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Reisebericht: Mit dem Rad durch den Norden Portugals

portugal bikepacking

Im Frühjahr 2021 warf ich mein Fahrrad in den Koffer und flog nach Lissabon, um mein chronisches Fernweh wenigstens etwas zu stillen. Fernreisen waren zu diesem Zeitpunkt für Normalsterbliche so gut wie unmöglich. Ich hatte knappe zwei Wochen Zeit und die pandemiebedingten Testhürden hatte ich überwunden.

Den Koffer ließ ich im Hotel in Lissabon und fuhr los, mit wenig Gepäck, anfangs Richtung Norden, dann nach Nordosten. Wegen der vollen Straßen im Großraum der Hauptstadt wich ich, sooft es ging, auf Wald- und Feldwege aus. Mit dem Rennrad wäre dies schwierig gewesen, aber ich fuhr meinen Cyclocrosser, die Stollen- hatte ich mit straßentauglicher 35mm-Bereifung ersetzt und war dementsprechend flexibel bei der Routenwahl. Bald schon wurde es ruhiger und zügig kam ich auf leeren Landstraßen voran, die Ebene lag bald hinter mir und es wurde mittelgebirgig mit vielem Auf und Ab.

Die Ortschaften machten teilweise einen relativ verlassenen Eindruck, aber es gab in der Regel trotzdem ein Café zum Einkehren. Gute Plätze zum Wildzelten fanden sich nach einigem Suchen ebenfalls. Kurzum, eine Radtour wie sie kaum besser hätte sein können. Das Wetter war ebenfalls optimal, heiter bis wolkig mit einer leichten Brise von hinten und meist waren um die 20 Grad Celsius.

wegweiser

Ich passierte Castelo Branco und ließ die Serra de Estrella mit der höchsten Erhebung des Landes links liegen. Ich war ja im Urlaub und die Anstiege so weit waren mir ausreichend. Ich näherte mich der spanischen Grenze, die Straßen wurden sehr leer, die Orte seltener und die Landschaft blieb hügelig. Ich passierte Wälder, Weiden und Weinberge, der Ginster blühte allerorten. Bald erreichte ich den Douro, fuhr ein Stück an ihm entlang und dann weiter nach Norden, um in Braganca nach Westen abzubiegen.

douro

Nun zeigte sich, dass ich es entweder mit über 800 Kilometern in 5 Tagen etwas übertrieben hatte, oder die Pedal-Schuhverbindung nicht optimal war, oder – wahrscheinlicher – der Sattel ein paar Millimeter zu niedrig eingestellt war. In jedem Fall, mein Knie immobilisierte mich für drei Tage in Chaves. Dann war ich nicht schmerzfrei, aber es ging. Ich fuhr nun nicht mehr so viele Kilometer am Tag, und in der Regel ließ der Schmerz nach ein paar Stunden des entspannten Fahrens nach. Zudem pausierte ich relativ oft.

lima

Ich fuhr Richtung Nordwesten, entlang der Gipfel der Serra do Geres und überquerte die Grenze nach Spanien. Bald rollte ich am Lima entlang hinunter zum Atlantik. Diese Straße war relativ viel befahren, was aber kein Problem darstellte. Obwohl ich auf dem sehr breiten Randstreifen fuhr, wechselten die Autos in der Regel beim Überholen komplett auf die linke Spur. Unvorstellbar in der BRD.

Ich folgte dann mehr oder weniger der Küstenlinie mit wenigen Höhenmetern, oft nahm ich kleine Straßen oder Wege, suchte und fand exquisite Plätze für die Nacht, badete im Atlantik, aß viel Kuchen und trank viel Kaffee.

Pandemie- und saisonbedingt waren nur sehr wenige Touristen anzutreffen, die meisten Zeltplätze waren geschlossen und nur einmal suchte ich einen solchen auf. Größere Ortschaften versuchte ich wie immer zu vermeiden und selbst Porto tangierte ich nur. Eines Abends, nördlich von Figueira de Foz, verlief die Straße parallel zum Ozean, allerdings getrennt durch 1-2 Kilometer Dünen. Es gab aber immer wieder Stichwege. Kurzentschlossen nahm ich einen solchen, schob das Rad durch den tiefen Sand und erreichte den Strand. Weit und breit war keine Seele zu sehen. Ich schob weiter gen Süden, und bald fand sich ein optimaler Zeltplatz, etwas erhöht in den Dünen. Ich baute das Zelt auf, sprang in die Fluten, aß etwas, starrte aufs Meer und genoss die Ruhe. Die Platzwahl war nicht die schlechteste, wie sich am nächsten Morgen zeigte, da durch die Gezeiten der Ozean den Strandstreifen zu großen Teilen einnahm.

strand

 

Kurz hinter Nazaré geriet ich in einen kurzen, knackigen Anstieg, ich schaltete in den kleinsten Gang. Die Kette rutschte zwischen Ritzel und Speichen und blieb da stecken. Ich hielt an und versuchte das Problem zu lösen, erfolglos. Und wer kam des Weges? Ein schwedischer Pensionist auf einem Elektromountainbike. Nachdem er feststellte, dass auch er kein Werkzeug zum Lösen des Problems dabeihatte, telefonierte er kurz mit einem Freund in Schweden und bekam so heraus, dass in nicht allzu großer Entfernung ein Fahrradladen war. Sprach’s, versprach, in 15 Minuten mit dem Auto zurück zu sein, und verschwand. Genau 15 Minuten später erschien mein Retter wieder mit einem nagelneuen Porsche-SUV und Fahrradträger im Heck. Mein Rad wurde befestigt und mit mir in den erwähnten Laden bugsiert. Der hilfsbereite Schwede war just vor Beginn der Pandemie aus der dunklen und kalten Heimat geflohen, um den Rest seines Lebens in freundlicheren Gefilden zu verbringen. Allerdings musste er bis dato auf die angekündigten Besuche seiner schwedischen Freunde verzichten. Im Laden löste man nicht nur das Problem, sondern stellte auch noch Schaltung und Bremsen ein, für ein paar Euro plus einem ordentlichen Trinkgeld.

meer

So konnte ich weiterfahren, mich langsam Lissabon und dem Ende der Tour nähernd. Ich entfernte mich vom Atlantik und hatte noch ein paar Höhenmeter der Serra de Montejunto zu bewältigen. Die Anstiege waren oft um die 15%, aber die abendliche Bergetappe lohnte sich, da ich einen ziemlich guten Zeltplatz in einem Weinberg fand, unweit einer ikonischen Mühle.

muehle

Der Gebirgszug lag hinter mir und Lissabon war weniger als eine Tagesetappe entfernt. Dort rollte ich am nächsten Tag ein und verbrachte noch zwei Tage mit Durch-die-Straßen-bummeln. Wenige Tage nach meiner Rückkehr wäre die Reise nicht mehr möglich gewesen, da Portugal wieder in eine andere Seuchenkategorie rutschte. Ich hatte also ein weiteres Mal ein kleines Zeitfenster für eine kleine Tour nutzen können.

 

 


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