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Winter in Japan

sliderEnde März 2016 flog ich nach Japan. Zwei Wochen hatte ich mir Zeit genommen um neben einer Besichtigung des Mt. Fujiim Daisetsuzan-Nationalparks auf Hokkaido auch eine Winterbesteigung des Mt. Fuji zu versuchen.

Zu Unrecht ist das Bild Japans von den urbanen Ballungsräumen geprägt, die sich allerdings nur an den Küsten befinden. Das Landesinnere ist oft bergig und bewaldet, und gerade auf Hokkaido ist beinahe unberührte Wildnis zu finden.

Daisetsuzan

Der Daisetsuzan-Nationalpark liegt im Inneren Hokkaidos und hat die höchsten Erhebungen der Insel. Das Klima ist subpolar und durch die Meeresnähe sind die Winter, vor allem im Westteil, sehr schneereich. Vor Jahren las ich mal einen Bericht im „Backpacker Magazin“ über eine versuchte Traversierung im Herbst.

Nach diversen Flügen kam ich spät abends in Sapporo, der Hauptstadt Hokkaidos an. Meine Unterkunft suchte ich ein Weilchen nur mithilfe schlechter Ausdrucke und Kopien erfolglos, bis mir ein älterer Mann half, der kein Wort Englisch sprach. Kurzerhand wählte er die Nummer des Hostels von einem meiner Zettel, verfrachtete mich dann in sein Auto, und fuhr mich ein paar Blöcke weiter bis zur Haustür.

Am nächsten Morgen nahm ich den Zug nach Asahikawa und von dort den Bus zum Asahidake-Onsen. Der Lift hatte 30 Minuten zuvor den Betrieb eingestellt, also schnallte ich im Dämmerlicht meine Schneeschuhe an und folgte der Piste hinauf bis zur Station. Im Dunkeln kam ich an und die Station war ebenfalls dunkel.

Nachdem auf mein Klopfen keine Reaktion kam begann ich mein Zelt im Windschatten der Station aufzubauen, es stürmte, schneite, und das Thermometer war im zweistelligen Negativbereich. Just als das Zelt stand hörte ich eine Stimme, die Station war doch besetzt und der Stationswart bat mich hinein.

Also baute ich das Zelt wieder ab und schlug mein Lager drinnen auf. Am nächsten Morgen gab es White-Out vom feinsten. Null Sicht. Einzig lichtete sich die Wolke hin und wieder gen Tal und für wenige Augenblicke war sogar der Asahidake sichtbar. Ich wartete, während die Seilbahn regelmäßig Ski- und Snowboardfahrer ausspuckte, auf Wetterbesserung.

Aber da sich die Sichtverhältnisse absolut nicht besserten und ein navigieren über die Hochebene bei Null-Sicht äußerst riskant war, entschied ich mich, nicht den Daisetsuzan-Nationalpark mit Schneeschuhen zu traversieren, sondern in niederen Lagen gen Norden zu laufen. So stieg ich wieder ab, stapfte durch tiefen, weglosen Schnee und schlug bald mein Lager auf. Trotz einer speziellen Mischung in den Gaskartuschen brauchte ich ewig um akzeptable Mengen an Wasser zu produzieren. Nach dem ich mir endlich eine Mahlzeit bereitet hatte schlief ich tief und fest.

Am nächsten Morgen zeigte das Thermometer -15 Grad und der Himmel war wolkenverhangen, jedoch hingen die Wolken vor allem über mir, und hin und wieder zeigte sich sogar die Sonne. Ich kreuzte durch Schluchten, Birkenwälder und unglaubliche Schneemengen, und genoss die stille Winterlandschaft.

Als ich am nächsten Tag eine Straße erreichen sollte, stellte ich fest dass diese nur im Sommer befahrbar ist. So trottete ich dieselbe entlang, im Unklaren darüber, wann diese zu einer vom Schnee beräumten werden würde. Und dann geschah es: keine 20 Meter vor mir sah ich einen Bären. Ich hatte in der festen Überzeugung die Tour gestartet, dass die Bären im Winterschlaf wären. Dieses Exemplar war aber offensichtlich wach.

Glücklicherweise hatte es mich aber rechtzeitig gehört und nach einigen Sekunden war es auch schon im Unterholz verschwunden. Als ich dann abends mein Lager aufschlug beachtete ich alle Regeln im Umgang mit Bären, wie vor allem die Nahrungsmittellagerung und die Zubereitung des Essens in gebührendem Abstand zum Zelt. Er hatte mich doch etwas erschreckt. Am folgenden Tag erreichte ich bald eine Straße, trampte bis in den nächsten Ort bzw. zur nächsten Bushaltestelle und fuhr Bus bis Asahikawa.

Gen Süden

Dort aktivierte ich meinen Japan-Railpass, da ich vorhatte über Sapporo bis nach Tokio bzw. zum Fuße des Mt. Fuji zu fahren. Ich verbrachte eine weitere Nacht in Sapporo, fuhr Zug bis Hakodate, nahm ab da die Fähre nach Aomori auf Honshu. Nach einer Nacht in dieser Hafenstadt fuhr ich mit Bummelzügen, die mich über Akita bis nach Niigata an der Westküste führten.

Die Zugfahrt war entspannt und die Landschaft mit Meer und Bergen sehr malerisch. Niigata war dann meine erste „richtige“ japanische Stadt. Die zuvor besuchten im Norden glichen eher nordamerikanischen Städten in ihrer symmetrischen Konzeption wie auch in puncto Architektur. Da der japanische Norden erst seit Ende des 19. Jahrhunderts erschlossen wurde ist dies auch plausibel.

Niigata war sonst eher reizarm, und ich fuhr am nächsten Tag, auch mit Shinkansen, den japanischen Schnellzügen, nach Matsumoto in den japanischen Alpen. Malerisch zwischen den nördlichen und südlichen japanischen Alpen gelegen gab es hier auch ein über 500 Jahre altes Wasserschloss zu bestaunen, das abgesehen vom Fundament komplett aus Holz gebaut worden ist.

Ein bisschen erinnerte ich mich an angesichts dieses Bilderbuch-Japans an die Reise der Abrafaxe nach Japan, was meine erste Berührung mit dem Land gewesen sein dürfte. Hätte ich mehr Zeit gehabt, hier hätte ich in unmittelbarer Umgebung noch die eine oder andere Tour starten können. Aber ich musste angesichts meines engen Zeitrahmens weiter, so dass ich am nächsten Nachmittag am Fuß des Fuji an gleichnamiger Bahnstation war.

Fuji-San

Durch schneefreien Wald lief ich ein paar Kilometer auf dem Yoshida-Track und schlug mein Zelt in der Nähe der 6. Station auf. Am nächsten Morgen schneite es und es war wolkenverhangen. Ich spielte mit dem Gedanken einen Tag mal nichts zu machen. Aber da kamen zwei Bergsteiger vorbei, ein australischer Guide, schon lange in Japan lebend, und ein Brasilianer. Ich überlegte und beschloss ihnen zu folgen.

Bald holte ich sie ein, sie warteten vor einer gerne von Lawinen genommene Bahn auf besseres Wetter. Dies kam bald, und wir stiegen zusammen weiter auf bis auf knapp 3000 Meter Höhe. Nachts stürmte und schneite es massiv, am Morgen waren beinahe ein halber Meter Neuschnee gefallen.

Die Sonne schien, der Neuschnee lag auf ziemlich glattem Firn und das Quecksilber tendierte in den Positivbereich. Sprich, die Lawinengefahr war keine geringe mehr. Nichtsdestotrotz gingen wir ein Stück weiter, die beiden anderen kehrten bald um, ich ging noch etwas höher, bevor ich mich auch zur Rückkehr entschloss. Es wurde wärmer und ich beeilte mich mit dem Abstieg.

Ruhiger wurde ich erst als ich die Gefahrenzone hinter mich gebracht hatte. Nach einer weiteren Nacht im Freien machte ich mich auf den Weg nach Tokio, um dort die letzten Tage meiner Reise zu verbringen. Die gerade einsetzende Kirschblüte wurde von den Einheimischen dazu genutzt, in Grünanlagen, sitzend auf blauen Planen, zu speisen und zu trinken, nicht ohne zuvor die Schuhe auszuziehen und ordentlich am Rand der Planen aufzureihen.

Und obwohl dem Alkohol intensiv zugesprochen wurde, blieb es relativ leise, wie generell das menschliche Zusammenleben in unglaublicher Dezenz und Höflichkeit vor sich geht. Selbst in den Zügen wird darum gebeten nicht unnötig zu lärmen, wozu explizit auch das Klappern von Tastaturen gehört.

Tokio ist jenseits der großen Einkaufs- und Geschäftsviertel erstaunlich ruhig und beinahe idyllisch. Es gibt stille, beinahe dörfliche Wohnviertel, relativ viele Parks und Grünanlagen und alles läuft sehr organisiert und geordnet ab.

Und auch für Japan gilt, dass ein nochmaliger Besuch nicht ausgeschlossen ist, weil es noch viel zu entdecken gibt, von den Bergketten der japanischen Alpen in der Provinz Chubu bis zur Shiretoko-Halbinsel auf Hokkaido.


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