Liechtenstein – In einer Woche einen Staat durchwandert
Wer schon mal immer mal ein ganzes „Land“ durchwandern wollte, aber nur eine volle Woche Zeit mitbringen kann, dem empfehle ich wärmstens das kleine Fürstentum Liechtenstein. Der mitteleuropäische, 6. kleinste Staat der Welt liegt am Rhein zwischen den Schweizer Kantonen St. Gallen und Graubünden und dem Österreicher Bundesland Vorarlberg. Und ja, wer klein ist und direkt in den Alpen liegt, der besitzt dann mal eben schnell das dichteste Wandernetzwerk in Europa. Ganze 400 Kilometer an gut ausgebauten Wegen durchziehen die 160 km² des Landes. Und gehört dazu noch zu den am wenigsten besuchten Reisezielen der Welt!


Die Reise begann mit einem Grenzübertritt vom österreichischen Feldkirch ins liechtensteinische Schaanwald. Die ersten Tage liefen wir auf dem „Liechtenstein Weg“, welcher durch kleinere Wälder und Ortschaften entlang aller 11 Gemeinden des Fürstentums führt. Wer gerne etwas „elektronischer“ unterwegs ist und mehr über Kultur und Geschichte eines solch kleinen Staates erfahren möchte, der kann sich die App „LIstory“ herunterladen. Funktionierend als kleiner Wanderführer werden hier historische Eckdaten sehr schön an 147 Erlebnisstationen aufbereitet und beschrieben. In Liechtenstein müsst ihr auch keine Roaming Gebühren zahlen, allerdings kann das Netz an der Grenze immer mal in die Schweiz wechseln. Handy am besten auf laut lassen und genau darauf achten, sonst wird es sehr teuer.
Nach längerem Überlegen haben wir uns dazu entschieden, die Woche mit dem Zelt zu verbringen. Wildcampen ist in Liechtenstein verboten, aber fest gebunden an den einzigen Campingplatz zu sein, durchkreuzte unsere Pläne mal ein ganzes Land durchzuwandern. Ein Budget für feste Unterkünfte á la schweizerische Preise hatten wir mit unseren Studierendengehältern auch nicht, also setzten wir auf die Gastfreundschaft der Bevölkerung auf den Höfen, der Almen oder der Nachbarschaftsgemeinschaft. Natürlich mit großem Respekt, da wir nicht wussten, wie erfolgreich wir damit in einem solch kleinen, konservativen Staat sein würden. Aber hey, ein wenig Abenteuer wollten wir schon mitnehmen und notfalls ließe sich das Lager auch immer fest auf dem Campingplatz verankern, wenn das Fragen keinen Erfolg haben sollte. Und das hat wirklich wunderbar (bis auf einmal) funktioniert.


Nur einmal mussten wir (oberhalb der Waldgrenze, außerhalb eines Naturschutzgebietes) aufgrund eines schweren Unwetters in der Natur unser Lager aufschlagen.
Zur Hälfte der Woche verließen wir dann den „Liechtenstein Weg“ und betraten die höheren alpinen Ebenen. Die Wege waren wirklich wunderbar ausgebaut und man konnte immer wieder neue Ausblicke und Landschaften bestaunen. Interessant war es auch die Ländergrenzen bildlich sehen zu können, sogar mehr oder weniger darauf zu laufen. Der Rhein für die Schweiz auf der einen und der Wanderweg mit Blick nach Österreich auf der anderen Seite.
Wir konnten allein in unserem eigenen seinem Tempo laufen, ohne sich durch viele Mitwanderer gestresst zu fühlen. Was sich an beliebten Orten in der Schweiz für mich schon manchmal wie ein Erlebnispark anfühlte aufgrund der Menschenmassen, ähnelte hier wirklich einer Naturerfahrung. Begegnungen wie der vorbeilaufende Dorfpfarrer in Laufschuhen waren kleine Highlights, die einem den Tag versüßten. Der fehlende Tourismus spiegelte sich aber auch in der Fremdenskepsis wider. In Liechtenstein kennt jeder jeden, und wenn da ein paar Leute mit ihrem Zelt durch die Gegend stolzieren, die man noch nie gesehen hat, wird man mehr als nur einmal schief angeguckt.


Vor allem der Drei-Schwestern-Weg und Fürstensteig waren absolute Empfehlungen und haben uns sehr beeindruckt. Ende Juni lag sogar noch auf den höheren Ebenen eine Menge Schnee und ein paar Gletscherüberreste. Jedenfalls genug für kleine Schneeballschlachten zwischendurch.
Unsere einzige Absage zum Zeltnächtigen erhielten wir bei der Pfälzerhütte, relativ weit oben. Da es aber auch unser letzter Wandertag war, waren wir fein damit, die letzte Nacht auf dem Campingplatz zu verbringen. Unseren Notbiwak mussten wir aufgrund eines dicken Knöchels aber dann doch auf der Veranda einer kleinen, verlassen Hütte aufschlagen. Der Sternenhimmel war hell erleuchtet und am Ende wurde es ein Kopf-an-Kopf Rennen beim Sternschuppenzählen. Wer die Augen am längsten offenhalten konnte, konnte sich den Sieg holen und durfte die Milchstraße fleißigst bestaunen.


Das kleine konservative, ja in sich schon sehr private, Fürstentum Liechtenstein wird uns definitiv lange in Erinnerung bleiben!
Shortcuts
Anfahrt Zug: Die Anreise mit dem ICE bis Feldkirch an der Grenze zu Liechtenstein auf österreichischer oder St. Gallen auf schweizerischer Seite.
Übernachten: Wenn „freies Campen“, dann nur mit Genehmigung der Nachbarschaft. Ruhig 1-2 Stunden mehr einplanen, bis man etwas gefunden hat. Ansonsten Campingplatz in Mittelspitz (gute ÖPNV-Erreichbarkeit gegeben) oder bei ausreichend Budget, Unterkünfte auf dem Weg buchen. Mit genug Reservierungszeit vorher.
Bezahlung: Man kann in Schweizer Franken, aber auch Euro bezahlen. Nur auf den höheren Ebenen werden nur noch Schweizer Franken akzeptiert, ggf. ein paar Notgroschen einplanen.





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