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Reisebericht: Von Georgien in den Iran – Die Astrakaravane

Kann man Geld verdienen, indem man Autos exportiert – und nebenher mehrere Wochen Ost-Europa und den Nahen Osten bereist? Zwei Berliner haben es probiert.

Irgendwo auf dem Automarkt einer verstaubten Provinzstadt Kirgistans entstand die Idee. Meine gute Freundin Karo und ich bereisten 2012 für einen Monat das zentralasiatische Land. Auf der Suche nach den automobilen Kuriositäten der Sowjetzeit besuchten wir auch einen der großen Automärkte. Doch wir wurden enttäuscht: statt Moskwitsch, Wolga oder Lada wurden dort vor allem die guten alten Mercedes 180 verkauft  – ein Modell das mein Vater auch noch in Deutschland fährt; und das er verkaufen wollte. Der Preis in Deutschland: damals ca. 1.500 Euro. In Krigistan: sagenhafte 4.000 bis 5.000 Dollar. Wäre das nicht was, eine Reise durch den Autohandel zu finanzieren?

So oder so ähnlich begann es und natürlich kam es dann doch ganz anders. Wir mussten lernen, dass das schnelle Geld nicht im internationalen Autohandel liegt – zumindest nicht, wenn wir ihn betreiben. Zurück in Deutschland entwickelte die Idee ihre ganz eigene Dynamik. Noch einmal nach Kirgistan? Eigentlich nicht, oder? Außerdem würde ein Autovisum für den Iran rund 5.000 Euro kosten. Doch durch den Iran wollten wir unbedingt reisen. Natürlich wollte mein Vater seinen Wagen dann auch nicht hergeben: „Er läuft doch noch super!“ –  übrigens gute Entscheidung, denn er fährt ihn noch heute.

Und so kam es, dass wir uns 2014 auf eine etwas abgewandelte Variante unserer Reise aufmachten: Mit unserem Opel Astra Caravan, 2002er Baujahr, über den Balkan und die Türkei nach Georgien, um ihn dort zu verkaufen. Dann weiter über die kurdische-Türkei in den Iran. Rund zwei Monate hatten wir eingeplant.

Die Insel Thasos mit ihrem atemberaubenden Panorama.

Thasos – eine Insel mit zwei Bergen und dem tiefen weiten Meer

Der Balkan war schön – aber der Balkan war von einem enormen Regentief geplagt. Wien, Budapest und Belgrad lagen hinter uns. Eigentlich hatten wir als nächste Station die Klöster Bulgariens anvisiert. Doch das Wetter machte uns einen dicken Strich durch die Rechnung: Güsse, die uns zwangen, auf einer serbischen Autobahn anzuhalten (man sah rein gar nichts mehr) und Dauerregen von West- bis Ostküste. Wir hatten doch eigentlich durchgehend Sonne und Wärme gebucht; und sollten nicht eigentlich die ganze Zeit leise Gitarrenriffs unser Abenteuer untermalen? Oder kann es sein, dass Reisen nicht immer wie im Katalog aussieht? Auf jeden Fall musste eine Planänderung her und nur ein kleiner Zipfel weit und breit versprach etwas Sonne: Das nördliche Griechenland.

Nach einer knapp 18-stündigen Autofahrt, durch Serbien und Mazedonien begrüßte uns die morgendliche, griechische Sonne zaghaft. Verzweifelt schrieben wir über Couch-Surfing.com verschiedene Hosts in der Region an: „Können wir bei Euch übernachten? Was – außer Sonne – gibt die Region her?“ Denn uns fiel auf: Wir hatten überhaupt keine Ahnung wo wir waren. Und um ehrlich zu sein: Die Ecke um Thessaloniki in die wir auf gut Glück gefahren waren, zeigte sich als wenig gastlich. Industriebauten und Sumpfgebiete mit riesigen Mückenpopulationen ließen unsere Stimmung gen Nullpunkt sinken. Doch dann half uns tatsächlich Couch-Surfing.com weiter: „Ich empfehle Euch Thasos – eine kleine Insel, ca. 1 h Fährfahrt,“ schrieb uns da ein Nutzer. Und da wir keinen besseren Plan hatten, folgten wir dem Rat. Es war die richtige Entscheidung.

Die Insel erinnert ein wenig an Jim Knopfs Lummerland – zumindest so, wie ich es mir immer vorgestellt habe: In der Mitte Berge, rundherum zieht sich eine Inselstraße – man kann entweder nach rechts, oder links fahren –so einfach ist das. Sandstrände und vor der Insel das tiefe weite Meer. Nur die Eisenbahn fehlt… Von Thasos Hügeln aus hat man einen wunderbaren Blick über das Mittelmeer und nachts kann man ungestört in einer Höhle oder direkt unter freiem Himmel am Strand schlafen.

Unsere erste Nacht bescherte uns ein ganz unglaubliches Naturschauspiel: Über das Festland zog ein nächtliches Gewitter hinweg, während wir es uns auf unserer kleinen Insel in Strandliegen gemütlich gemacht hatten. Meine einzige Störung in dieser Nacht: Ein kleines Kätzchen, dass mit mir den Schlafsack teilen wollte und sich von diesem Plan auch nicht abbringen ließ.

TIPP: Die Berge auf Thasos sind unbedingt einen Besuch wert – vor allem das verlassene Bergdorf, das nur noch als Sommerdomizil der Inselbewohner dient. Bewirtet wird man dort in einer wunderschönen Taverne von Costas, einem Schafhirten, der perfekt Deutsch spricht. Aufgewachsen ist er im Pott, bis es ihn vor Jahrzenhten in die Heimat seiner Eltern zog. Unbedingt den selbstgemachten Jogurt mit Honig probieren!

Wer an türkischen Stränden zeltet, muss sich an den Müll erst einmal gewöhnen.

Die Teeterassen der türkischen Schwarzmeer-Region.

Türkisches Frühstück mit Meerblick.

Welcome to Tiblisi

Unsere Reise führte uns weiter über Istanbul, einen türkischen Bergsee (Abant Gölü – wunderschöner Ausblick auf den Hügeln um den See) und die Schwarzmeerküste (viel Dreck am Strand, aber wunderschöne Teeterrassen) nach Tibilisi, Georgien.

Nachts fuhren wir in dieser Mini-Weltmetropole ein. Und wir konnten fast ein bisschen froh sein, dass wir es bis dort geschafft hatten: Georgien hat in den vergangenen Jahrzehnten unter großer Strom-Knappheit leiden müssen. Daher gibt es im ganzen Land eigentlich keine Straßenlaternen; und das führt zu – genau – totaler Dunkelheit. Dazu noch ein paar tiefe Schlaglöcher, Tierkadaver am Straßenrand und andere Verkehrsteilnehmer, die offenbar nach Gehör fuhren (zumindest hatten sie auch nachts keine Beleuchtung) – das macht den georgischen Straßenwahnsinn aus. Gegen Tibilisis Verkehr ist Istanbul eine schwäbische Kleinstadt.

Die Stadt empfing uns mit offenen Armen und schon bald kannten wir die Protestierenden vom Vake-Park (ähnlich wie die Gezi-Proteste damals – nur viel, viel kleiner…), einen georgischen Techno-DJ, der uns eine wunderbare Geschichte über die georgische Sprache erzählte (die folgt gleich), einen deutschen Fotografen, der Ponichala – die „Stadt der Blinden“ –  dokumentierte (ein Stadtteil, in den zu Sowjetzeiten blinde Menschen abgeschoben wurden) { http://edition.cnn.com/2016/08/02/europe/cnnphotos-blind-settlement-ponichala/ } und wir machten uns mit dem georgischen Automarkt in Rustavi vertraut. Dazu muss man sagen: im Grunde ist das ganze Land ein einziger Automarkt. Wer mit einem deutschen Ausfuhrkennzeichen durch Georgien fährt, wird an jeder Ecke gefragt, was man für das Auto haben wolle. Das bescherte uns einige schöne Begegnungen. Zum Beispiel einen Abend im Haus einer georgischen Familie, an dem wir zwar unser Auto nicht verkauften –dafür aber mit einigen Schnäpsen im Kopf in selbiges wieder einstiegen. Ein Glück, dass uns kein georgischer Polizist anhielt – neben einem Bußgeld, hätte sich vermutlich auch eine sehr hohe Sprachbarriere aufgetan.

Das führt mich zu der besagten Geschichte, des besagten DJs: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zog es auch in Georgien viele Menschen „gen Westen“. Italienisch zu lernen stand damals hoch im Kurs und so büffelten viele Georgier über Monate hinweg, um dann in Rom mit ihren Sprachkenntnissen glänzen zu können. So auch in einem kleinen Ort in Georgien. Dort hatte ein zugezogener Privatlehrer eine gut laufende Sprachschule aufgemacht und lehrte seine Schüler Italienisch – oder das, was sie dafür hielten. Denn als die ersten seiner Schützlinge ihre neu erworbenen Sprachkenntnisse vor Ort ausprobierten, wurden sie von den Italienern nur fragend angeschaut. Tatsächlich hatte ihnen der Sprachlehrer kein Italienisch, sondern lediglich einen entfernten georgischen Dialekt beigebracht. Die sprachliche Vielfalt in diesem kleinen Land ist wirklich enorm…

Brautschau: Vor dem Verkauf unseres Astras wurde er erst noch herausgeputzt.

Doch wir waren ja nicht zum Vergnügen in Georgien – wir wollten Business machen. Und zwar auf dem größten Automarkt im Kaukasus, auf dem neben Georgiern auch Armenier und Aserbaidschanis zuschlagen. Wir hatten eine Opel gekauft, weil die Rüsselsheimer Autoschmiede eine der beliebtesten Marken in Georgien ist. Und wir hatten extra ein scheckheftgepflegtes Auto erworben, damit das den Wert nach oben treibt (dazu ein potentieller Käufer: „Scheckheft? Das ist super – damit kann man sehr gut seinen Kamin anmachen…“).

Die georgischen Klöster sind in jedem Fall einen Besuch wert.

Nun hatten wir alles so gut geplant, doch die Käufer bleiben aus – zumindest die, die ähnliche Preisvorstellungen hatten wie wir… Wir verteilten Flugblätter an verdutzt schauende Taxifahrer, schrieben Internetannoncen auf Georgisch und standen ganze Tage auf dem Automarkt in Rustavi herum. Doch nicht unser Auto, sondern wir wurden begafft und untersucht: Was machten diese zwei kauzigen Deutschen, auf diesem trostlosen Markt? Nur unsere Bassrolle weckte das Interesse einiger Jungspunde. Und so versteigerten wir sie zum Zeitvertreib zwischen zwei etwas dubiosen Jungsgruppen. Doch unser Auto hatten wir noch immer. Nach einer Woche in Tibilisi entschieden wir uns, den Wagen an einen der ersten Interessenten abzugeben. Fazit: Weder Gewinn, noch Verlust – aber eine super Reise war’s bisher!

„Deal“: Unser treuer Astra wechselt den Besitzer. Wir ziehen weiter mit einem weinenenden und einem lachenden Auge.

TIPP: Die georgischen Klöster an der georgisch-aserbaidschanischen Grenze sind absolut einen Besuch wert. Noch immer leben dort Mönche und bewirten die mehrere hundert Jahre alten Gebäude.

Tramp-Geschichten: Entspannen auf der Rückbank.

 Jetzt so ganz ohne Auto? Daumen raus und weiter

Weiter ging es auf unserer Reise per Autostop durch die Türkei in Richtung Iran. Dabei mussten wir auch die kurdischen Gebiete kurz vor der iranischen Grenze passieren. Ein guter Freund von uns lebt dort und wir wollten auf dem Weg in den Iran in seinem Heimatort, Yüksekova, einen Zwischenstopp einlegen. Yüksekova liegt auf einer Hochebene in den Bergen. Und so hässlich und grau die Stadt ist, umso schöner und überwältigender ist die Natur um sie herum. Wir besuchten das Dorf seiner Familie, eingeschlossen in den Bergen. Ein Fleck Erde, der ganz, ganz weit weg ist von unserer Zivilisation. Ein uraltes kleines Bauernhäuschen, ein Garten, in dem Gurken, Tomaten, Feigen und Pfirsiche wild wachsen und eine wunderschöne Berglandschaft durchzogen von kleinen Flüssen. Es ist dort wirklich das Paradies. Tragisch nur, dass der Konflikt zwischen Türken und Kurden die Region nicht zur Ruhe kommen lässt.

Beeindruckend: Die kurdisch-türkischen Berge.

Von Yüksekova machten wir uns auf in den Iran – über einen kleinen Grenzübergang. Per Handschlag wurden wir auf iranischer Seite begrüßt: „Herzlich Willkommen im Iran“ Aus irgendeinem Grund hatten wir anderes erwartet.

Der Iran – unverhüllt, weltoffen, Alkohol trinkend

Über Urumyie und Tabriz, die ich hier nur kurz am Rande erwähne, da wenig beeindruckend, führte uns unser Weg nach Rashd. Nur eine Nacht zwar, doch eine für uns prägende: Bisher hatten wir Iranerinnen und Iraner auf der Straße getroffen, waren auch mal zum Essen oder auf einen kleinen Ausflug eingeladen worden – übernachtet hatten wir aber noch bei keinem. Über Freunde von Freunden hatten wir in Rashd den Kontakt zu Zetayesh bekommen. Sie wohnte alleine in einer nicht allzu kleinen Wohnung und war Studentin der örtlichen Uni. Als wir abends an Ihrer Tür klingelten empfing sie uns in einem für den Iran ganz ungewöhnlichen Kleindungstück: im Minirock – und ohne Kopftuch. Wir begriffen zu verstehen: Das öffentliche Leben auf der Straße war ein ganz anderes, als jenes im Privaten.

Zu Hause zeigen sich die Menschen im Iran oft von einer ganz anderen, offeneren Seite: Unverhüllt, aufgeklärt und weltoffen. Mit Zetayesh verbrachten wir einen wahnsinnig spannenden Abend, an dem sie uns von ihrem Freund, ihrer westlich geprägten Familie, ihren Verwandten in Deutschland, Alkohol auf Parties und ihrer Teilnahme an der sogenannten „grünen Revolution“ erzählte. Umso erstaunlicher war dann unser Erwachen am nächsten Morgen: Als wir beim Frühstück saßen, machte sich Zetayesh auf zur Uni. Auf einmal stand dort vor uns eine dieser abermillionen Frauen, die man im Iran so oft auf der Straße sieht: mit Kopftuch und weitem Gewand. Doch die Geschichte dahinter kannten wir nun.

Von Rashd aus brachen wir auf nach Masuleh: einem wunderschönen kleinen Ort nahe des kaspischen Meeres. Der Ort bietet eine atemberaubende Kulisse, da er sich terrassenförmig an die steilen Hänge des Elburs-Gebirges schmiegt. Und so kommt die einzigartige Architektur zustande: Das Dach des unteren Hauses ist jeweils der Balkon des darüberstehenden. Ein wunderschönes Panorama, grüne Berglandschaften und ein kleines Örtchen luden uns ein, hier eine kurze Rast zu machen.

Tea-Time auf den Terassen Masulehs.

Tipp: Ganz in der Nähe von Masuleh gibt es das Rudkhan Castle – eine rund 1.800 Jahre alte Wehanlage. Wenn auch touristisch erschossen, ist der Weg zum Castle durch uralte, grüne Wälder auf jeden Fall einen Ausflug wert.

Nach Natur, Bergen und Wanderungen war uns – nun schon gegen Ende unserer Reise – wieder nach Stadt. Und natürlich auch nach dem „typischen“ Iran, mit seinen türkisenen Kuppeln, Wüstenorten und Palästen. Unsere letzten beiden Stationen führten uns genau dorthin: Zunächst nach Esfahan – dann nach Yazd, dem erklärten Ziel unserer Reise.

Beide Städte waren, jeweils auf ihre Art, sehr beeindruckend. Esfahan sieht man seine mehr als zweihundertjährige Geschichte als Hauptstadt eines längst untergegangenen Reiches noch immer an: Seine prunkvollen Paläste, eine der größten Moscheen der Welt und der atemberaubende Meidān-e Emām Platz im Herzen der Stadt, der zu Recht dem UNESCO-Weltkulturerbe angehört. Hier ruhten wir uns nach einer anstrengenden, nächtlichen Zugfahrt morgens aus und ließen die langsam lebendiger werdende Szenerie auf uns wirken.

Tipp: Der Iran verfügt über ein gut ausgebautes Zugnetz, in dem man auch Nachtzüge buchen kann. Es dürfen sogar (verheiratete) Männer und Frauen in einem Abteil schlafen – selbstverständlich nur voll bekleidet. Absolut lohnenswert!

Morgendliche Ankunft: Sonnenaufgang am Bahnhof von Esfahan.

Ein gelungener Schlusspunkt

Mit dem Zug fuhren wir dann auch weiter Richtung Yazd – einer absolut einzigartigen Wüstenstadt. Mit unterirdischen Bewässerungs- und schornsteinartigen Klimasystemen schafften es die Bewohner der Stadt schon vor tausenden Jahren die Wüste bewohnbar zu machen. Für uns war Yazd nicht nur aus diesem Grund ein absolutes Highlight. Über eine nächtliche Hochzeitsgesellschaft, die wir zunächst nur aus der Ferne beobachteten, in die wir dann aber sehr schnell aufgenommen wurden, lernten wir Mahmoud kennen.

Er zeigte uns die Sehenswürdigkeiten der Stadt – unter anderem einen Bestattungstempel der Zoroastrier, einer uralten Religion, die noch heute von einer kleinen Gruppe im Iran praktiziert wird. Auch ein Sonnenuntergang in der Wüste und eine typisch schiitische Gebetszeremonie, bei der sich die Gläubigen mit Eisenketten selbst auspeitschen, um die Leiden ihres Propheten Ali nachempfinden zu können – zum Glück ganz unblutig – standen mit auf dem Programm.

Romantisch: Sonnenuntergang in der Wüste.

Für uns waren die letzten beiden Stationen die perfekten Schlusspunkte einer ereignisreichen Reise, die uns über den Balkan, die Türkei und Georgien in den Iran geführt hatte.

Und als wir im Landeanflug auf Berlin waren, beschlich mich eine leise Unruhe: „Wann geht’s weiter auf dieser Reise?“


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