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Interview: Die rasante Großglockner-Besteigung von Henrik und Ramesh

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An einem schönen Sommermorgen kamen unsere Kollegen Henrik und Ramesh mit strahlenden Gesichtern ins Camp4 und begannen zu erzählen: Von hohen Bergen, von einer schlaflosen Nacht und von einer Großglockner-Besteigung in nur 1,5 Tagen. Wow, da staunten wir alle nicht schlecht! Jetzt verraten die beiden im Interview, wie die Tour geklappt hat und was sie beim nächsten Mal anders machen würden.

Melanie: Hallo Henrik, hallo Ramesh! Danke, dass ihr euch die Zeit nehmt, von euren Erfahrungen am Großglockner zu berichten. Wann war denn eure Großglockner-Besteigung?

Ramesh: Das war letztes Jahr im Spätsommer, also Ende August 2020.

Melanie: Was fällt euch als erstes ein, wenn ihr an die Tour zurückdenkt?

Ramesh: Das herrliche Wetter am Gipfeltag! Als morgens die Sonne aufging und die Landschaft in ihr schönes Licht tauchte, hat mich das total an meine Heimat Nepal erinnert. Mit genau so einem Ausblick bin ich aufgewachsen. Als zweites fallen mir die Menschenmassen ein. Das ist auch genau wie am Mount Everest am Hillary Step. Die Menschen standen wirklich Schlange.

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Henrik: Ja, ich glaube, jeder Österreicher muss einmal auf den Großglockner steigen (lacht)… Wenn ich zurückdenke, denke ich auch zuerst an das Wetter. Drei Tage vor der Tour sah die Wettervorhersage noch ganz schlecht aus. Wir waren ein bisschen frustriert und waren schon davon ausgegangen, dass es nichts wird mit dem Gipfel. Wir sind natürlich trotzdem losgefahren. Ich habe mich dann riesig gefreut, dass alles so geklappt hat. Das war eine ganz tolle Erfahrung für mich, weil ich vorher noch nicht so alpin unterwegs gewesen war.

Melanie: Wie war der Ablauf? Welche Route seid ihr hochgegangen?

Ramesh: Wir sind die Normalroute hochgegangen. Der ganze Ablauf war so: Wir sind mit dem ICE von Berlin nach München gefahren, das geht super schnell. Dann haben wir den nächsten Zug nach Salzburg genommen, wo wir eine Nacht in einer Jugendherberge geschlafen haben. Am nächsten Morgen sind wir mit dem Mietwagen weiter gefahren bis zum Parkplatz in Kals auf ca. 1500m und sind noch am selben Nachmittag aufgestiegen. Es regnete und war sehr windig. Auf ca. 3000m haben wir ein Biwak errichtet.

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Henrik: Abends hat es gewittert und auf den hohen Lagen geschneit. Ramesh, der Wetterfrosch, meinte schon, dass wir am nächsten Tag perfektes Wetter bekommen würden. Ich war mir nicht so sicher, es sah nämlich gar nicht danach aus. Es ist dann aber wirklich aufgerissen über Nacht. Als wir morgens gegen vier Uhr aufgestanden sind, wurden wir von einem wolkenfreien Himmel begrüßt. Am Ende hatten wir traumhaftes Wetter.

Wir sind schnell hoch zum Gipfel (3798m) und noch am selben Tag wieder runter ins Tal gelaufen. Gegen 17 Uhr waren wir wieder am Auto. Wir haben uns dann eine Pension gesucht für die Nacht. Eigentlich hatten wir überlegt, am nächsten Tag noch den Großvenediger zu besteigen. Das war uns dann aber doch zu verrückt. Stattdessen haben wir den Klettersteig auf die Schleinitz gemacht. Das war richtig schön.

Ramesh: Ja, der Klettersteig war toll. Von Lienz aus sind wir mit der Seilbahn hochgefahren, dann noch anderthalb Stunden wandern und dann ging der Klettersteig los. Das war eine richtig schöne, lange Strecke auf einem Grat. Der Gipfel war auf 2900 m. Für den Abstieg sind wir einem Wanderweg zurück ins Tal gefolgt.

Melanie: Das sind ganz schön viele Höhenmeter in nur zwei Tagen! Wie ging es euren Knien?

Henrik: Ganz gut. Wir hatten großes Glück und haben auf dem letzten Stück einen Forstarbeiter getroffen, der gerade Feierabend hatte. Er hat uns mit dem Geländewagen mitgenommen ins Tal.

Im Nachhinein hat mir der Klettersteig sogar noch mehr Spaß gemacht als die Großglockner-Besteigung. Am Klettersteig waren wir die einzigen. Am Großglockner war es total überfüllt. Da musste man richtig anstehen, weil sich kurz vor dem Gipfel alles staut. Es gibt dort ein paar Kletterpassagen. Wir standen auf winzigen Tritten, klammerten uns an die Wand und warteten, dass der Weg frei wird.

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Melanie: Wie hat es sich denn angefühlt, auf dem Gipfel zu stehen?

Henrik: Der Gipfel war gar nicht besonders schön, eben weil es so voll war. Und es ist schon sehr ausgesetzt da oben, damit hatte ich nicht gerechnet.

Ramesh: Für mich war der Gipfel auch nicht das Beste an der Tour. Die Gletscherüberquerung auf dem Weg dahin hat mir besser gefallen als der Gipfel selbst.

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Melanie: Wo habt ihr übernachtet?

Henrik: Wir waren eine Nacht in der Jugendherberge in Salzburg, eine Nacht haben wir am Großglockner biwakiert und zum Schluss waren wir für eine Nacht in einer Pension im Tal.

Melanie: Hattet ihr vorher schon Erfahrungen im Bergsteigen?

Henrik: Nicht viel. Ich bin früher mal ein bisschen geklettert. In Schweden bin ich mal am Kebnekaise rumgekraxelt. In den Alpen hatte ich vorher gar keine Erfahrung. Ich wusste gar nicht so genau, worauf ich mich da einlasse und dass man so viel klettern muss. Ich dachte, das wäre eher ein Hochlaufen.

Melanie: Wusstest du denn, wie ein Klettergurt und das Klettersteigset funktionieren?

Henrik: Ja, das wusste ich immerhin. Und zum Glück war Ramesh war dabei. Er ist wahnsinnig erfahren. Man merkt es auch sofort, dass er auf dem Gletscher total sicher ist und man ihm da hundertprozentig vertrauen kann.

Ramesh: Ich hatte vorher schon in Nepal ein paar Sechstausender bestiegen. Ich finde, in den Alpen sind die Gipfel schön kurz und knackig. Das ist eine Tagestour. In Nepal ist so eine Tour eine regelrechte Expedition. Um zu einem 6000er im Himalaya zu kommen, musst du erst mal zwei Wochen wandern, bis du beim Basislager ankommst. Da gehört die Trekkingtour zum Bergsteigen dazu. Hier fährst du einfach mit dem Auto zum Parkplatz und läufst an einem Tag hoch.

Melanie: Das ist bemerkenswert, dass du eine Großglockner-Besteigung kurz und knackig nennst. Ich glaube, für die meisten Europäer ist das eine riesen Tour. Die haben andere Maßstäbe.

Ramesh: Das kommt auch in Europa darauf an, wo man wohnt. Ich glaube, die Bewohner der Alpen schaffen eine Gipfeltour auch locker an einem Tag ohne Hüttenübernachtung. Wenn man nicht zu lange oben bleibt, hat man auch keine Probleme mit der dünnen Höhenluft. Die Kopfschmerzen kommen erst später, wenn man sich länger in den hohen Lagen aufhält.

Melanie: Wie habt ihr denn die Höhe vertragen?

Henrik: Nicht so gut, leider. Das war zu schnell, gleich am ersten Tag auf 3000m aufzusteigen. Ich hatte bis zum nächsten Tag Kopfschmerzen und konnte auch nichts essen. Erst gegen Mittag ist mein Kopf aufgeklart.

Ramesh: Ich habe die Höhe sehr gut vertragen. Ich bin ja auf der Höhe aufgewachsen.

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Melanie: Was hat euch überrascht?

Ramesh: Ich war wirklich überrascht, dass auf dem Großglockner so wahnsinnig viele Menschen sind. In den Alpen dauert die Bergsteigersaison ja den ganzen Sommer. Am Everest gibt es so eine lange Schlange, weil die Besteigung nur in einem kurzen Zeitfenster möglich ist und dann 300 Leute hoch wollen. Aber am Großglockner stehen die Leute anscheinend jeden Tag Schlange.

Anstehen vor dem Gipfel

In Nepal ist Bergsteigen ein Beruf. Das macht keiner als Hobby. Früher war ich auch nie in meiner Freizeit klettern oder wandern. Ich hätte viel mehr Expeditionen machen können, hatte aber gar keine Lust darauf. Da habe ich zum Beispiel gedacht: „Ach nee, das ist mir zu kalt.“ (lacht) … Ich war als Bergführer über 30 Mal in Khumbu, das war irgendwann nicht mehr so aufregend. Jetzt hat sich das verändert. Jetzt genieße ich es, in den Bergen zu sein, und nehme viel mehr wahr, wie schön es dort ist.

Melanie: Kann man den Großglockner auch alleine besteigen?

Henrik: Nein, das sollte man nicht machen. Selbst erfahrene Bergsteiger gehen nicht alleine auf den Gletscher, sondern mindestens zu zweit. Wer selbst noch nicht so viel Erfahrung hat, sollte sich lieber einen Bergführer suchen.

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Melanie: Welche Ausrüstung muss man mitnehmen? Habt ihr noch eine Packliste?

Henrik: Wir haben nicht nach Packliste gepackt. Durch das Biwak hatten wir schon relativ viel Zeug dabei. Zur Kletterausrüstung kamen noch der Schlafsack, die Isomatte und das Tarp. Ich hatte außerdem eine schwere Kamera mitgenommen. Beim nächsten Mal würde ich versuchen, mehr zu Hause zu lassen. Unsere Rucksäcke waren einfach zu schwer, die wogen jeweils über 20 Kilo.

Melanie: Habt ihr das alles mit hochgeschleppt?

Ramesh: Wir haben das bis auf den Gletscher geschleppt. Kurz vor dem Gipfel, als es mit dem Klettern losging, haben wir einen Rucksack liegen gelassen. In diesen Rucksack haben wir alle schweren Gegenstände gepackt. Die nötige Ausrüstung und Wertsachen kamen in den anderen Rucksack, den wir mit auf den Gipfel genommen haben. Das hatten wir vorher nicht geplant, aber mit einem schweren Rucksack wären die Kletterpassagen wirklich gefährlich geworden.

Melanie: Das war eure erste gemeinsame Tour, oder? Wie habt ihr euch verstanden?

Henrik: Wir waren vorher schon zweimal zusammen im Elbsandsteingebirge. Wir haben uns super verstanden.

Melanie: Was war der schönste Moment der Tour?

Henrik: Für mich war es beim Wandern auf dem Gletscher und beim Klettern am schönsten. Da habe ich mich voll auf die Bewegung konzentriert und alles um mich herum vergessen.

Ramesh: Für mich war es der Morgen, als ich endlos weit blicken konnte. Hier in der Stadt fühle ich mich oft eingeengt. In die Weite zu schauen, war für mich das schönste.

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Melanie: Was war der schrecklichste Moment der Tour?

Henrik: Das war die Nacht auf 3000m, als ich so starke Kopfschmerzen hatte, dass ich nicht schlafen konnte. Ich habe zum ersten Mal in einem wasserdichten Biwaksack gelegen und das kann ich echt niemandem empfehlen. Innen hatte ich meinen Daunenschlafsack. Schon nach einer halben Stunde habe ich mit der Hand gefühlt, wie die Außenseite des Schlafsacks und die Innenseite des Biwaksacks tropfnass waren vom Kondenswasser. Wir hatten zwar ein Tarp, aber es hat überall reingetropft, sodass ich die wasserdichte Hülle auch nicht weglassen konnte. Ich habe dann den Biwaksack halb geöffnet, um wenigstens ein bisschen Wasserdampf rauszulassen.

Ramesh: Für mich gab es keinen schrecklichen Moment. Es war alles auf eine Art schön.

Melanie: Würdest du beim nächsten Mal etwas anders machen?

Ramesh: Beim nächsten Mal würde ich nicht zur Hauptsaison hinfahren und nicht die Normalroute nehmen, um den Menschenmassen zu entgehen.

Henrik: Ich würde weniger mitnehmen und langsamer aufsteigen. Dafür würde ich ein bis zwei Tage mehr einplanen.

Melanie: Vielen Dank für das Interview und für die vielen Anregungen! Durch eure Erzählungen habe ich gleich Lust bekommen, auch mal eine Hochtour in den Alpen zu machen :-)

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