hang sowie eine neue Tarp-Aufbauform und kroch hundemüde in die Koje. Beim nächtlichen Umdrehen zeigte dann mein Schlafsack bemerkenswerte Rutscheigenschaften, Hang sei Dank. Natürlich regnete es mal wieder. Aber immerhin die 100-km-Grenze war geknackt. Juchee …

Stand: 104 km.

In Richtung der Öffnung ließ es sich super rausrutschen

5. Etappe: Nettersheim – Ripsdorf (20 km)

Mit der Übernachtung bei Nettersheim lag ich nun ungefähr 1,5 Etappen voraus. Wie schön, dass ich es eigentlich gemütlich angehen lassen wollte, nachdem ich letztes Jahr auf dem Hexenstieg lernen musste, dass Ausschöpfen des körperlichen Potenzials nicht gleich auch Erholung ist. Komisch. Auf dem Eifelsteig sollte es auf der ersten Hälfte hingegen schwierig sein, die Etappen kürzer zu legen – im Gegenteil brachten mich die Umstände stets zum Verlängern. Mit dieser Etappe sollte sich mein Vorsprung aber ziemlich verringern.

Steinrütsch mit dem Römerkastell

Aber zunächst ging es weiter im Urfttal auf den Spuren der Römer. Direkt am Weg begnet man einem Kleinkastell und trifft auch wieder auf Reste der Wasserleitung. Kurz darauf darf man sich wieder über einen Anstieg freuen. Durch den Regen der Tage zwar teils schwierig zu begehen, aber so verwunschen, dass es nur eine helle Freude ist.

verwunschene ...  Höhenmeter

 

 

 

 

 

Kaum auf einer Hochebene angekommen, fing es derart an zu schütten, dass ich das erste Mal meine Sherpa Lithang rausholen musste. Nur mit Galgenhumor sah ich das Positive, dass ich das knappe halbe Kilo nicht umsonst mitgenommen hatte. Trotz atmungsaktiver Membran brachte mich ein strammer Anstieg gehörig ins Schwitzen. Außen nass, innen nass – was will man mehr? Ich eilte derweil Blankenheim als einem weiteren städtischem Höhepunkt entgegen und flüchtete mich zum Mittag in ein heimeliges Gastgewerbe. Was sich bitter rächen sollte …

Blankenheim: Burg, Kirche, Fachwerk

Denn wie sich später herausstellte hatte Blankenheim neben Burg, Fachwerk und Regen (der Ort ist übrigens wirklich schmuck) auch noch eine Lebensmittelvergiftung für mich parat. Diese tarnte sich als Erbsensuppe, um dann wenige Stunden später meine ganze Tour zu gefährden. Als ob die Suppe nicht genug war, folgt man nach Blankenheim dem historischen Brotpfad inklusive mal wieder steilem Anstieg. Warum der Pfad so hieß überließ ich anderen Wanderern mit besserer Laune – ich wollte nur ankommen. So langsam nervten die Anstiege gepaart mit der etwas dürftigen Sehenswürdigkeitendichte.

Es lief ein Fuchs durch die Landschaft, also ein anderer

Ein Etappenziel hatte ich nicht wirklich gesetzt, nur irgendwo hinter Ripsdorf. Aber schon ein paar Kilomter davor, im Schaafbachtal, begann ich mehr als sonst müde zu werden. Erst dacht ich, ich sei unterzuckert. 1 km vor Ripsdorf machte sich schließlich mein Kreislauf bemerkbar, indem im Kreis laufen eher ging als geradeaus. Ich schleppte mich mehr als dass ich wanderte zum Hotel und bestellte mir sofort ne Limo, die überhaupt nichts half. Mein Versprechen zum Abendessen in die Wirtsstube zu kommen, hielt ich dann nicht mehr.

Stand: 124 km.

Teil 2/3 folgt demnächst…


Eine Antwort auf Reisebericht – „Von der Kunst, nach 2 Wochen Wandern schlecht gelaunt anzukommen“ Teil 1/3

  1. Micha Micha says:

    Bisher ein gut zu lesender Bericht mit schönen Beobachtungen über eine Wandertour, bei der nicht immer alles perfekt funktionierte.
    Mal schauen, wie es weitergeht!

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