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Island – eine Schneeschuhtour

Verschneite Berge

Anfang April verschlug es mich auf eine größere Insel mitten im Nordatlantik, Island. Nun, warum, weil ich noch nicht dagewesen bin, und warum zum Ende des Winters, weil ich vorhatte mit Schneeschuhen eine kleine Ecke zu erkunden.

Zudem lag die Rückkehr von einer Südostasienreise erst eine Woche zurück und ich brauchte eine Abkühlung. Wegen des unvorhersehbaren Wetters zu dieser Zeit hatte ich Essen für ungefähr 7 Tage und eine Karte des Gebietes Landmannalaugar, Dörsmörk, Fjallabak mit. Alles andere wollte ich vor Ort entscheiden.

Der Start

Am Nachmittag in Keflavik landend gab es nur noch die Möglichkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln, sprich dem Bus, bis Selfoss zu gelangen. Ich übernachtete auf dem örtlichen Zeltplatz. Seit Ankunft hatte es kaum aufgehört zu regnen bzw. zu nieseln, was mich aber nicht davon abhielt am nächsten Tag bis Skogar zu fahren und einfach mal loszugehen. Es regnete zwar, aber es gab Sicht. Die letzten Menschen, für Tage, sah ich oben beim Skogarfoss, dann wurde es einsam. Ab ungefähr 500 m über NN war die Schneedecke geschlossen und es wurde Zeit die Schneeschuhe nicht mehr im Rücken mit mir herumzuschleppen. Gegen Abend klarte es auf und der Wind ließ für ein paar Stunden nach. Nachts war ich dann allerdings gezwungen Zusatzabspannungen am Zelt anzubringen, da der Wind zum Sturm wurde und Treibschnee ins Vorzelt drückte. Der nächste Morgen zeigte sich erst bedeckt, aber bald wurde es heller.

Das Krossa-Tal

Eine schwarze Verfärbung an der Daumenkuppe hielt ich zuerst für Dreck vom Benzinkocher, als sie sich aber nicht abwaschen ließ, entpuppte sie sich als Erfrierung. So kalt war es nicht, aber die Mischung von Nässe, Kälte und Sturm hatte ich wohl unterschätzt und die etwas zu dünnen Handschuhe getragen. Ich machte mich auf den Weg über den Sattel zwischen Eyjafjallajökull und Myrdalsjökull. Es war nicht immer leicht den richtigen Weg zu finden, aber hin und wieder tauchten die obersten Zentimeter der Markierungsstangen dieses im Sommer beliebten Weges auf. Kritisch war eine Passage, die offensichtlich mit Ketten gesichert war, bloß waren hier nur die Kettenanfänge zu sehen, der Rest war im Schnee begraben. Nun, es war ein Grat, zu dem Felsen, teilverschneit, führten, und die Abgründe zu beiden Seiten waren respekteinflößend. Mir erschien es am sichersten diese Stelle ohne Schneeschuhe zu meistern, da sie durch ihre Sperrigkeit im Ernstfall hinderlich gewesen sein könnten. Alles ging gut. Bald konnte ich die Schneeschuhe ganz ausziehen und erreichte Basar, wollte aber die Krossa noch kreuzen um am anderen Ufer zu nächtigen. Die ausgeschilderte Fußgängerbrücke existierte, aber nur zur Hälfte. Die andere Hälfte war wohl von Fluten mitgenommen worden. Also durchwatete ich meinen ersten Fluss. Ich zeltete in Skagfjördsskali und entspannte mich vom Tag.

Viel Wetter und ungeahnter Komfort

Der nächste Morgen zeigte sich freundlich, nach einer weiteren Flussdurchquerung ging es ziemlich eben bergan, irgendwann wurde es wieder notwendig die Schneeschuhe anzuziehen, und der Wind wurde wieder zu Sturm. Es zog sich zu, und es waren ziemlich steile Schneewände zu queren, gerade neben Wasserläufen. Irgendwann kam ich in Emstrur an, wo ich hoffte einen windgeschützten Platz zu finden. Ich fand – mehr. Nämlich war eine der Hütten offen. Neben einem Notfallsender gab es ein Gasheizgerät, was ich mir erlaubte, auch ein paar Minuten laufen zu lassen. Ich quartierte mich ein und genoss den ungeahnten Komfort. Und zwar länger als gedacht, weil das Mistwetter – White Out – bis in den nächsten Tag anhielt. Dann klarte es aber auf, und ich lief los. Bald begann eine malerische Hochebene mit imposanten Bergen am Rande. Ich kam sehr gut voran, nahm am Abend noch ein Fußbad in einem weiteren Fluss und: fand in Hvanngil wieder eine Hütte, deren Vorraum wiederum offen war, und hatte unerwartet wieder ein richtiges Dach über dem Kopf.

Der Blick nach Sueden

Der Weg aus den Höhen

Strahlender Sonnenschein begrüßte mich am nächsten Morgen. Schon bald kam ich an der Hütte Alftavatn an, wo ein Helikopter immer wieder mit einem sich mir nicht erschließendem Sinn den zugefrorenen See überflog. Hier ging ich jetzt nicht weiter nach Norden, weil dann die Wege zurück in die Zivilisation nicht nur länger, sondern auch schwieriger gewesen wären, sondern drehte nach Westen ein. Ich hoffte, dass die Reifenspuren von mutmaßlich imposanten Allradfahrzeugen mich richtig führen würden. Lange sah es auch so aus, durch Täler und Flüsse, über Höhenrücken und vorbei an ruhigen Vulkankegeln kam ich bei Sonnenschein und starkem Wind gut voran. Aber irgendwann stimmte es nicht mehr, also der Weg der Karte war nicht mehr identisch mit dem tatsächlichen. An der fragwürdigen Stelle war ich den plausibelsten Spuren gefolgt. Da aber die grobe Richtung stimmte, ging ich weiter. Stunden später wurde es dann klarer wo ich gelandet war, und zwar auf einem Weg in einem Tal weiter nördlich als geplant. Also, nichts Schlimmes. Bloß wäre es nicht auszudenken gewesen, was bei eingeschränkter oder abwesender Sicht passiert wäre. Langsam verließ ich die Hochebene und stellte irgendwann bei einer Rast fest, dass einer meiner außen am Rucksack befestigten Watschuhe weg war. Offensichtlich hatte ich ihn verloren. Ein paar Meter ging ich noch zurück, aber schnell stellte ich die Suche ein. Mutmaßlich lag kein zu durchwatender Fluss mehr vor mir, und zum Glück hatte ich die zwei Furten an diesem Tag schon hinter mir. Bis zum Einbruch der Dunkelheit ging ich weiter, da ich hoffte irgendwo etwas Schutz vor dem schneidenden Wind zu finden. Ich fand ihn nicht, also baute ich mein Zelt so auf. Die Höhenzüge lagen hinter mir, und die Küstenebene war schon zu erahnen.

…und zurück

Der nächtliche Wind drückte wiederum Pulverschnee ins Vorzelt aber der nächste Morgen war beinahe sonnig. Nach wenigen Kilometern konnte ich die Schneeschuhe ausziehen. Auf der Schotterpiste, der ich nun folgte, begegneten mir auch die ersten Menschen seit Skogar, nämlich in Jeeps. Mein Zelt schlug ich dann abends relativ windgeschützt unweit eines kleinen Wasserfalls auf. Und ich verbrachte an dieser Stelle noch einen ganzen Tag, den ich mit kurzen Spaziergängen, in der Sonne liegend lesend (!) und einfachem Nichtstun füllte.

Am nächsten Morgen zog ich weiter zur nächsten, fast richtigen Straße, wiederum einer Schotterpiste, der ich folgte. Der Verkehr war sehr sporadisch. Zwei Autos fuhren an mir vorbei, bis das dritte nach vielleicht einer Stunde anhielt. Ein Pärchen aus Portugal, die kurz vor dem Ende ihrer 14-tägigen Rundfahrt standen, nahm mich mit bis Selfoss, nicht ohne vorher noch einen kleinen Schlenker durch landschaftliche Sehenswürdigkeiten des sogenannten goldenen Rings zu fahren. In Selfoss nahm ich mir ein Quartier für eine Nacht, und genoss vor allem die Dusche. Am nächsten Morgen wollte ich dann den Bus nach Reykjavik nehmen, rauchte die obligatorische Zigarette an der Bushaltestelle, und es hielt kein Bus, sondern ein Skoda. Der Fahrer erklärte mir, dass am Ostersonntag keine Busse fahren würden, meine Informationen waren andere, aber da er sich anbot mich mitzunehmen, stieg ich ein. Die Fahrt wurde ungeahnt interessant. Er war Albaner, seit einigen Jahren in Island lebend, wegen eines Verfahrens, was ihm nach Verbüßen einer mehrjährigen Haftstrafe in Albanien von italienischer Seite noch drohte, floh er auf die Insel. Er hatte sich zum vorbildlichen Staatsbürger entwickelt, was ihm auch von einem höheren Polizeibeamten attestiert worden war. Die Fahrt verging so wie im Flug, wir redeten über Gott, die Welt, und Albanien.

In Reykjavik angekommen schloss ich mein Gepäck im Busbahnhof ein und begann die Stadt zu erkunden. Dies ging etwas schneller als erwartet, weil diese Kapitale noch etwas kleiner als erwartet ist. Nach dem Zentrum lief ich noch länger am Ufer entlang, bewunderte das Konzerthaus Harpa, schrieb die obligatorischen Postkarten, staunte über die horrenden Preise für fast alles, und fuhr spät abends mit dem Bus zum Flughafen. Dort hatte ich vor wegen der bekloppten Abflugzeit die Nacht zu verbringen, bloß war ich nicht der Einzige der diese Idee hatte, und zudem war es untersagt. Von den Sicherheitskräften wurde dieses Verbot allerdings nur sporadisch durchgesetzt, und irgendwann fand ich doch eine ganz passable Ecke, was relativ schwierig war, da das Gebäude zum einen klein und zum anderen relativ voll war. Ich schlief dann etwas, frühstückte, und flog ab. Vom Rückflug bekam ich nicht viel mit, da ich fast durchschlief.


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