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Mit der Piroge zur Königsmündung

Voodoo-Fantom zu den Feierlichkeiten am 10. Januar

Im kleinen Benin, zwischen Togo und Nigeria, in Westafrika, war unser Autor Adrian ein Jahr zu Gast. Im Rahmen des entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes „weltwärts“ hat er an einem Projekt zur Sauberhaltung der Küste in Grand-Popo mitgearbeitet. Für uns hat er ein ganz besonderes Erlebnis aufgeschrieben:

Dort wo der Fluss Namens Mono ins Meer fließt ist unser heutiges Ziel. Rico ist mich besuchen gekommen und wir haben etwas ganz besonderes vor: Die Königsmündung. Die „Bouche de Roi“.

Um 5:30 Uhr brechen wir auf. Es ist Nacht und noch ist es ruhiger als sonst in Grand-Popo. Wir laufen die schnurgerade, gepflasterte Strandpromenade Richtung Fluss. Am Flusshafen im Viertel „Gbercon“ angekommen erwartet uns schon mein Arbeitskollege Yao. Er wird heute unser Guide sein und uns mithilfe der kleinen Piroge und des Bambusstabs voran bringen.

Auf dem Wasser sitzen

Ein lustiges Gefühl ist dass, als wir uns zu Wasser lassen. Der Einbaum ist so winzig, dass jede Bewegung uns mächtig schwanken lässt und man das Gefühl hat direkt auf der Wasseroberfläche zu sitzen. Langsam bricht der Tag an. Das Ufer wird gesäumt von Mangrovenwäldern und Kokospalmen, deren Silhouetten wie schwarze Schatten vor der aufgehenden Sonne wirken.

Das Meer ist von hieraus zum Greifen nahe. Weniger als 100 Meter trennen in Grand-Popo das Salzwasser von dem Süßwasser. Und doch dauert es 15 Kilometer bis der Mono seinen Weg in den Atlantik findet. Er bildet daher eine weitläufige, abgelegene Lagunenlandschaft, deren Antlitz wir heute besichtigen wollen.

Kein Hochprozentiger auf nüchternen Magen

Unsere Bootsfahrt zieht sich vorbei an den malerischen Fischerdörfern, welche abgeschnitten auf der besagten Landzunge thronen. Von Arbeit wegen war ich bereits mehrmals in jenen Dörfern und bin deshalb auch schon in den kulinarischen Genuss des lokalen Palmenschnapses gekommen, der hier traditionell den Gästen serviert wird. Da ich jedoch Hochprozentiges auf nüchternen Magen nicht gerne hab und zudem zügig vorankommen will, beschließen wir nicht anzulegen, sondern weiterzufahren.

Adribaba auf dem Voodoo-Festplatz

Einige Kinder erkennen mich trotzdem und Rufen „Adribaba“ (mein Spitzname) und „Yovo“ (Weißer) zu meinem Freund Rico. Auch die Frauen, die am Fluss die Wäsche waschen, verharren und sehen kurz hoch. Besonders schön anzusehen, sind vor allem die Voodoo-Festplätze. Jedes Dorf hat so einen zentralen Ort. Reich verziert und bunt bemalt an dem zu besonderen Anlässen die dorfeigenen Voodoo-Phantome aufmarschieren.

Regenzeit mit Hochwasser

Und weiter geht die Reise. Unterwegs muss Yao aufpassen, dass er die ausgelegten Netze der Fischer umschifft und gleichzeitig nicht ins zu tiefe Mittelwasser gerät. Es ist nämlich Regenzeit, der Fluss hat Hochwasser und unser Bambusstab ist nicht lang genug. Von Zeit zu Zeit kommen uns andere Pirogen entgegen, beladen mit diversen Konsumgütern. Besonders wuchtig wirken die „Schilffransporter“, welche den pflanzlichen Rohstoff aus den Sümpfen zur Mattenfertigung in die Dörfer transportieren.

Andere Schiffe wiederum versorgen die abgelegenen Haushalten auf den kleinen Inseln, die sich hier zu Salzproduktion angesiedelt haben, mit den alltäglichen Bedarf. Nach etwa zwei Stunden Fahrt erreichen wir unser Ziel.

Ziel erreicht?

Beinahe zumindest, denn Yao parkt die Piroge etwa 500 Meter vor der Mündung am Ufer. Er hat Angst, dass die starke Strömung das Boot sonst hinaus auf Meer treiben würde. Wir laufen also das letzte Stück zu Fuß. Ein merkwürdiges Gefühl: Der Sand ist weich, auf der einen Seite rauscht das Meer und auf der anderen Seite der Fluss. Hier am Ende wachsen keine Bäume mehr. Weder Palmen noch Mangroven. Ja das Land wirkt geradezu karg. Fast wie eine Wüste.

Auf einmal huscht uns eine Krabbe über den Weg. Und dann noch eine und noch eine. Ganz viele sind es, die da am Strand nach Futter suchen. Weiter hinten fühlt sich ein Schwarm aus weißen, kranichähnlichen Vögeln von uns erschreckt und fliegt weg. Schließlich sind wir da. Dort wo es nicht mehr weiter geht und die Halbinsel auf der Grand-Popo liegt zu Ende ist. Wir lassen uns in den Sand sinken und packen unser Proviant aus.

Mittagspause auf beninisch

Avocadobaguett und Kochbananen. Lecker! Danach ziehen wir unser T-Shirt aus und gehen ins Wasser. Wie ein super langer Strömungskanal ist der Fluss an dieser Stelle. Man braucht sich nur treiben zu lassen. Yao wartet indes am Ufer. Wie die meisten Beniner kann er nicht schwimmen. Zuletzt sammeln wir noch ein paar riesige Muscheln am Strand als Souvenir. Bis auf einen Papa, der mit seinem Sohn zum Fischen an diesen Ort gekommen ist, sind wir völlig allein. Von der Küste weht unerlässlich ein starker auflandiger Wind und sorgt für eine angenehme Kühlung und einen erfrischenden salzigen Duft.

Wurzelgeflechte auf dem Rückweg

Nach einer ausgedehnten Mittagspause kehren wir zurück zu unserem Boot. Yao hat jetzt mehr Arbeit, da er gegen die Strömung stemmen muss. Unterwegs machen wir noch einen Stopp in den Mangroven. Wie ein riesiger Irrgarten wirkt für mich das ungeheure Geflecht aus Wurzeln. Wir steigen aus und versinken sogleich Knietief im Schlamm. Es ist angenehm weich, aber sehr umschlingend. Jeder Schritt ist furchtbar anstrengend und hinterlässt ein markantes Schmatzen. Ein bisschen wie im Wattenmeer an der Nordsee.

Anschließend setzten wir unsere Rückreise fort. Am Ufer entdecke ich ein paar Beniner bei der Arbeit auf den Zuckerrohrplantagen. Und kurz darauf kreuzt uns eine andere Piroge voll beladen mit eben jenen Zuckerstangen.

Kapitänswechsel

Für die letzten hundert Meter gibt Yao meiner Bitte nach und ich darf auch mal „ans Steuer“. Mit dem Bambusstab navigiere ich uns Boot Stück für Stück nach vorne, ohne die Fischernetze zu rammen oder sich im Kreis zu drehen. Gar nicht so leicht…

Schließlich erreichen wir unseren Ausgangspunkt, den Hafen von Gbercon, wo Yao die gemietete Piroge an seinen Besitzer zurückgibt. 1000FCFA (1,50€) hat die Miete für den Tag gekostet und 6000FCFA (10€) geben wir Yao für seinen Dienst. Ich bin offen und ehrlich gesagt heilfroh, das Yao mein Freund ist und ich am Ende nicht stundenlang um den Preis feilschen muss. So wie sonst immer!

Plastik wohin das Auge schaut

Alles in allem ein wirklich traumhafter Tagesausflug unter der sengenden westafrikanischen Sonne (Strohhut nicht vergessen). Einziger Wermutstropfen bleibt das katastrophale Ausmaß an Plastikmüll, welches die Strände und auch die Flussmündung säumt.

Den Tag jedenfalls lassen Rico, Yao und ich in guter Manier mit „Kom“ (Maispüree), fritiertem Fisch und feurig scharfem „Pigmont noir“ (schwarzer Chillipastete), sowie einem Gläschem Palmenschnaps ausklingen.


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