Reiseberichte » Europa  » Schweden

Nehmt den Teppich mit! …oder warum ich die Kälte lieben lernte


Wintertouren mit Ski und Pulka – eine allgemeine Beschreibung dieser Art des Reisens. Es ist wieder wie jedes Jahr. Die ersten ungemütlich kalten Tage im November lassen mich schaudern. Heimlich mach ich mir eine Wärmflasche für meine desorientiert kalten Füße und umklammere eine heiße Tasse Tee.

Obwohl ich mich das ganze Jahr darauf freue, jetzt habe ich ein mulmiges Gefühl beim Gedanken an die nächste, natürlich längst  geplante Wintertour im hohen Norden. Um mich zu motivieren, lasse ich meine Gedanken schweifen, erinnere mich an unzählige wunderbare Erlebnisse und versuche mich, auf meine prägenden und guten Erfahrungen zu besinnen.

Die vielleicht wichtigste, die sich mit großer Erleichterung jedes Jahr zuverlässig bestätigt ist: Kälte ist gar nicht schlimm!

Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell sich der menschliche Organismus (jedenfalls meiner und der meiner Tourenpartner) an das Draußensein bei ungewohnt niedrigen Temperaturen anpasst.

Dabei spielen offenbar verschiedene Faktoren eine wichtige Rolle:

Man ist eben immer draußen und tritt nicht aus gemütlicher Wohnung oder überheiztem Büro plötzlich auf die nasskalte Straße. Und man ist in Bewegung, bewegt sich fort, meist viele Stunden am Tag. Auch der Schnee muss bewegt werden, mit der Schaufel zur Planierung des Zeltplatzes oder für die windgeschützte Toilette.

Für Ruhephasen ist schnell eine Daunenjackenreserve zur Hand und zur Nacht natürlich ein warmer Schlafsack. Am wichtigsten aber ist neben geeigneter Bekleidung eine entsprechende mentale Voraussetzungen.

Dem Wetter die Stirn bieten ist meine Devise. Ich glaube, das ist so wie mit aggressiven Hunden. Zeigt man sich ängstlich, beißen sie einen in den Hintern. So macht das die Kälte dann auch.

Schnee macht Landschaft zugänglicher!

Läuft man mit Rucksack vielleicht im Herbst auf dem südlichen Kungsleden in Schweden (was ganz wunderbar ist), so muss man sich beispielsweise im Rogen-Nationalpark durch schwieriges Terrain kämpfen. Geröllfelder, Sumpf, weite Umgehungen von Gewässern, und am Abend oft langes Suchen nach einem ebenen trockenen Platz fürs Zelt, in dessen Boden auch die Heringe halten sollten.

Ein halbes Jahr später: Sanfte Konturen statt schroffer Fels, weite, weiße Ebenen statt Sumpf und Wasser und statt Zickzack entspanntes Geradeaus. Ich glaube, auch mein Orthopäde würde das sanfte Dahingleiten – die fließende Bewegung auf Skiern, dem markerschütternden Stolpern über Stock und Stein den Vorzug geben. Der Energieaufwand verteilt sich durch den Einsatz der Stöcke gleichmäßig auf den ganzen Körper.

Und überall lässt sich ein Zeltplatz errichten, die Schneeschaufel ersetzt das Tiefbauamt. Über sonst hartem, schwierigem Grund ist eine himmlische Decke ausgebreitet, weich und anpassbar. Schnell ist für die Küche und als bequemer Einstieg ins Schlafzimmer ein kleiner Keller im Vorzelt ausgehoben und Wasser gibt es sozusagen aus der Wand, man muss es nur auftauen.

Die Sinnlichkeit verschneiter Landschaft

Zweifellos hat jede Jahreszeit ihren Reiz. Das Spezielle am Winter ist seine Reduziertheit. Besonders das offene Fjell bietet dem reizüberfluteten Auge Entspannung und öffnet in seiner Stille die Sinne für besondere Wahrnehmung.

Es ist wie minimalistische Musik. Alles reduziert sich auf Weniges. Das dafür umso intensiver. Klare Linien,  Nuancen des Lichtes über Schneekristall. Weite wird zur magisch anziehenden Kraft.

Was kommt hinterm Horizont? Vielleicht  ist es die Sehnsucht nach Vollkommenheit und Ewigkeit. Durch den Kuss der Schneekönigin verfiel auch Kay in Hans Christian Andersens Märchen der kalten Schönheit bis die Tränen Gerdas sein gefrorenes Herz wieder auftauten. (Ich fürchte, mein Herz ist durch diesen wiederholten Prozess allmählich gefriergetrocknet, aber das klingt nicht besonders romantisch.)

Ein paar praktische Tipps:

Eine Pulka – der Gepäckschlitten ist empfehlenswert. Auf Touren die wesentlich länger als eine Woche geplant sind, wird sonst das Rucksackgewicht zu schwer. Abgesehen von steilen Passagen lässt sich ein Schlitten leichter ziehen als ein schwerer Rucksack tragen. Und dabei spielen ein paar Kilo mehr oder weniger keine Rolle. Man kann also großzügiger packen und unterwegs mehr Komfort genießen. Die relativ teuren Pulks gibt es übrigens auch bei www.camp4.de zu leihen .

Bei Anreise mit Flugzeug gilt die Pulka, auch voll bepackt bis zum Gewichtslimit, nach meiner Erfahrung als normales Gepäckstück wie ein großer Koffer. Dann bleiben noch die Skier als nicht gewichtsbegrenztes Zusatz- bzw. Sportgepäck. Also am besten im Skisack verpackt, dann passen noch andere schwere Sachen mit rein.

Ein kleiner klappbarer Bootswagen, unter den Schlitten gespannt, erleichtert den Gepäcktransfer bei Anreise mit verschiedenen Verkehrsmitteln erheblich.

Anreise- und Tourbeispiele:

Viele „zünftige“ und zugleich relativ nahe liegende  Möglichkeiten für eine kompromisslose Nordlandtour bietet die Hardangervidda in Südnorwegen. Dort hat schon Roald Amundsen für den Südpol trainiert.

Eine preiswerte Anreise gibt es mit Bus über Oslo nach Rjukan am Südrand der Hardangervidda (dort gibt’s eine Seilbahn aufs Fjellniveau). Oder von Oslo mit der legendären Bergenbahn bis Geilo oder Finse am Nordrand. Eine Durchquerung der ebeneren östlichen Vidda von Süd nach Nord oder umgekehrt ist eine tolle Tour und auch für Skianfänger zu meistern.

Eine faszinierende und sehr abwechslungsreiche Landschaft mit vielen bezeichneten Winterrouten gibt es  im mittelschwedischen Jämtland und im angrenzenden Norwegen. Weite Täler mit uraltem Föhrenbestand wechseln sich ab mit kahlen Hochebenen, stattlichen Bergen und Schwedens südlichsten Gletschern.

Die Anreise dorthin ist mit allen Verkehrsmitteln einfach. Aufgrund des Spaß-Ski-Tourismus´ an einigen Orten am Rande dieser Gegend gibt es mehrere Busverbindungen von Stockholm und eine Bahnlinie zwischen den Flughafenstädten Östersund und Trondheim.

Und wer es wirklich wissen will, der fährt oder fliegt ganz in den hohen Norden. Stilvoll mit der Norrland-Bahn von Stockholm nach Abisko oder mit dem Flieger nach Kiruna und weiter mit dem Bus bis Nikkaluokta. Von dort aus auf dem Kungsleden oder einmal rum um den Kebnekaise.

Oder oder oder…

Reisezeit:

Ich empfehle ganz klar: nicht vor Anfang März! Der Winter im Norden dauert lang, wird aber in seiner zweiten Hälfte deutlich tourenfreundlicher. Vor allem sind die Tage länger, die Temperaturen  allmählich etwas milder, das Eis auf den Gewässern ist am sichersten und es liegt genug Schnee. Für einen frühen Zeitraum spricht allerdings die ab Mitte März abnehmende Wahrscheinlichkeit, das faszinierende Schauspiel des Polarlichtes zu erleben.

Übrigens, laut der amerikanischen Luft- und Raumfahrtbehörde  NASA steigt die Intensität der Polarlichter seit 2007 und wird 2012 seit 50 Jahren am stärksten sein. Also Mütze und dicke Socken an und nichts wie hin.

Wetter, Klima, Temperaturen/Bekleidung:

Man muss mit allem rechnen. Von hemdsärmelig unter strahlender Sonne (Sonnencreme nicht vergessen!) bis hin zu Schneesturm, extremen Minusgraden und – pfui Teufel, sogar mit Regen. Habe ich leider im März schon erleben müssen. Dann baut man am besten sein Zelt auf und liest Polarexpeditionsberichte aus Zeiten, als die Welt noch in Ordnung war. Für dieses worst-case-scenario also auch eine Regenjacke ins Gepäck.
Normalerweise liegt die  durchschnittliche Tagestemperatur Mitte März aber so zwischen -10° und -15°. Bekanntlich hat ja der Wind einen wesentlichen Einfluss auf den Wärmehalt. Also außen rum was Wind- oder annähernd Winddichtes, möglichst über den Hintern reichend, mit bestmöglicher, evtl. regulierbarer Dampfdurchlässigkeit (Empfehlung: Bergans Microlight Jkt). Und darunter bloß nicht zuviel dickes Zeug! Nichts ist schlimmer als zu schwitzen. Über die Woolpower-Unterwäsche (das Beste was es gibt auf der Haut!) also nur eine dünne Schicht aus Wolle oder Fleece (ganz wunderbar: R1Pullover von Patagonia).

An den Beinen bewähren sich Skitourenhosen wie die Gamma SK Pant von Arcteryx oder robuste Trekkinghosen wie Lundhags Ahke Pant, ebenfalls über Long Johns von Woolpower getragen.

Mit meinem Schuhwerk –  verschiedenen Lederstiefeln mit und ohne Goretex, war ich jahrelang unzufrieden. Nach spätestens einer Woche waren sie nass, schwer und morgens steif gefroren. Vor allem die selbst produzierte Feuchtigkeit war das Problem. Zu einer so genannten VBL-Socke, einer Plastetüte als Dampfsperre zwischen erster und zweiter Sockenschicht, konnte ich mich wegen des darunter entstehenden anaeroben und übel riechenden Feuchtbiotopes, nicht überwinden.

Die Erlösung für mich heißt „Husky75“ von Lundhags. (bestellt CAMP4 gern für Euch).

Ein Skistiefel für das 75mm NN-System, einfach konstruiert, hoch geschnitten – das macht Gamaschen überflüssig, mit einem  Innenschuh aus Wollfilz. Den kann man rausnehmen und schnell trocknen, in dem man abends eine 500ml Nalgene-Flasche mit heißem Wasser rein steckt. So lassen sich ebenfalls die dicken Wollsocken und Handschuhe im Eilverfahren trocknen. Auch klamme Hände genießen das Hantieren mit der Wärmflasche.

Mit Handschuhen muss wohl jeder seine eigenen Erfahrungen machen. Wichtig ist, mehrere  Paar dabei zu haben, zum Wechseln und Kombinieren bei verschiedenen Temperaturen.

Über den Kopf wird  in großem Umfang die Körpertemperatur reguliert. Also auch hier verschiedene Versionen parat haben. Am liebsten trage ich eine wollene Mütze in der ein Stirnband aus Windstopper eingearbeitet ist. So sind die empfindlichen Ohren geschützt, nach oben aber kann man ungehindert Dampf ablassen. Falls dafür zu kalt, bleibt noch die Kapuze des Anoraks.

Weitere wichtige Accessiores sind Polar-Buff (Schlauchtuch mit Fleece, ersetzt den Schal), Balaklava (Schlauchmütze als Gesichtsschutz bei eisigem Wind) und Sonnen- und Skibrille.

Komfort:

Dank des großzügigen Gepäckschlittens können wir es uns so richtig gut gehen lassen.
Nehmt das große Zelt mit, die dicke Matte UND DEN TEPPICH! Ja, die Doublemat Evazote von Exped – auch Zeltteppich genannt, ist eine leichte dünne 2×1-Meter-Isomatte und gibt dem Wohnzimmer eine angenehme Grundisolation. Und ganz wunderbar, die Trekker Lounge! Macht mit wenigen Handgriffen aus der Matte einen komfortablen Sessel. Daneben, auf dem Couchtisch (Sperrholzbrett selfdesigned) ein Kerzenstumpen, der heiße Tee und die Schale mit Chips. Mit Daunenjacke und den Beinen im Schlafsack – so lässt es sich leben!

Sicherheit:

Es versteht sich, dass die Zuverlässigkeit der Ausrüstung im Winter  besondere Bedeutung hat. Bei den folgenden drei Beispielen ist die Funktionalität elementar.

My tent is my castle! Die Belastungen fürs Zelt sind durch Wind, Schnee und Kälte enorm. Der Aufbau sollte auch unter widrigen Bedingungen beherrschbar sein. Ich fürchte, man kommt unter diesen Aspekten an der Marke Hilleberg nicht vorbei (Tipp für zwei Personen, Keron3).

Da sich im Winter die meisten Lebensmittel außer dem Rum nur in getrocknetem Zustand transportieren lassen, braucht man zu deren Verzehr und zum Verlängern des Rums viel, aus Schnee gewonnenes Wasser. Der Kocher muss also wahre Heldentaten vollbringen und sollte entsprechend liebevoll gewartet sein. Trotzdem verstecke ich immer noch einen Ersatzkocher im Gepäck, denn ein Versagen bedeutet Abbruch der Tour. Mein Tipp: Omnifuel von Primus.

Last but not least, der mollige Schlafsack. Der Ort zum Wohlfühlen und Regenerieren nach den Strapazen. Ein guter Daunenschlafsack bietet den besten Komfort. Ein wasserabweisendes Außenmaterial ist wichtig und natürlich die entsprechende Isolationsleistung. Ein Traum von einem Sack: Puma WS von Western Mountaineering! Durch ein Inlet aus dünnem Fleece (Tipp: Reactor von Sea to Summit) wird es darin noch kuscheliger.

Wann immer möglich, z. b. während des ausgiebigen Frühstückes („natürlich mit Spiegeleiern und Speck“), sollte der Schlafsack überm Gestänge der Pulka gelüftet werden. („Oh Gott, es gibt doch wieder nur Müsli“).

Orientierung:

Bereits zu hause, wo es noch schön warm ist, macht es mir großen Spaß über Landkarten zu streifen. Bevor es dann ernst wird, bestücke ich meinen kleinen Garmin Dakota 20 mit entsprechenden Daten. Natürlich kommen auf die Tour auch  Papierkarte und Kompass mit. Wenn aber schon bestimmte Punkte oder evtl. die geplante Route im Navi gespeichert ist, erleichtert das die Orientierung bei schlechter Sicht erheblich.

Ein GPS-Gerät, im Winter mit Lithium-Batterien betrieben, ist auch unter dem Sicherheitsaspekt zu empfehlen. Notfalls findet man die rettende Hütte oder auch das eigene Zelt. Gerne gebe ich meine Erfahrungen weiter: matthias.mueller@camp4.de


4 Antworten auf Nehmt den Teppich mit! …oder warum ich die Kälte lieben lernte

  1. Hans says:

    Moin Matthias, sehr schöner Artikel, bekommt man richtig Lust auf den Norden.
    Gruß Hans

  2. Micha micha says:

    Hallo Matthias. Das ist wirklich ein sehr schöner Artikel und auch ich habe Lust bekommen, das mal auszuprobieren. Hauptsache, die Kälte beißt mich nicht in den Hintern!

  3. Tobias says:

    Hi Matze, auch wieder ein toller Artikel – ich kann mich meinen Vorschreibern nur anschließen: man bekommt wirklich wahnsinniges Fernweh und große Lust, auf Deinen pfaden zu wandern! LG aus Kiel! Tobi

  4. pia says:

    Hallo! Ein super Artikel :-) Nicht viele leute schaffen es, ihre Tips und Erfahrungen so positiv und unverbissen rüber zu bringen:-) Grüßle

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *