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Winterliches Bilderbuchbouldern

1Ach mei, is das Zillertal doch schön. Wie so oft in den letzten Monaten bin ich auch jetzt, Anfang März, frühmorgens, bei einstelligen Minusgraden und nach getaner Arbeit in der Hütte, mit einem dampfenden Heißgetränk und meinem aufgeschlagenen Uniskript auf der Veranda des Bluebird-Mountain-Hostels im Zillertal auf dem Gattererberg 17.

Wie schon so oft bin ich auch jetzt nicht sonderlich hochkonzentriert mit den Inhalten meines Fernstudiums beschäftigt. Stattdessen  bin ich abgelenkt und blicke sehnsüchtig in diese erhabene Gebirgslandschaft, eine Aussicht, die einem dieses viel zu große Gefühl in die dafür scheinbar viel zu kleine Brust zwängt.

Arrrrgh! Noch ist der Himmel blau und klar. Aber ihr wisst ja, hier in den Bergen ist das so eine Sache mit der Beständigkeit des Wetters. Vom Hostel aus kann man wunderbar in das Tal, mit der sich schlängelnden Ziller, in Richtung des ca. 20 Kilometer entfernten, direkt im Süden gelegenen, sehr touristischen und weltbekannten Mayrhofen blicken. Doch Mayrhofen interessiert mich nicht. Ich frage mich, wie wohl das Wetter hinter dem Mayrhofen säumenden, schneeweißen Gebirgszuges aussieht. Denn heute gehe ich Bouldern.

Mikroskopische Gipfel

Die Tuxer Alpen machen sich hier breit. Rastkogel (2762m), Kreuzjoch (2336) und Ahornspitze (2973m) und dahinter noch der alles überragende Hochpfeiler mit seinen stolzen 3590m. Das sind Gipfel, die einem richtigen Bergsteiger die Brust anschwellen lassen, mir auch. Aber wenn ich ehrlich bin, dann backe ich doch lieber kleinere, genau genommen viel viel kleinere Gipfel, … äh, Brötchen. Meine Gipfel sind im direkten Vergleich zu denen, von den hier aktiven Bergsteigern favorisierten, nämlich nicht einmal mehr klein, eher winzig, wenn nicht gar mikroskopisch.

Zwar suche auch ich das Gipfelerlebnis, jedoch sonderlich hoch hinaus zieht es mich nicht. Bei fünf, max. sechs Metern überm Grund ist Schluß. Und mit dieser eigenartigen Vorliebe bin ich glücklicherweise nicht allein. Bouldern nennt sich diese spezielle Disziplin des Kletterns, frei, ohne Seil also, in Absprunghöhe. Das Ziel, so schwere Kletterprobleme wie einem möglich scheinen, zu lösen. Eine Leidenschaft aus Technik, Kraft, Durchhaltevermögen und vor allem auch mit Kreativität.

Das Zillertal bietet mit seinen unzähligen Granitblöcken viele gute Orte fürs Klettern und Bouldern. Die bekannten Gebiete heißen Sundergrund, Ginzling Wald, Kasler Alm, Magic Place, Zillergrund Wald und das sind nur einige. Und das was wir vorhaben, bouldern im Winter hat einen ganz besonderen, fast zauberhaften Charme. Die kalt und trockene Witterung bietet geradezu perfekte Bedingungen, vor allem im Hinblick auf die Leistung eines Einzelnen.  Denn die Reibung des Felsens unterhalb der Kletterschuhe ist gerade bei Kälte am größten.

Es gibt aber auch Nachteile. Noch nie im meinem Leben hatte ich so eiskalte und schmerzende Finger wie beim winterlichen Bouldern. Viele viele Male findet man sich beim Zustieg zu den Gebieten, bepackt wie ein Esel, bis zur Hüfte in den Schnee eingebrochen, hochrot schnaubend  und kämpfend,  fluchend und schimpfend, während man dazu, als i-Tüpfelchen der ganzen Plagerei auch noch das Gelächter seiner GefährtInnen ertragen muss. Aber wie gesagt: glücklicherweise ist man ja nicht allein.

Unfassbares Glück

Unser Ziel heute ist der Sundergrund, eines der bekanntesten Bouldergebiete in Tirol. Christine und ich haben nämlich unfassbares Glück: Eigentlich sitzen wir ja seit Monaten im Hostel auf dem Gattererberg – eingeschränkt mobil wie wir sind – fest. Wir haben kein eigenes Auto, sondern nur einen Schlitten, Back-Country Skier und unsere Wanderschuhe.

Neben den üblichen Skipisten-Junkies und Skitourengehern, die zur Zeit das Zillertal in Scharen bevölkern und so den Durchschnitts-Gast ausmachen, haben sich, oh Wunder, zwei Kletterer zu dieser für diesen Sport eher unüblichen Jahreszeit ins Hostel verirrt. Christian und Lars aus Düsseldorf interessieren sich auch nicht für Mayrhofen. Christian und Lars denken nicht im Traum daran, einen Skipass zu kaufen um sich auf die von Liftanlagen zerfrästen Hügel chauffieren zu lassen. Christian und Lars haben einen großen Kombi mit ausreichend Platz für vier Personen. Christine und ich mögen Christian und Lars auf Anhieb.

Wir servieren Christian und Lars also ein Frühstück, das sich gewaschen hat. Wir lassen Christian und Lars einfach keine Wahl als auch uns zu mögen. Mit der zugrundegelegten Sympathie und ihrem Auto entsteht so ein großes Potential für unbändigen Spaß zu viert.

Außerdem bietet uns so ein Auto die nötige Mobilität, um endlich seit langem wieder in den Genuss von allerfeinsten Felsblöcken zu kommen. Und jetzt haltet Euch fest, denn jetzt kommt´s. Sie fragen uns, ob wir nicht mit Ihnen in den Sundergrund fahren möchten: JAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA!!!! Wir wollen.

Aufbruch

Proviantpakete geschnürt, Thermoskannen heiß befüllt, Ausrüstung überprüft, für vollständig befunden und eingepackt; schon fahren wir auf vereisten Straßen hunderte Höhenmeter die Serpentinen hinab ins Tal, durch das Örtchen Stumm, bei Kaltenbach links in Richtung Süden, die Talstraße entlang bis hinter Ramsau, links abbiegen und durch den Tunnel wieder hinauf.

Am Ende des Tunnels erwartet uns schon das erste Erfolgserlebnis. Die Schranke zum Sundergrund ist geöffnet, es herrscht keine übermäßige Lawinengefahr und so dürfen wir also in das Gebiet einfahren. Und so fahren wir auch, winzig, durch die eisig weiße Schneelandschaft. Hier und da sieht man die angsteinflößenden Ausläufer von kürzlich abgegangenen Lawinen. Riesige Schneemassen hatten an einer Stelle die Straße meterhoch überschüttet. Ein Bagger muss mühsam eine schmale  Gasse durch diesen Schnee- und Schuttberg freigegraben haben.

Weiter fahren wir also im Tuckertempo bis hin zum Parkplatz des Gasthofs in der Au, gelegen auf ca. 1230 Metern Höhe. Im Sundergrund ist es deutlich kälte. Die Sonne strahlt nur schwerlich direkt in diese schmalen Talschneisen. Meterdick liegt der Schnee auf den Weiden und Wänden. Und auch wenn es im Zillertal schon wieder wärmer und frühlingshafter wird, so bleibt der Schnee im Sundergrund doch noch länger gut konserviert und beständig wie in einem Kühlschrank.

Nichts als Schnee, Felsbrocken, Murmeltiere und zwei Einheimische

Von hier aus geht es nun zu Fuß weiter. Mit den Bouldermatten auf dem Rücken, sog. Crashpads, geht’s voll bepackt steil bergauf durch den tiefen Schnee. Die Dinger sind nicht nur sperrig, von hinten betrachtet sieht man auch aus wie Spongebob, eben ein laufender Quader mit Armen und Beinen.

Crashpads sind beim Bouldern in natürlichem Gelände absolut notwendig. Als Sturzmatten ebnen sie den steinigen Untergrund, das sog. Sturzgelände und fangen im Falle des Absprungs oder Absturzes eines Kletterers den Aufprall erheblich ab.

Wir sind spät dran. Die Sonne scheint jetzt schon direkt ins Tal und in dieser Höhe mit sehr grellem Licht auf uns herab. Von der Autofahrt in den Serpentinen ist mir noch etwas übel und das Licht ist nicht gerade hilfreich. Wie dumm, dass ich meine Sonnenbrille vergessen hab. Dafür ist es im Sonnenlicht angenehm warm.

Der Schnee scheint unberührt und so fühlen wir uns schon etwas verwegen bei unserem Zustieg: hochrot und dichte Dampfsäulen ausschnaufend. Offenbar war noch niemand hier…, von wegen. Irgendwer ist hier schon entlanggestapft. Die knietief hinterlassenen Löcher sind durch Schneeverwehungen nur wieder völlig aufgeschüttet und gänzlich unsichtbar für uns.

Immer wieder stolpert der ein oder andere in eines der Löcher und bleibt stecken. Ich wünschte, ich hätte meine Schneeschuhe mitgenommen. So wandern und stolpern da also vier „Spongebobs“ langsam aber stetig der Sonne entgegen, rings herum nur Wald, Feld, Berge und Felsbrocken. Vorbei an einem bis zur Hälfte zugeschneiten Plumpsklo, ein paar einfachen Hütten, bis hin zu unserem ersten Felsen. Ein paar hundert Meter weiter treffen wir dann auf das Gelände mit den vielen heiß begehrten Blöcken für Kletterei in allen denkbaren Schwierigkeitsgraden.

Nachdem wir uns entschieden haben, die ersten Gipfel gemeinsam zu erklimmen, geht es los: erstmal Felsenputzen. Dazu fegt man den feinen Schnee so gut wie möglich von den Felsen. Der erfahrene Boulderer kann hierzu meist auf ein eigens dazu mitgebrachtes Arsenal an Bürsten, Besen und Tüchern zurückgreifen.

Putzen mit Herz

Glücklicherweise war schon jemand vor uns da, bevor die Sonne den Schnee zum schmelzen brachte und hat einige der teils schwer beladenen Felsen für uns „geputzt“. Und siehe da, zwei einheimische Boulderer haben sich auch hierher verirrt. Die müssen schon seit Stunden hier sein, so viel wie die schon vom Schnee befreit haben. Leider bouldern die weit über unserem Niveau, sodass die Felsen, die die Zwei scheinbar schon vor Stunden geputzt haben, nicht in unser Gipfel-Beuteschema passen. Wir putzen also fleißig weiter, und beginnen anschließend dann mit dem Warm machen zur Vorbereitung auf die darauffolgend zu lösenden „echten Boulderprobleme“…

Probleme wie „Platten“, „Mikroleisten“, „Mantle“, „kleinen Dächern“, „Verschneidungen“  stehen auf dem Tagesplan. Unser erstes Boulderproblem ist eine Verschneidung mit Ausstieg in ein dickes Kissen aus feinem Schnee. Ganz schön unheimlich. Gesehen, für gut befunden, abgehakt. Weiter geht’s.

Die hier sonst so rege pfeifenden Murmeltiere schlafen scheinbar tief und fest, ist ja auch vernünftig, jetzt im Winter. Wir dagegen lachen, fluchen und trinken heiß dampfenden Tee aus Stahlbechern und verbringen einen traumhaft schönen Tag, bis sich die Sonne allmählich dem Tale entzieht und uns schlagartig nur noch mit eisiger Kälte zurücklässt.

Wir frieren noch ein wenig, schubbern uns die restliche Haut von Fingern und Händen, solange bis uns die drohende Dunkelheit und Kälte zur Rückkehr überreden. Langsam, zufrieden und uns auf den kommenden Tag freuend, treten wir den Weg ins heimelige Bluebirdmountain Hostel an. Und wenn morgen das Wetter gut ist, dann fahren wir in den Ginzlinger Wald. Zum Bouldern natürlich. Ich freue mich schon.

Fortsetzung folgt…


5 Antworten auf Winterliches Bilderbuchbouldern

  1. janice howe says:

    Ließt sich als sehr schöne Pausenlektüre. Nicht zu kurz und nicht zu lang.Hat Spaß gemacht. Bis bald

  2. Hans Scholze hans says:

    schöner Artikel, auch wenn ich kein ausgesprochener Boulderer bin, hab ich gleich Lust bekommen wieder loszugehen – Danke!

  3. Chrstian says:

    Hat wirklich Spass gemacht das Schnee Boldern !!!

  4. Philipp-Engin Deveci Engin says:

    zum Thema Felsenputzen noch ein Nachtrag:
    https://www.youtube.com/watch?v=wBkXojVKzME

    viel Spaß, Engin

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