Durch und um Dänemark in der kalten Jahreszeit
Nach einigen Winterausflügen auf den verschneiten Wegen Brandenburgs und den Eispisten des Müritz-Nationalparks kam bei mir der dringliche Wunsch nach Fahrradtouren bei passablem Wetter auf. Diesen Wunsch habe ich dann weitgehend ignoriert und für Anfang März eine Fahrradtour um Dänemark herum geplant. Für die Menschen Norddeutschlands, die Interesse an Bikepacking-Touren haben, ist Dänemark ein ganz hervorragender Startpunkt. Mit dem Zug nach Flensburg relativ gut erreichbar und von dort aus mit Radwegen für jeden Geschmack ausgestattet. Perfekte Asphaltpisten, aber auch schön geschotterte Waldwege und ein überschaubares Maß an Höhenmetern machen die Touren einigermaßen berechenbar.

Unser Plan lief dann darauf hinaus je nach Wetter und Streckenlänge möglichst flexibel zu bleiben, weshalb wir uns gegen Dänemarks Inseln mit ihren vielen zeitlich begrenzten Fährverbindungen entschieden und stattdessen das große Jütland erkunden wollten. Einmal bis nach Skagen, auf dem Heresvegen durch die Mitte Dänemarks. Die Tour haben wir mit einigen abenteuerlichen Offroadpassagen für unseren Geschmack angepasst. Von Skagen aus sollte es die windige Nordseeküste zurück nach Flensburg gehen, wo wir zum Ausklang Freunde treffen und einen Geburtstag feiern wollten, idealerweise in einem nicht völlig desolaten Zustand.
Haupteindruck unserer vergangenen Wintertouren: kalte Füße und Hände sollten so gut wie möglich vermieden werden und das Schlafsetup sollte so warm und bequem gestaltet werden wie es das Packmaß der kleinen Bikepackingtaschen zulässt. Andernfalls ist man nach einer kalten, durchwachten Nacht nicht besonders fit und nagt arg an einer Unterkühlung sobald es wieder los geht.

Dänemarks beeindruckendes Shelter-Netzwerk mit über 1700 Unterständen bietet die platzsparende Möglichkeit das Zelt gleich komplett wegzulassen. Mit der SHELTER-APP können diese auch auf dem Handy betrachtet werden. Hier lässt sich herausfinden, welche von denen unter Umständen reserviert werden müssen, welche Wasser oder WCs haben und so weiter. Sehr, sehr praktisch.
Nach einer schönen Anreise mit den fast leeren Regionalbahnen von Berlin nach Flensburg empfing uns – etwas überraschend – Regen. Schlecht war vor allem, dass sich dieser Regen zeitnah als Graupel und letztendlich als Schnee herausstellte. Dass hielt uns dennoch nicht davon ab für die erste Hälfte unserer Reise den Heresvegen einzuschlagen, einen Wander- und Radweg der durch Dänemarks wilde Mitte hindurchführt. Das erste Shelter finden wir auf einer waldigen Anhöhe über einem See gelegen und mitten in einem Naturpark, indem sich ca. 150 Dammwildtiere versammelt haben. Nachts sind es einstellige Minusgrade und ich bin froh über meinen warmen Versalite-Schlafsack und den heißen Kaffee am morgen.

Die nächsten zwei Tage zeigen eine erstaunlich hügelige Seite von Dänemark, deren Existenz ich vorher stark bezweifelte. Das Wetter ist grau und vor allem sehr kalt und windig, gelegentliche Schauer gibt es gratis dazu. Lieblingswetter würde ich es nennen, Andere möglicherweise nicht. Im Verlauf des Tages tauen auch meine Füße meistens wieder auf, aber der starke Wind und die nassen Straßen und Wege helfen nicht dabei. Die größeren Ortschaften meiden wir weitgehend, denn die klassischen Tourismus-Hotspots reizen uns eher weniger und auch ohne diese ist Jütlands Zentrum sehr fotogen. Die Shelter sind im Februar natürlich noch wunderbar leer, das ändert sich aber im Sommer relativ dramatisch. Generell gilt: Menschen mit Buchung haben Vorrang und alle sind angehalten füreinander Platz zu machen. Das klassisch teutonische Handtuch-auslegen ist hier glücklicherweise geächtet.

Der zweite Tag verlief hügelig und eher trüb mit seltenen Sonnenstrahlen und wir freuen uns am Abend vor allem auf das warme Instant-Essen. Am Folgetag biegen wir, nach einigen etwas zu langweiligen Kilometern auf perfekt ausgebauten Fernradwegen zwischen Viborg und Hobro, nach rechts zur Ostküste ab. Östlich von Aalborg bietet sich den geneigten Radwandernden noch die Möglichkeit durchs Elchsreservat zu fahren. Hierzu sei gesagt, dass es zwar schön ist Elche zu sehen, aber zu nah werden die großen Geweihtiere doch schnell gruselig. Eventuell sollte man hier erst ein Auto durchlassen um nicht mit dem leisen Fahrrad die Elchkuh samt Nachwuchs zu erschrecken und gegen sich aufzubringen.
Das zumindest halbwegs sonnige Wetter ändert sich, sobald wir Richtung Skagen und damit an die Nordostküste kommen. Der Gegenwind wird nun doch relativ heftig und ich bin froh über meine einigermaßen aerodynamischen Bikepacking-Taschen. Wer in der Vergangenheit die Freude hatte mit großen Panniersystemen auf einem windigen Deich zu fahren, kennt die Gefühlslage. Wir fahren einen großen Teil des Tages auf Radwegen, welche erst hinter Frederikshavn auf fantastische Schotter-und Waldwege in Küstennähe führen.

Am beschaulichen Skagen vorbei und zum nördlichsten Punkt Dänemarks geht es dann über sandige und zum Teil strandige Abschnitte. Sehr schön anzusehen, wenn man nicht grade selbst gesandstrahlt wird. Ziemlich genau an der letzten Strandkuppe fängt dann auch der Regen an, der alsbald zu Eisregen wird. Wir müssen die Augen soweit schließen, dass wir sogar die niedlichen Robben erst einen Tag später auf den Kameraaufnahmen sehen werden. Etwas schade. Um unsere tauben Finger und Füße zu feiern nehmen wir uns spontan eine Unterkunft um für den zweiten Teil der Reise einige Sachen zu waschen und zu trocknen. Eine schöne Abwechslung, welche zusätzlich ermöglicht die durch Instant-Essen aufgebrauchten Vitaminreserven mit frischem Essen aufzufüllen und die Fahrräder in Ruhe zu warten und vom Salzwasser zu befreien. Am folgenden Morgen fällt das Aufstehen aus dem bequemen Bett doch etwas schwer, aber die für den Tag geplanten endlosen Schotterpisten entlang der Küste sind ein hinnehmbarer Trost.
Ab Skagen bietet Dänemarks Norden einige der schönsten Schotterpisten und Waldwege die ich bis jetzt befahren durfte. Die Küste des Skagerrak in Richtung Hirthals ist wirklich malerisch. Die Einkaufsmöglichkeiten werden allerdings spärlicher, da die Dänen wohl präferiert an der Nordküste Urlaub machen, aber nicht unbedingt dort wohnen wollen. Eine sehenswerte Ausnahme ist der Folgetag bei „Cold Hawaii“, Dänemarks Surfparadies Klitmøller. Generell scheint die Nordwestküste deutlich steiler zu sein was extrem schick aussieht. Allerdings ist sie auch voll mit alten Bunkeranlagen welche so historisch wie hässlich sind.


Die folgende Tour an der Westküste entpuppt sich als eine unerwartet wilde Jagd auf unsere Fähre, bei der wir uns vor allem dem Gegenwind auf dem exponierten Deich geschlagen geben müssen, während die Fähre höhnisch langsam ablegt. Auch das Wetter zeigt sich von seiner nassesten Seite, was uns zu einer kleinen aufwärmenden Völlerei bei Thyborøn zwingt. Hier esse ich das salzigste Essen meines Lebens und habe danach einen so bemerkenswerten Blutdruck, dass mir auch bis zum Abend nicht mehr kalt wird.
Nach einem letzten wunderschönen Tag auf den waldigen Schotterwegen der Westküste beschließen wir noch ein kleines Stück ins Landesinnere zu fahren, um dann mit dem Zug die letzten Kilometer nach Flensburg rein zu fahren. Dänische Züge sind sauber, haben breite Sitzplätze und kommen in der Regel pünktlich. Dadurch kann man sie gut von den hiesigen Regios unterscheiden. Ironischerweise ist es ein alter deutscher IC.

Zuletzt noch ein paar Worte zum Material für alle die es Interessiert.
Unsere Tour war als Bikepacking-Tour mit leichtem Gepäck (Räder+Gepäck+Wasser ca.19Kg) ausgelegt. Das leichtere und kleinere Gepäck ermöglicht uns vor allem, auch etwas abseitigere Wege zu fahren, ohne dass es uns die Taschen oder Gepäckträger zerrüttet. Konkret haben wir in diesem Fall Rahmentaschen benutzt, jeweils eine Fronttasche am Lenker und in meinem Fall einen Drybag mit Zurrgurten auf einen leichten Gepäckträger geschnallt. Das hilft auch der Windschnittigkeit, was ab einer gewissen Windstärke nicht zu unterschätzen ist.
Auf diese Reise durften mit: der warme Western Mountaineering Versalite + Inlay, unsere heiß geliebte Exped Doppelluftmatte(R5.2), Merinoschlafkleidung, die fantastische Patagonia Micropuff Isojacke und der zuverlässige Soto Windmaster mit Wintergas, welches dringend notwendig war. Eine kleine Kamera, Kopflampen und leichte Powerbanks von Nitecore sind ebenfalls fester Bestandteil, aber eher Luxus als Notwendigkeit Stichwort Luxus: mein Kissen ist halb so groß wie mein Schlafsack. Aber dafür schlafe ich die Nacht durch.

Am wichtigsten waren mir allerdings meine Wasserdichten Sealskinz-Socken mit Merinosocken drunter um trockene Füße zu garantieren. Dadurch war mir eigentlich egal ob mein einziges Paar Schuhe nun grad nass oder trocken war. Mit Fahrradgamaschen hatte ich speziell bei Offroadstrecken und tiefen Pfützen eher schlechte Erfahrungen gemacht.
Mein kleines Materialhighlight: die kleine Ortlieb Ultimate 5L Fronttasche. Eigentlich ein Designklassiker des gelassenen Radwanderns macht sie auch am marketingtechnisch überlegenen Gravelbike eine feine Figur. Wasserdicht und einhändig zu öffnen beherbergt sie meine Kamera, unser Kochsetup für Kaffeepausen und allerlei trocken zu haltene Technik. Sofort abnehmen geht auch, was die Sorgen beim Einkaufen oder Kaffee trinken ein wenig eindämmt.
Fazit: Wer ein paar Erfahrungen mit längeren Radtouren sammeln will oder seine Bikepacking Ausrüstung unter erschwerten Bedingungen mit einem gewissen Sicherheitsnetz testen will, kann in Dänemark eine erstaunlich abwechslungsreiche und vor allem schöne Landschaft erleben. Pittoresk gar, und voll mit netten Leuten und Tieren.
















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