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Eine Wanderreise ins Erwachsenwerden

Im See waschen und mit Schafen kommunizieren. Alle Bilder: privatRucksäcke gepackt. Wanderschuhe angezogen. Gesichter erwartungsvoll. Das letzte Stückchen Pizza runtergeschluckt und es ging los. Ab jetzt gab es nur Haferflocken zum Frühstück. Kein Handy, kein Smartphone, kein Tablet, ein Leben fernab von dem, was wir eigentlich gewohnt waren.

Nach 24 Stunden fahren und alles mögliche singen von Whitney Houston, über Adele bis Hannah Montana, kamen wir schon an. Wir waren an dem Ort, von dem wir vor einem halben Jahr nur geträumt haben.

10 Tage Norwegen, 10 Tage im Zelt, 10 Tage ohne Dusche und richtige Toilette, 10 Tage ohne Kühlschrank, Handy, Fernseher und Spielkonsole. Über 100 Marschkilometer und insgesamt über 1500 Höhenmeter. Darauf haben sich 13 Schüler der Schule an der Jungfernheide eingelassen.

Wir standen genau an dem Ort, von dem wir bisher Bilder gesehen hatten und an dem Ort, für den wir unzählige Marmeladengläser verkauft haben.

Die Finanzierung erfolgte über drei Säulen: Schülereigene Akquise, Elternbeitrag und Drittmittel. Die erste Säule wurde zusammengetragen aus Kuchenverkauf,  Pfandsammeln und Marmeladenverkauf. Die meisten Familien haben einen sozio‐ökonomisch schwachen Hintergrund, der es ihnen nicht ermöglicht,  Sonderanschaffungen wie Zelte, Rucksäcke und Schlafsäcke zu leisten. Hier ein Dank an das CAMP4 und Mathias Hascher, er unterstützte uns mit fachlicher Beratung und professionellem Equipment.

Ein anderes Leben

Und jetzt? Jetzt wurden wir von dem Lächeln der Sonne und den Glocken der Schafe aufgeweckt. Bezaubernde Aussichten, von denen man Gänsehaut kriegte, kaltes, klares Wasser, blauer Himmel und niemals ging die Sonne unter, das war unser Leben für die nächsten zehn Tage.

Es ist eine weitere Nacht in meinem Leben vergangen, nur war es die erste in Norwegen. Es war wunderschön, dass man gestern Abend da saß und dachte es sei vielleicht 19 Uhr  und dabei war es schon Mitternacht. Außerdem kann man mit der Luft hier und allem  schlafen wie ein Murmeltier. Als wir dann Morgengymnastik machten, merkte ich, dass es hier was ganz anderes ist, als wenn ich jetzt morgens auf dem Müggelberg oder so meine Übungen machen würde.

Dann gab es was echt widerliches zum Essen, Haferschleim. Auch die kleinen Äpfel haben es nicht besser gemacht, nur mit Honig war es dann der Hammer. Und die Zeit verging, die Dinge wurden erledigt, die Wanderer machten sich auf die Tour bereit und  es ging los!! Wir wanderten hinter uns den Berg hinauf. Jeder auf seinem Tempo, Joel ist wie ein Bergmensch da hoch gerannt und ich war immer ganz weit hinten. Das war manchmal peinlich wenn die 15 Minuten auf mich gewartet haben. Zum Schluss ging es aber.

Nur musste Herr Gündogdu uns in ein matschiges Gebiet führen. Wo wir eine Ewigkeit im Wasser laufen mussten bis wir eine trockene Stelle gefunden haben. Dort aßen wir  Brot mit Nutella. Von dort aus wanderten wir eine Weile durch den Schnee zurück den wir anfangs extra gemieden hatten. Aber irgendwie wussten wir jetzt, dass er ungefährlich war. Als wir immer weiter runter gingen, kamen wir immer weiter von dem Kurs Richtung Zelte ab, weil wir nicht über den Bach kamen, und liefen deshalb lange nicht auf einem Wanderweg.

Aber irgendwann kamen wir wieder auf den Hauptweg und jeder hat ein paar Kekse  bekommen. Wir gingen nur uns waschen, Feuer machen und halt wichtig, essen  aufsetzen. Es gab lecker Nudeln. (Tim Pieper 16 Jahre)

Den eigenen Gedanken zu hören

Auch während der Wanderungen, die meistens sechs bis neun Stunden dauerten, blieb man manchmal still und genoss den Moment.

Heute hatten wir einen sonnigen Tag, sind wir zum See gewandert und waren da auch baden. Wir hatten die Aufgabe bekommen auf dem Rückweg 10 Minuten vor dem Ziel einfach unseren Gedanken zuzuhören (und nicht miteinander zu reden). Mein erster war, ob alle in der Gruppe so denken wie ich.

Hmmm, eigentlich die Hälfte des Weges hab ich einfach an nichts gedacht. Doch der eine Gedanke an meine Familie, also meine Mutter, Schwester, Papa, Bruder… auf dem Weg taten meine Füße von der Wanderung weh, aber auch dern Schmerz wurde irgendwann ein beinah angenehmes Gefühl. Denn ich wusste, dass ich meinem Ziel mit jedem Schritt näher kam. 

Zurück zum Gedanken an meine Mutter: Ich vermisse sie, aber je mehr ich sie vermisse, desto mehr freue ich mich auf den Rückweg und genieße einfach die Tage in Norwegen.  Eine Reise, bei der die Sonne nie untergeht, bei der man an seine Grenzen kommt und Freude mit Menschen, wie meiner besten Freundin, verbringen kann. Der Ausblick an jeder Wanderung ist einfach unbeschreiblich und wunderschön. Man kann nie am Ende seiner Gedanken sein, aber jetzt bin ich angekommen. Ich bin am Ziel. (Julita Napieraj, 16 Jahre)

Geh an deine Grenze

Wir wollten von allem so viel wie möglich mitnehmen, denn wir wussten, dass wir wahrscheinlich nie wieder den selben Weg laufen würden. Natürlich war es nicht immer leicht und oft hatten wir Heimweh, denn die Reise war kein Urlaub zum Entspannen, sondern eine Reise um uns zu testen, um zu sehen wie weit wir mit uns selbst gehen können und um herauszufinden, was eigentlich Worte wie „ein Team“ oder „Grenze“ bedeuten.

Ja, ich kam an meine Grenze und ja, es war unangenehm, aber zwischen all den Tränen bin ich auch ein kleines bisschen froh, dass ich weiß, wie weit ich gehen kann und wo meine Grenzen sind, obwohl sie nicht so weit gehen…(Syuzan Stoyanova, 16 Jahre)

Wenn man aber eine kleine Pause machte und sich zum tausendsten Mal die Landschaften dieses unbeschreiblichen Landes anschaute, wusste man, dass sich alles lohnte. Am Abend
machten wir unser Feuer an, kochten Essen, dann spielten und aßen wir.

Ein paar Wochen vor Norwegen hab ich noch überlegt, ob es so ‘ne gute Entscheidung war, aber jetzt bin ich so froh, dass ich dabei bin. Ich finde alles hier ist so einmalig und ich finde es krass, dass es Lehrer gibt, die den ganzen Stress auf sich nehmen, nur um uns so etwas zu ermöglichen, ich glaub nicht, dass jemand hier dieses Erlebnis je vergessen wird. (Nancy Adamoschek, 15 Jahre)

Kein ICH, nur WIR

Da wo die Sonne nie unterging, konnten wir leider kein Verstecken spielen. Man hatte dieses Zeitgefühl nicht, das dir immer sagt „okay, jetzt bist du müde, jetzt sollst du schlafen“. Wir konnten stundenlang Singen und Lachen. Oft wurde Franks Wiese von den Funken vom Feuer verbrannt, dafür entschuldigen wir uns dann herzlich bei ihm.

Hier gab es kein „ich“. Hier gab es nur „wir“. „Wir“, die mit den Schafen kommunizierten, in eiskaltem Wasser duschten und durch Schnee, über Wasserfälle, steile Wege und durch Schlamm wanderten. „Wir“, die ihre Grenze auf irgendeine Art und Weise gefunden und ihre Ängste überwinden haben.

Mit norAway haben wir den Schwerpunkt Lernen aus dem Klassenzimmer hinaus in die Berge Norwegens verlegt. Bei diesem Projekt sollten die Schüler an ihre psychischen und physischen Grenzen stoßen, um über sich selbst hinauswachsen zu können. Der Teamgedanke spielte dabei eine ausschlaggebende Rolle. Jeder kam während des Projektes an den Punkt, an dem die eigenen Bedürfnisse hinter die der Gruppe gestellt werden mussten.

Dieses “wir”, das nie vergessen werden wird. Unbeschreiblich. Traumhaft. Verbindend: norAway – bis an deine Grenze.

Ein Text von: Syuzan Stoyanova und den Schülern der Schule an der Jungfernheide


2 Antworten auf Eine Wanderreise ins Erwachsenwerden

  1. Matthias Müller Matthias Müller says:

    Hej norAway!
    Marmeladengläser für einen Ort ohne Klo und kein Versteckspiel unter der Mittsommernachtssonne! Aber mit stundenlang singen und lachen, auch mit Tränen!
    Ich habe eine Gänsehaut bekommen beim Lesen vom Berührtsein und aus Respekt vor Eurer Leistung und noch mehr aus Achtung für diesen herzoffenen Bericht Eures großen Abenteuers.
    Ihr beschreibt so elementar treffend was so viele Suchende in die nordische Wildnis führt. Die Sehnsucht danach, die Elemente zu spüren und auch um einfach ganz still den eigenen Gedanken zuhören zu können.
    Und wenn der Schmerz zum angenehmen Gefühl wird, ist das bestimmt ein Zeichen von Euphorie und Begeisterung und vielleicht auch der Gewissheit der Rückkehr.
    Ich bin Schuhverkäufer im CAMP4 und habe zur Anprobe möglicherweise den einen oder anderen noch unschuldigen Fuß von Euch gesehen.
    Ich kann nur sagen, weiter so, denn man kann nie am Ende seiner Gedanken sein und man wird noch viel weiter gehen können, auch innerhalb seiner Grenzen Syuzan!

    • Pauline Habermann says:

      Lieber Matthias,

      danke für deinen Post! Ich stöbere gerade in Erinnerungen.. ich habe die Fahrt mit meinem Kollegen begleitet. Die Schüler sind weg (an anderen Schulen), ich bin auch nicht mehr an der Schule und ja, du hast so Recht, es ist rührend! Ich habe immer wieder Tränen in den Augen, wenn ich lesen, was die Schüler_innen da geschrieben haben! Wir haben das Richtige gemacht :)
      Dieses Jahr wird die Schule in die Alpen gehen. Leider ohne mich. Aber bestimmt wird es genau so ein Abenteuer für die diesjährigen Teilnehmer_innen!

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