Chulu far East 6069 m – Mein Weg abseits der bekannten Routen
Ein persönlicher Expeditionsbericht aus der Annapurna-Region, Nepal

Als nepalesischer Bergführer habe ich schon viele Gipfel gesehen. Doch es gibt Berge, die einen immer wieder aufs Neue herausfordern. Der Chulu Ost ist so einer. Tief in der Annapurna-Region gelegen, abseits der bekannten Wege, bietet dieser Gipfel eine ganz eigene Art von Abenteuer. Nicht der höchste, nicht der berühmteste – aber definitiv einer der eindrucksvollsten.


Chulu far East 6069 m


Wiedersehen mit einem Unbekannten

Ich bin den Chulu Ost nicht zum ersten Mal gegangen. Und doch: Jedes Mal ist es anders. Der Berg bleibt nicht stehen – und auch ich bin nicht derselbe. Was mich diesmal besonders gereizt hat? Die Stille. Die Abgeschiedenheit. Und der Wunsch, mich fernab der bekannten Pfade neu zu spüren.

Start der Tour: Durch das Nar-Phu-Tal zum Kang La Pass

Unsere Expedition beginnt in Besisahar, dem klassischen Einstiegspunkt für den Nar-Phu-Trek. Die Route führt durch entlegene Dörfer und über den spektakulären Kang La Pass – eine wilde, wunderschöne Traverse durch das Herz der Region.


Ngawal dorf im Nar-Phu-Tal zum Kang La Pass


Ein erster längerer Stopp: Ngawal. Das auf einem Hügel gelegene Dorf gehört zu den ältesten der Region. Von hier aus bietet sich ein atemberaubender Blick auf die Annapurna-Kette. Kulturell beeindruckt das Dorf durch das große Gompa und die Ne Guru Höhle – ein spiritueller Ort, der tief in die Geschichte der Region verwurzelt ist.


Yak Kharka ca. 4200m : Basis für die Herausforderung


Yak Kharka ca. 4200m – Basis für die Herausforderung

Weiter geht’s nach Yak Kharka, ein idyllischer Ort in rauer Umgebung. Hier schlagen wir unser Lager direkt am Fluss auf. Tagsüber trainieren wir, abends wärmen uns heiße Suppen und Gespräche am Feuer. Die Nächte sind kalt, die Stimmung ruhig, fokussiert. Wir wissen: Ab morgen wird’s ernst.


weg zum nächsten camp chulu far east


Basecamp 4600m und High Camp ca. 5400m – das Dach kommt näher

Am nächsten Tag steigen wir ins Basecamp auf. Der Weg ist steil, die Höhe macht sich langsam bemerkbar. Doch die Aussicht auf Manaslu, Annapurna und Gangapurna entschädigt für jede Anstrengung.

Nach einer Nacht im Basecamp geht es weiter zum High Camp. Hier zählt jeder Schritt doppelt. Die dünne Luft, die Anspannung vor dem Gipfeltag – alles wird intensiver. Die Landschaft wird karger, der Berg wilder.


blick auf annapurna himalaya nepal


Gipfeltag: -20 Grad und endlose Motivation

Gegen drei Uhr morgens starten wir. Der Schnee ist tief, die Spurarbeit mühsam. Es gibt keine festen Routen – wir kämpfen uns selbst durch. Die Temperaturen liegen bei -20 °C, der Wind bläst scharf über die Grate. Doch wir bleiben dran. Schritt für Schritt, Seillänge für Seillänge.

Dann endlich: der Gipfel. 6059 Meter. Stille. Einsamkeit. Und das unglaubliche Gefühl, als erste Seilschaft der Saison dort zu stehen.

Abstieg und Rückkehr

Der Abstieg zurück ins Basecamp ist lang, aber emotional. Zurück in Kathmandu blicken wir auf eine Tour zurück, die mehr war als eine Expedition – sie war ein Erlebnis mit Tiefgang. Nicht nur körperlich fordernd, sondern auch seelisch bereichernd.


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Was viele nicht wissen: Eine Reise mit Zelt, Kocher und Camping ist heute ein echtes Luxusprodukt. Sie kann nicht nur komfortabler sein als ein Lodge-Trek, sondern ist oft auch deutlich teurer. Vor 20 Jahren war so ein Camping-Trek im Himalaya ganz normal – inzwischen ist er jedoch aufwendig und kostenintensiv geworden.

Auch bei unserer Expedition war das spürbar: Von insgesamt rund 18 Trekkingtagen haben wir nur 4 Tage im Zelt verbracht – die restlichen 14 Tage bis zum Basislager übernachteten wir in Lodges. Denn ein echter Camping-Trek bedeutet deutlich mehr Aufwand: Man reist nicht nur mit Guide und Trägern, sondern auch mit einem Koch, der die Mahlzeiten plant, frische Zutaten einkauft – entweder vor Beginn oder unterwegs – und im Zelt traditionelle nepalesische Gerichte serviert.

Selbst bei minus 20 Grad, Wind und Schnee wird ein heißes Dal Bhat oder eine dampfende Suppe direkt ins Zelt gebracht. Für mich ist das ein Erlebnis von besonderer Qualität: Mitten im Sturm und in der Kälte ein frisch gekochtes, nepalesisches Essen im Zelt zu genießen – das ist einfach unvergesslich.


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Fazit: Warum Chulu Far East?

Wenn du nach einem echten Bergabenteuer in Nepal suchst, jenseits der überlaufenen Achttausender und bekannten Trekkingtouren, dann ist Chulu Far East eine klare Empfehlung. Technisch fordernd, landschaftlich spektakulär, kulturell tief verwurzelt.

Als Nepali, der viele dieser Berge kennt, kann ich sagen: Jeder Aufstieg bringt etwas Neues. Nicht nur von außen – auch von mir selbst. Genau deshalb gehe ich immer wieder los.

Tour-Infos auf einen Blick:

• Region: Annapurna, Nord-Nepal

• Route: Besisahar – Nar/Phu – Kang La Pass – Ngawal – Yak Kharka – Chulu Far East

• Höchster Punkt: ca. 6059 m

• Schwierigkeit: Anspruchsvoll (technisches Know-how, gute Kondition und Erfahrung erforderlich)

• Beste Zeit: Frühjahr & Herbst (April–Mai / Oktober–November)

• Besonderheit: Wenig begangene Route, spektakuläre Ausblicke, echte Einsamkeit.


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