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Reisebericht: Mit dem Packraft durch Island

titelbild island

Nachdem ich Island in einem winterlichen Schnupperkurs als spannendes Reiseziel erkannt hatte, plante ich eine weitere Tour. Dieses Mal tauschte ich meine Schneeschuhe gegen ein neues Sportgerät, ein Packraft oder Rucksackboot.

Lange hatte ich mit dem Gedanken einer Anschaffung gespielt, da es nicht gerade billig für ein besseres Schlauchboot ist. In der Regel wiegen Packrafts um die 3 Kilogramm, sind relativ klein zu verpacken, ziemlich stabil und erweitern die Möglichkeiten der Mobilität enorm. Ihre Vorzüge haben sie in unwegsamen, gebirgigen und von fließenden Gewässern durchzogenen Gebieten. Ich testete meins im winterlichen Riesengebirge auf der Jizera und auf der Neiße, wo es sich als erstaunlich wendig, wildwassertauglich und robust angesichts von Felsen, Baumresten und (verfallenen) Wehranlagen im Wasser zeigte.

Packrafting

Dann wurde es ernst mit einer richtigen Tour. Die Idee war, Island von Nord nach Süd zu durchqueren, starten wollte ich in Akureyri, Sprengisandur kreuzen und ab dort war das Ziel unbestimmt, außer dass es die südliche Küste sein sollte.

Ins Hochland

Tiefnachts in Keflavik landend suchte und fand ich etwas Schlaf in einer ruhigen Ecke, nahm den ersten Bus nach Reykjavik und von dort den Linienbus nach Akureyri im Norden. Unterwegs an einer Tankstelle kaufte ich Treibstoff für den Kocher. Dann ging es los, zunächst an einer Straße entlang. Mir gelang es, ein paar Kilometer zu trampen, aber der Verkehr ebbte zunehmend ab und die Straße wurde zur Schotterpiste. Abends fand ich mich bereits kurz vor den Anstiegen ins Hochland.

vor dem Anstieg ins Hochland

Über 20 Kilogramm Gepäck machten wie immer zu Beginn einer Tour wenig Spaß, was mich aber nicht davon abhielt, am nächsten Tag über 40 Kilometer auch durch Matsch und Altschneefelder zurückzulegen. Ich hatte ein Ziel vor Augen: Die Laugafjell-Hütte mit heißen Quellen. Die Mühe hatte sich gelohnt, zudem waren die Tage Ende Mai schon recht lang. Das karge Hochland Sprengisandur fand ich faszinierend, grau-schwarzer steinig-sandiger Boden, fern im Hintergrund vereiste Gipfel, Gletscher, Schneefelder und Himmel, sonst nichts.

Sprengisandur

Packrafting und Raftpacking

Der nächste Tag war stürmisch und am Abend erreichte ich die Djorsa, die ich befahren wollte. Dies tat ich auch, bloß war Niedrigwasser. So war ich genötigt, immer wieder auszusteigen und das Boot hinter mir herzuziehen, zudem war es kalt, das Wasser gefror an den Neoprenhandschuhen. Anstrengend ist diese Art der Fortbewegung! Doch irgendwann nahm das Flüsschen Tempo auf und ich steuerte durch nicht allzu schweres Wildwasser. Etwas zu euphorisch ließ ich die notwendige Vorsicht außer Acht, nämlich ein paar Meter vor dem Kiel die Wasseroberfläche im Blick zu behalten. Ich nahm die direkte Falllinie eines Wasserfalls und fand mich unter Wasser in der Kehrwelle! Dies dauerte ein paar ewige Augenblicke.

Als ich wieder auftauchte, war das Boot ein paar Meter entfernt, ich hievte mich hinein und fuhr weiter. Den nächsten vertikalen Wasserverlauf erkannte ich zwar, allerdings zu spät, und wieder fand ich mich unter Wasser. Diese Episode hätte auch weniger glimpflich enden können.

Den Wasserfall zu befahren war eigentlich nicht geplant ;-)

Ich fuhr noch ein wenig weiter und fand einen ziemlich optimalen Zeltplatz in einem Nebental.

Zeltplatz in Island

Am nächsten Tag betrieb ich dann Raftpacking an Land, übernachtete, und an einem Djorsa-Stausee vorbei ging ich wieder ans Ufer der Djorsa. Diese war hier dann schon mit etwas mehr Wasser gefüllt und ich ließ mich treiben. Traumhafte Ruhe, Sonnenschein, viele Vögel, schneebedeckte Gebirgszüge und Gletscher, zur Rechten Hofsjökull, und ferner zur Linken Vatnajökull.

Raftpacking in Island

Gegen Abend nahm das Gefälle zu und der Fluss wurde breiter und flacher, der Bodenkontakt wurde häufiger und die Wassertiefe war wegen des trüben Gletscherwassers kaum abzuschätzen. Ich suchte mir bald einen Schlafplatz und navigierte am nächsten Tag zu Fuß Richtung Osten zum Kaldakvisl. Auch hier gab es nicht viel Wasser. So ging ich mit Kurs Südsüdost durch die weglose, karge Landschaft und versuchte hin und wieder mein Glück mit beschiffbaren Flüssen, welches meist nur von kurzer Dauer war. Wasserfälle, tiefe Canyons oder einfach zu wenig Wasser hielten mich nicht allzu lange im Boot. Ich wurde immer schneller im Auf- und Abbau des Bootes und auch gelang es mir, Wasserfälle rechtzeitig zu erkennen. Ich hätte auch den größeren Flüssen weiter westlich folgen können, wäre dann aber zu schnell wieder in besiedelten Gebieten gelandet. Von dem Befahren von Seen sah ich ob des meist starken Windes lieber ab.

Laugavegur

So näherte ich mich Landmannalaugur. Ich hatte alsbald nicht nur Asphalt unter den Stiefelsohlen, sondern sah auch den ersten Menschen seit gut einer Woche. Ein Ranger passierte mich drei Mal mit seinem Pick-Up-Truck, bevor er dann doch seine Neugierde überwand und sich nach den dubiosen Paddeln an meinem Rucksack erkundigte.

Raftpacking

Ich erklärte ihm mein Tun, und er gab mir Auskunft über das Niedrigwasser. Zwar hatte es im Winter viel Schnee gegeben, dieser war aber sehr schnell angesichts relativ hoher Temperaturen geschmolzen. Abends erreichte ich Landmannalaugur, wo dann wirklich schon ein paar andere Touristen zugegen waren.

Landmannalaugur

Meine Hoffnung, die Vorräte an Süßigkeiten aufzufrischen, erfüllte sich in Maßen. Hauptmahlzeiten hatte ich ausreichend, bloß die kleinen Zwischenmahlzeiten fielen offensichtlich zu opulent aus. Die Rezeption hatte wie auch die Straße ins Hochland erst ein paar Tage geöffnet und mit dem Nachschub an Snickers haperte es noch. Aber als Trost bekam ich ein paar alte Mars. Sonst war es mir nach den Tagen der Einsamkeit etwas zu laut, und am nächsten Tag zog ich weiter auf dem wohl bekanntesten Trek der Insel, dem Laugavegur. Dementsprechend sah er dann auch aus: Nirgendwo sonst habe ich derartige Zerstörungen in Form von Bodenerosion, ausgelöst von Wanderstiefeln, gesehen. Hin und wieder begegnete ich Menschen, aber je weiter ich mich von Landmannalaugur entfernte, desto ruhiger wurde es. Und ich traf Kanadier aus Whitehorse/Yukon, die mich nicht nur sofort als „Packrafter“ ausmachten, sondern sich auch nach dem Pro und Kontra meines in Europa wenig verbreiteten, sich aber in Nordamerika großer Beliebtheit erfreuenden weißen Rucksacks erkundigten.

Ich überquerte ein paar Höhenzüge, sah Vulkanismus in Form dampfender Erdlöcher und sprudelnder Quellen, stapfte durch viel Altschnee und kam irgendwann bei Alftavatn in die Gegend, wo ich schon einmal im Winter unterwegs war.

Laugafjell

Die mir bekannten Notunterkünfte der noch geschlossenen Hütten nutzte ich einmalig zum Kochen und Essen und Plaudern mit zwei Slowaken, als ich zwei Jugendliche draußen herumspringen sah. Meine Befürchtung einer herannahenden lärmenden Gruppe Halbstarker erfüllte sich nicht, es waren zwei Berliner Teenager, pfiffig und fröhlich und findig. Einer hätte eigentlich seiner Schulpflicht nachkommen müssen, aber er hatte eine gute Legende, die ihn etwas verfrüht in die Sommerferien entließ. Auf jeden Fall gelang es ihnen, die Hütte einschließlich Matratzenlager komplett zu öffnen.

Finale

Weiter zu Fuß ging ich bis nach Dörsmörk und von dort paddelte ich auf Krossa und Markarfljöt bis beinahe zum Atlantik.

Meine Island-Tour endet kurz vorm Atlantik

Der Fluss mäanderte sehr stark, war teilweise eingehegt, es gab unzählige Nebenarme und dies fuhr sich blöd. Kurz vor der Ringstraßenbrücke ging ich an Land und verbrachte eine letzte Nacht auf einem Zeltplatz. 13 Tage nach dem Start in Akureyri hatte ich die Traverse der Insel hinter mir. Ich hatte unglaubliches Glück mit dem Wetter, fast die ganze Zeit gab es Sonne, viel Wind und so gut wie keinen Niederschlag.

Ich trampte nach Reykjavik und wie beim letzten Mal gelang dies nur mit Hilfe osteuropäischer Expats: Erst nahmen mich Handwerker aus Lettland mit und dann ein fröhlicher Bulgare, der sich trotz des beschwerlichen Lebens auf dieser Insel und trotz seines massiven Heimwehs auf Dauer für Island entschieden hatte, nicht zuletzt wegen des traurigen Umstands, dass er in der alten Heimat keine Zukunft sah.

In Reykjavik genoss ich die Annehmlichkeiten der Zivilisation wie beispielsweise frische Zimtschnecken, die besten der Welt, die allein einen Reisegrund darstellen.

 

 


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