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Reiseberichte » Südamerika » Argentinien

Patagonien – Ice Cap Trek oder “Die Fitz Roy Umrundung”

Vuelta del Hielo , Ice Cap Trek oder die Fitz Roy Umrundung wird die einzige regelmäßig begangene Trekkingroute auf dem südlichen patagonischen Eisfeld genannt. Spektakulär schön soll sie sein, wenn man das Glück hat, halbwegs passables Wetter zu erwischen. Wir rüsteten uns für alle Eventualitäten aus, studierten die Wettervorhersagen, planten die Etappen und die Übernachtungen – und Patagonien lachte darüber und bereitete uns ein kleines Abenteuer vor.

„Dort ist der Pass“

…Taxifahrer, der uns 17km Schotterpistenwandern sparte, zeigte in die graue Masse, die sich vom ansonsten tiefblauen Himmel abhob. Eine der mächtigsten Schlechtwetterküchen der Welt lief im vollem Gang, sodass wir, aus dem sonnenüberfluteten Tal kommend, innehielten. Und ob man es glaubt oder nicht: Bei ansonsten bester Wetterlage wanderten wir schon bald im peitschenden Regen und gegen einen steifen Wind.

Es war ein Fehlstart. Zwar bauten wir unsere Zelte schon auf La Playita („das Strändchen“) auf – einem vermeintlich windgeschützten Biwakplatz weiter oben im Tal – die Nacht verbrachten wir aber, das Gestänge bei Windböen fest haltend. Die Zelte haben es knapp – verbogenes Gestänge, gerissene Ösen etc. – überlebt; wir stiegen kalt und durchnässt wieder zum im Wald gelegenen Zeltplatz ab. Unterwegs spielte der Wind mit den Persönchen und ihren Rucksäckchen wie mit Papierfliegern und beschleunigte uns von Stein zu Stein…

„Geschlafen haben Sie wahrscheinlich nicht“, meinten zur Begrüßung die Zeltplatzbetreuer (sie hatten Recht) und schenkten uns Tee ein. Wir verbrachten mehrere Stunden am Ofen in der Gaststube und versuchten, uns wieder einigermaßen aufzuwärmen und abzutrocknen.

Am Abend brachten andere Wanderer den aktuellen Wetterbericht: Es sollte besser werden, jedoch nur für zwei Tage – für danach gab es eine Sturmwarnung sogar für die Ortschaft im Tal! Dann auf dem Eis zu sein wäre ein Selbstmord und idealerweise zu vermeiden. Wir hatten 4-4,5 Tagesetappen, die bei Wind gefährlich sind, eine weitere Chance aufs Eis zu kommen gab es aber nicht. Nach kurzem Überlegen wurde die Entscheidung getroffen: Früher Start, die kompletten Lichttage nutzen und nach zwei Tagen wieder im Tal sein. Oder, sollte das Programm nicht zu erfüllen sein, direkt am ersten Abend umdrehen. Wir haben uns vom (Not)Abstieg heute früh bereits erholt und wollten es wieder versuchen.

Aufstieg zum Marconi-Pass

…war das spektakulärste, was ich bisher gesehen habe. Imposante Gletscher und Eisfälle, Moränen und Seen, Gletscherflüsse und immer wieder ein Blick zu den schwierigsten Klettergipfeln der Welt. Einen Pfad gibt es nur im unteren Bereich, ab und an mit Steinmännchen markiert. Ab dem ersten Gletscher ist man auf sich selbst gestellt.

Über leichte Felsen und weite, zunehmend schneebedeckte Gletscherflächen, ging es auf die eigentliche Passhöhe. So standen wir irgendwann auf dem Inlandeis selbst und überblickten die komplette Ebene, umsäumt von wilden, vergletscherten Gipfeln – unbeschreiblich.

Ohne Steigeisen, aber angeseilt ging es zügig gen Süden. In der Abenddämmerung, nach ca. 13h seit dem Start, befanden wir uns gegenüber des Circo de los Altares, der mit u.a. Fitz Roy und Cerro Torre eine einmalige Kulisse bot. Hier, mitten auf dem Eis, erlebten wir einen phantastischen Sonnenuntergang und gruben unsere Zelte (zwei Stunden lang) sturmfest ein. Kurz nach Mitternacht war es dann geschafft und der Wecker für noch einen langen Tag gestellt.

„Glücklich ist, wer hier einen Sonnenuntergang erleben darf“

…schreibt Ralf Gantzhorn, Autor des (sehr anspruchsvollen) Rother Wanderführers für Patagonien. Und das, was wir gerade hatten, war ein Sonnenauf(!)gang – und zwar wieder einmalig schön! Nach einer luxuriösen Fotosession ging es unter ziemlichem Zeitdruck weiter, die Schneedecke wurde jedoch zunehmend dünner und wir brachen immer wieder mit den Füßen in die Spalten ein. Irgendwann gab es gar keinen Schnee mehr auf dem Gletscher, was einerseits sicherer, andererseits aber schlechter für die Fortbewegung war – 5h Spaltenhüpfen mit Gepäck sind anstrengend… Die Aussicht und der wolkenlose Himmel ganz ohne Wind waren es aber absolut wert.

Nach rund 20km auf dem Gletscher geht es durch Moränenschutt weiter. Hier verliefen wir uns zuerst und suchten gemeinsam mit einer kanadischen Frauenseilschaft („Ich bin Feuerwehrfrau! Ich auch! Und ich fliege Buschflugzeug!“) nach dem richtigen Weg. Mit den Mädels – außer ihnen und uns gab es heute niemanden auf dem Eis – kreuzten sich unsere Wege aber nur kurz, weil sie ein anderes Tal mit einer Schutzhütte ansteuerten (ihr Zelt wurde vom Wind einige Tage davor in Teile zerlegt).

Gegen 20 Uhr standen wir nach etlichen Kilometern auf Eis und Geröll auf dem Pass des Windes (Paso del Viento). Nicht selten fegt dort eine 100km/h-Brise; wir genossen in absoluter Windstille den letzten Blick über die unendliche weiße Ebene und machten uns auf den Abstieg in „diese“, bewohnte, bereits im Abendschatten liegende Welt.

Der Ausstieg ist aber ebenfalls kein einfacher Spaziergang. Zum Glück kannte einer von uns hier bereits den Weg und navigierte uns in der Abenddämmerung über einen weiteren Gletscher und später eine Schlucht. An einigen Stellen ist der Weg gut erkennbar und ausgebaut, an anderen wäre ich nie auf die Idee gekommen, dort lang zu „gehen“. Etwa eine Stunde vor dem rettenden Wald (=Windschutz) bauten wir schon im Dunkeln das Lager auf in der Hoffnung, dass das Schlechtwetter wie erwartet erst am nächsten Tag mittags ankommt.

Ein kleines Abenteuer blieb uns aber noch. La Tyrolesa – die Seilbrücke über eine Schlucht – wollte überwunden werden. Mit einigen Sicherheitsvorkehrungen kamen wir gut rüber und freuten uns, bei sich verschlechterndem Wetter im Schutz des Waldes zu sein. Nun war der Weg zwar einfacher, zog sich aber ziemlich in die Länge. Verständlich – wir haben in den letzten zwei Tagen jeweils eine doppelte Etappe zurückgelegt! Aber was jetzt auch kommen mochte, wir waren in Sicherheit. Und wir haben das große Eis gesehen, bei bestem Wetter in einem super Team!

Der richtig starke Wind kam erst in der folgenden Nacht. Wir ruhten uns aus, schlenderten durch El Chalten, den im Sturm fliegenden Gegenständen ausweichend, und kauften Bustickets in den Patagoniens Süden, um noch mehr von dieser faszinierenden Landschaft zu sehen… doch das ist schon eine ganz andere Geschichte.

Vuelta al Hielo ist eine anspruchsvolle Trekkingtour durch eine Hochgebirgslandschaft. Von den in der Regel fünf Tagen braucht man zwei für den Zu- und Ausstieg und drei für die Gletschertour selbst. Erfahrungen im Gletscherwandern sind von Vorteil; je nach Jahreszeit kann man sowohl eine geschlossene tragfähige Schneedecke oder Blankeis oder ein Gemisch aus beidem (wie wir) vorfinden. Bei viel Schnee sind Schneeschuhe (kann man vor Ort ausleihen) sinnvoll.

Komplette Gletscherausrüstung (Seil, Karabiner, Reepschnur, eine Eisschraube, Steigeisen und Eispickel) ist nötig und kann in El Chalten ziemlich teuer tageweise ausgeliehen werden. Die Tour eignet sich auch dafür, erste Erfahrungen damit zu sammeln. Es ist auf jeden Fall besser, in einer Gruppe von mindestens drei Personen zu gehen – so stehen die Chancen, bei einem eventuellen Spaltensturz den Gestürzten gut zu halten und rauszuholen, viel besser.

Trekkingerfahrung, Trittsicherheit im unwegsamen Gelände, Ausrüstung fürs Zelten im Schnee und eine gute Kondition sind ein absolutes Muss. Die Runde ist nicht außerordentlich schwer, verläuft aber in einer Gegend, wo das Wetter richtig rau sein kann und im Notfall keine Hilfe zu erwarten ist. Es empfiehlt sich, sich davor in der Nationalpark-Infostelle bei den Rangern abzumelden (es wird ein Zettel geschrieben und neben den Cerro Torre- und anderen Expeditionen an die Wand gepinnt), man wird dabei aber gewarnt, dass bei nicht Wiedererscheinen nicht gesucht wird (nur evtl. andere sich auf dem Eis aufhaltenden Personen befragt).

Trotzdem: Eine absolut geniale Route, erfahrenen Trekkern sehr zu empfehlen!


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