Outdoor-Szene

DAV-Empfehlung: Halbautomaten beim Sportklettern

Megajul von Edelrid: Der DAV empfiehlt die Nutzung von Halbautomaten. Foto: CAMP4Der Deutsche Alpen Verein hat jüngst eine neue Empfehlung in Bezug auf Sicherungsgeräte herausgeben. Für das Sportklettern in Kletterhallen und Klettergärten empfiehlt der Bergsportdach-
verband ab sofort die sogenannten “halbautomatischen” Sicherungsgeräte. Diese Empfehlung, die auf den Erkenntnissen der DAV-Sichheitsforschung basiert, wollen wir Euch natürlich nicht vorenthalten

Was geht mich die DAV-Sicherungsempfehlung an?

Wer sich in der periodisch erscheinenden DAV-Publikation nicht nur die tollen Bilder anschaut, sondern die Artikel auch liest, konnte sich kürzlich in der “Panorama” umfassend über das Thema Sichern beim Sportklettern und auch die neue DAV-Empfehlung zu den Sicherungsgeräten belesen.

Wer jedoch bisher noch nichts davon wusste, kann ja hier ein wenig in die Thematik hineinschnuppern und dann nach Wunsch gerne beim DAV oder anderswo nachlesen. Lieber zuviel darüber wissen, als zu wenig! Natürlich bleibt am Ende jedem die Wahl des Sicherungsgerätes überlassen und das ist auch völlig in Ordnung, aber ich möchte doch dazu anregen, sich mit der neuen Sicherungsempfehlung und auch mit der Funktionsweise von halbautomatischen Sicherungsgeräten auseinanderzusetzen – auch als erfahrener Vertikalsportler.

Man wird durch eine Befassung mit der Thematik sicher nicht zu einem schlechteren Kletterer oder Sicherungspartner, die Kenntnisse hängen einem schließlich nicht tonnenschwer am Klettergurt. Außerdem gilt: Will man den Partnercheck vor dem Klettern richtig ausführen können, muss man ja auch wissen, wie das Sicherungsgerät des Partners funktioniert, wie man Kletterseile überhaupt einlegt etc. Das gilt natürlich nicht erst seit der neuen Sicherungsempfehlung, wird aber für eine wachsende Zahl von Halbautomaten nun noch wichtiger.

Halbautomaten Vs. dynamische Sicherungsgeräte

Grundsätzlich wird bei den Sicherungsgeräten zwischen “Halbautomaten” – also Sicherungsgeräten mit Blockierunterstützung – und “dynamischen Sicherungsgeräten” wie HMS oder den unterschiedlichen Tubegeräten unterschieden. Die Halbautomaten kann man auch noch weiter gliedern, dazu aber lieber an späterer Stelle mehr.

Laut der Expertise der DAV-Sicherungsforschung mit den entsprechenden Tests und dezidierten Unfallanalysen ergibt sich nun, dass in künstlichen Kletteranlagen und in Klettergärten das Risiko eines Bodensturzes des Kletterers durch die Verwendung von Sicherungsgeräten mit Blockierunterstützung (also Halbautomaten) verringert werden kann.

In der Atmosphäre einer Kletterhalle ist ja bekanntlich ausreichend Ablenkungspotential vorhanden – sowohl akustisch also auch optisch. Die oft recht geradlinige Routenführung sorgt weiterhin dafür, dass es schon mal ordentlich rummsen kann, wenn der schwere Kollege oben im Vorstieg reinballert – wenn es ganz schlecht läuft sogar beim Klippen weil sich ein Griff gedreht hat o.ä..

In einem solchen Fall verzeiht der Halbautomat durch die Bremsunterstützung etwaige Sicherungsfehler wie die falsche Positionierung der Bremshand oder nicht richtiges Umschließen des Bremsseils eher als ein Tuber oder ein HMS. Zwar ist dynamisches Sichern mit Halbautomaten schwieriger zu bewerkstelligen als mit den dynamischen Geräten, aber das höhere Gut scheint mir hier die Verhinderung des Bodensturzes möglicherweise unter Inkaufnahme eines harten Sturzes zu sein.

Klassische Halbautomaten und “Autotuber”

Es gibt die klassischen Halbautomaten mit dem Funktionsprinzip des Grigri und die auch zu den Halbautomaten zählenden “Autotuber”. Bei den Grigri-ähnlichen Geräten wie eben jenem Grigri und dem Matik gibt es einen geräteeigenen Blockiermechanismus. Die Autotuber wie Megajul, Click-Up, Smart funktionieren mehr oder weniger auf Tube-Basis, haben aber eine Bremsunterstützung, welche auf der Anatomie des Gerätes basiert.

Grigri2 und Matik

Diese Sicherungsgeräte haben einen eigenen Bremsmechanismus. Dieser wird durch den Bremsimpuls der Bremshand ausgelöst, was aber nicht von der Position der Bremshand abhängig ist. Das stellt den großen Vorteil des Grigri und des Matik dar – die Hand muss am Seil sein, aber nicht unbedingt unter dem Gerät.

Zum Ablassen muss der Blockiermechanismus dann mithilfe des entsprechenden Hebels aufgehoben werden. Hier ist etwas Fingerspitzengefühl und Übung gefragt. Das Matik hat gegenüber dem Grigri den Vorteil der “Panikfunktion”. Auf diese Weise wird verhindert, dass ein Durchreißen des Ablasshebels bei gleichzeitiger Vernachlässigung der Bremshand zum ungebremsten Bodensturz des Abzulassenden führt.

Beim Matik greift – bei richtiger Anwendung (!!) – beim kompletten Durchreißen des Ablasshebels der Bremsmechanismus wieder. Neben dem Ablassen solltest du auf jeden Fall das Seilausgeben und besonders das schnelle Seilausgeben mit solchen Geräten erlernen und üben! Eine vernünftige Einweisung in die Benutzung von Halbautomaten wie Grigri und Matik, ausreichende Übung auch im Halten von Stürzen sowie konzentriertes Sichern ist unbedingt angezeigt – wie bei jedem Sicherungsgerät im Übrigen.

Der ganze Blockiermechanismus bringt dir nämlich nichts, wenn du ihn beim falschen Seilausgeben außer Kraft setzt und dabei gleichzeitig das Bremshandprinzip verletzt. Das sieht man leider ab und an mal – bis zu 25% der Sicherungsleute tun dies laut Bericht in der Panorama. Schockierend! Die Position der Bremshand ist zwar bei Grigri und Co. nicht ausschlaggebend, aber “Hand am Bremseil” gilt!

“Autotuber” wie Jul2, Megajul, Smart, Click-up, Ergo

Bei Tube-ähnlichen Halbautomaten, die auch “manuelle Bremsgeräte” genannt werden können, führt die Anatomie des Gerätes zu einem Blockieren des Seils durch Einklemmen zwischen Gerät und Karabiner. Wichtig ist hierbei zu wissen, dass die Funktionsweise des Blockiermechanismus bei solchen Geräten in unterschiedlichem Grad karabinerabhängig ist.

Das Click-up und auch das Ergo sind sehr karabinerabhängig und werden daher nur im Set mit dem Originalkarabiner verkauft. Diese Geräte sollte auch nur mit einem solchen verwendet werden, da sonst die Blockierung eventuell nicht greift. Smart von Mammut und das neue Jul 2 und  Megajul von Edelrid sind im Hinblick auf den Karabiner etwas flexibler, aber auch hier sollte man sich an die Empfehlungen des Herstellers halten.

Die Blockierungsfunktion kommt bei Autotubern nur zur Geltung, wenn die Bremshand die richtige Position hat oder schnell diese Position einnimmt. Die Hand muss also nicht nur am Seil sein wie beim Grigri auch, sondern muss auch nach unten zeigen um einen Sturz zu halten. In die richtige Position bringen muss man die Bremshand zum Beispiel nach dem Seilausgeben oder bei einem Sturz beim Seilausgeben.

Wer routiniert mit einem “normalen” Tuber wie dem ATC sichert, sollte das Sichern mit solchen Autotubern relativ schnell erlernen können. Mehr Übung erfordert der Umstieg von Sicherung mit HMS auf einen Autotuber, aufgrund der anderen Bremshandposition.

Muss ich jetzt meinen Tube wegschmeißen und wenn ja wohin?

Man könnte natürlich alle dynamischen Geräte der Welt einschmelzen und daraus ein riesiges Grigridenkmal schmieden, aber sinnvoll wäre dies nicht. Der geliebte Reverso, ATC Guide oder das geile, preisgekrönte Pivot etc. müssen definitiv nicht aufgrund der neuen Sicherungsempfehlung des DAV entsorgt werden! Erstens ist Sicherung mit dynamischen Sicherungsgeräten ja nun nicht plötzlich als gefährlich eingestuft oder gar verboten – wenn auch ein Sicherheitsgewinn beim Sichern mit Halbautomaten beim Sportklettern in Kletterhallen und Klettergärten konstatiert wird.

Zweitens bleibt jedem die Wahl eines Sicherungsgerätes überlassen und drittens bleibt in Mehrseillängen das dynamische Sicherungsgerät der Standard, auch laut der neuen Sicherungsempfehlung. Wenn der gute alte Tuber aber mal durch sein sollte oder ihr aus sonstigen Gründen ein neues Sicherungsgerät anschaffen wollt oder müsst, solltet ihr ruhig mal über die neue Sicherungsempfehlung nachdenken.

Viertens gibt es ja noch andere Spielarten des Klettern neben dem Sportklettern. Wer traditionell oder abenteuerlich unterwegs ist, kann bei zweifelhaften Zwischensicherungen oder wenn es das Sturzgelände verlangt, eine dynamische Sicherung gelegentlich dringend brauchen. Dies ist mit dynamischen Sicherungsgeräten einfacher zu bewerkstelligen, als mit Halbautomaten. Mit Halbautomaten kann man nur körperdynamisch, nicht aber gerätedynamisch sichern. Auch zum Abseilen ist ein klassischer Tuber günstiger als einige Halbautomaten. Auch mit dem Megajul und dem Smart Alpine oder dem Alpine Up kann man am Doppelstrang abseilen, mit dem Click-up, Grigri und Co. jedoch nur am Einzelstrang.

In jedem Fall solltest du dich mit der Funktionsweise deines Sicherungsgerätes auseinandersetzen und immer konzentriert bei der Sache sein! Hier findest du nochmal die offiziellen Pressemitteilung des DAV: www.alpenverein.de


CAMP4-Team

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