{"id":2214,"date":"2012-01-04T19:35:31","date_gmt":"2012-01-04T17:35:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.camp4.de\/blog\/?p=2214"},"modified":"2024-06-26T15:32:07","modified_gmt":"2024-06-26T13:32:07","slug":"mut-zur-lucke-13-km-unbekanntes-gewasser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.camp4.de\/blog\/reiseberichte\/mut-zur-lucke-13-km-unbekanntes-gewasser\/","title":{"rendered":"Mut zur L\u00fccke &#8211; 13 km unbekanntes Gew\u00e4sser"},"content":{"rendered":"<p><strong>Meine Tour<\/strong><br \/>\nL\u00fccken m\u00fcssen geschlossen werden. Zahnl\u00fccken, Finanzierungsl\u00fccken, Bildungsl\u00fccken \u2013 alle schreien danach, beseitigt zu werden. L\u00fccken sind h\u00e4sslich, gef\u00e4hrlich, peinlich. Daher der nat\u00fcrliche Drang zum L\u00fcckenschluss.<!--more--> Im S\u00fcden Frankreichs, im Zentralmassive der Auvergne, in der Schlucht des Allier klafft eine L\u00fccke von 13 km L\u00e4nge. In den \u00fcblichen Flussbeschreibungen (DKV-F\u00fchrer) findet sich nur der Hinweis: Zwischen Alleyras und Monistrol ist der Allier auf einer L\u00e4nge von 13 km gesperrt. Begr\u00fcndung: keine. Kommentarlos.<\/p>\n<p><strong>Warum eine L\u00fccke?<\/strong><br \/>\nEs gibt Leute, die suchen nach L\u00fccken. Ich z. B. bin ein begeisterter L\u00fcckenf\u00fcller. Fl\u00fcsse k\u00f6nnen von der Natur ihrer Sache keine L\u00fccken haben. Und doch gibt es sie, n\u00e4mlich dann, wenn es um ihre Befahrung geht. Und da\u00a0 beginnt der Lockruf des Unbekannten. Vorteil: Jede Flussbiegung verspricht neue \u00dcberraschungen. Nachteil: Jede Flussbiegung verspricht neue \u00dcberraschungen. Vor dem eigentlichen Schluchtabschnitt ist ein kleiner Staudamm. Ist damit der schwierige Zugang gemeint? Erkl\u00e4rt dies den Wassermangel flussab? Ist der Aufstau die\u00a0 Fischereireserve? Wenn oberhalb und unterhalb des Schluchtabschnittes ausreichend Wasser vorhanden ist, wie soll dann in der Schlucht Wassermangel herrschen? Und Lachszucht in einem Stausee, wo gibt es denn so was?<\/p>\n<p><strong>Was Sie schon immer \u00fcber Frankreichs L\u00fccken wissen wollten&#8230;<\/strong><br \/>\n<strong>Wegen 13 km gesperrtem Fluss nach S\u00fcdfrankreich fahren, ist das nicht ziemlich bekloppt?<\/strong><br \/>\nMoment, bevor man eine L\u00fccke schlie\u00dfen kann, muss man auch seine zwei Teile haben. Den Allier oberhalb (bis Alleyras), kenne ich von einer Tour vor Jahren. Der Allier war damals noch nicht im Internet angekommen und wir mitten im jugendlichen Leichtsinn. Mit sp\u00e4rlichen Infos (statt Schwimmweste und Helm) ausger\u00fcstet ging es im \u201eDreier\u201c Stil (zu Fu\u00df vor,\u00a0 zu Fu\u00df zur\u00fcck, im Boot runter) stromab. Bilanz: satte 50 km in 6 Tage.<br \/>\nDen Allier unterhalb (ab Monistrol), in seinen Schwierigkeiten ausreichend beschrieben und auch von\u00a0 uns vorab studiert, nehmen wir uns jetzt in 2 Tagen vor. Auf 23 km erwartet uns Wildwasser bis knapp zum 4. Grad &#8211; und das bei sommerlichen 35 Grad. Das Gep\u00e4ck ist im Schlauchkanadier verzurrt, Helm und Schwimmweste sitzen, einige kommerzielle Rafts zeigen die Linie. So macht Wildwasser Spa\u00df. Vorne Vollwaschgang, hinten Schonprogramm. Eine Mischung aus Aufregung und Genuss, \u00e4hnlich einer ganz anderen Sache.<br \/>\nVor der Trib\u00fcne der Felsw\u00e4nde zelten wir auf einem Fu\u00dfballfeld aus quietschgelben Ginsterb\u00fcschen, rotbraunem Grass und verstreuten Tannen. Ein M\u00e4rchenwald mit allem was dazugeh\u00f6rt: mit W\u00f6lfen (Quadfahrer), Hexen (Dornengestr\u00fcpp) und Rehkitzen (echte).<br \/>\nDie Schwierigkeiten nehmen am folgenden Tag weiter ab. Einige Dreierstellen und viel Zahmwasser. Wir lassen uns treiben und machen lange Pausen im wilden Mohnfeld. Die felsige Monistrolschlucht geht langsam in die offene H\u00fcgellandschaft der Auvergne \u00fcber.\u00a0 Mittelalterliche Feldsteinarchitektur bestimmt das Bild der H\u00f6fe, Kirchen und Br\u00fccken.<br \/>\nLangeac kommt schneller als erwartet. Hier beginnt die klassische Wanderstrecke des Allier. Das Flair (und die Temperatur) einer mediterranen Kleinstadt empfangen uns.<\/p>\n<p><strong>Ihr seid zuerst unterhalb des \u201einteressanten\u201c St\u00fcckes gepaddelt? Das wird ja immer widersinniger.<\/strong><br \/>\n\u00dcberhaupt nicht, am Abend geht n\u00e4mlich ein Zug flussaufw\u00e4rts, zur\u00fcck nach Monistrol und dar\u00fcber hinaus. Immer mehr oder weniger in Flussn\u00e4he\u2026.<br \/>\nWir passieren Monistrol. Die Augen bis zum Haaransatz aufgerissen (das ist bei mir mittlerweile besonders weit), saugen wir jedes Detail in uns auf. Eine spektakul\u00e4re windungsreiche Schlucht! Sonst nichts. Senkrechte Felsw\u00e4nde- und- Zahmwasser. Zumindest dort wo wir einsehen k\u00f6nnen.<br \/>\nEs wird dunkel. Der Allier macht einige Kilometer eine Schleife, die Bahn geht durch\u00a0 Tunnel. Schwarze Ungewissheit. Wir erhaschen den n\u00e4chsten Blick. Der Wasserstand ist tats\u00e4chlich so niedrig, dass eventuelle Stromstellen eher m\u00fchselig und anstrengend als gef\u00e4hrlich werden k\u00f6nnen. Trotzdem, Umtragen ist ausgeschlossen, ein Abbruch ebenso, soviel steht fest. Meine Phantasie erfindet trockene Wasserf\u00e4lle, Untersp\u00fclungen und Siphone. Katja denkt an das Befahrungsverbot und bangt um ihr F\u00fchrungszeugnis. Jeder hat da so seine Sorgen.<br \/>\nDie Stelle des Damms passieren wir unsichtbar im Tunnel. Kurz danach laufen wir am Bahnsteig ein.<br \/>\nEntscheiden! Jetzt! Der Schaffner unterst\u00fctz uns: \u201eAlleyras!\u201c Bis dahin haben wir n\u00e4mlich nur gel\u00f6st. Wir wuchten das Gep\u00e4ck auf den Bahnsteig. Alleyras ist heute wohl nicht so gefragt. Jedenfalls steigt niemand mit uns aus.<\/p>\n<p><strong>Habt ihr versucht, mit Locals zu sprechen?<\/strong><br \/>\nMit einem \u00e4lteren Raftguide suchen wir ein Gespr\u00e4ch. Und bekommen es nicht. Mit &#8222;Forbidden\u201d, \u201cVery dangerous\u201d und \u201cmaximum waterlevel\u201d w\u00fcrgt er uns kurzerhand ab. Nun gut, so wie er \u00fcber die anderen (bekannten) Abschnitte des Allier debattiert, ist diese \u201eInfo\u201c nicht viel wert.<br \/>\nEin anderer Guide (k\u00f6nnte der Sohn sein) war\u00a0 da schon kommunikativer. Wir plauderen \u00fcber die bekannten Abschnitte.\u00a0 Vom aktuellen Wasserstand abgesehen (aus Opas \u201eMaximum\u201c wurde \u00fcbrigens \u201eMedium\u201c), interessierte uns das alles nat\u00fcrlich nicht. Es ist nur ein Test.\u00a0 Er ergibt realistische Auskunft.<br \/>\nSo, jetzt langsam zur L\u00fccke \u00fcberleiten. Ausgiebig \u00fcber die Abschnitte unmittelbar oberhalb und unterhalb fachsimpeln. Die Frage nach dem Zwischenst\u00fcck dr\u00e4ngt sich von alleine auf.<br \/>\n\u201cUnfortunately, this section is not allowed. And there is a dam\u201d kommt er auf den Abschnitt zu sprechen.<br \/>\nIch bohre weiter: \u201cHowever, have you ever done it though?<br \/>\nOhne Verz\u00f6gerung: \u201cNever, but I hope one final day we will be allowed to do so.\u201d<br \/>\nKlar, selbst wenn er gefahren ist, kann er das so nicht sagen. Es k\u00f6nnte seinen Job kosten. Na gut, wir m\u00fcssen ihm nat\u00fcrlich einen Ausweich lassen: \u201eAnyway, what is the canyon like? Have you WALKED the section?\u201d<br \/>\n\u201cYeah, actually, it seems not too difficult. It should be fine.\u201d gibt er gelassen zu.<br \/>\nNa bitte, auch wenn insgesamt etwas der Eindruck vom \u201ccoolen Untertreiber\u201c bleibt, das macht doch Mut!<\/p>\n<p><strong>Nun aber, seid ihr es gefahren oder nicht?<\/strong><br \/>\nEhrlich gesagt, uns ging erstmal die Muffe. Un\u00fcbersehbar das gelbe Warnschild. In verst\u00e4ndlichem Franz\u00f6sisch steht etwas von restriction, stictement, interdit \u2026 Noch deutlicher: die schlichten 6 Buchstaben in Englisch: DANGER! Und schlie\u00dflich, v\u00f6llig idiotensicher, wie das Verbot von Rollschuhen, Eis und Hunden im Kaufhaus, der im Kreis durchgestrichenen Kanute.<br \/>\nDoch\u00a0 die Logik sagt: geringer Wasserstand, ein Guide der von geringen Schwierigkeiten spricht, besichtigte Passagen von der Bahn aus. Wir beschlie\u00dfen einzusetzen, au\u00dfer Sichtweite des Dorfes zu paddeln und dort zu \u00fcbernachten. Eine \u201eschilderfreie\u201c Einsatzstelle ist schnell gefunden.<br \/>\nIn der\u00a0 Zeitspanne einer Teepause ist die Ausr\u00fcstung zum Wasser getragen, das Boot aufgebaut, das Gep\u00e4ck hineingeworfen. Alles ohne gro\u00dfes Aufsehen. Mit dem Lospaddeln hat jeder f\u00fcr sich seinen Entschluss \u00fcber den n\u00e4chsten Tag gefasst\u00a0 &#8211; und beh\u00e4lt diesen auch weiter schweigend f\u00fcr sich.<br \/>\nSp\u00e4ter im Zelt, w\u00e4hrend die Nudeln k\u00f6cheln, schreiben wir unseren Entschluss jeweils auf die Innenseite der Buchdeckel. Dazwischen liegt ein Krimi. So oder so. Nach dem Schokocreme wird aufgel\u00f6st.<br \/>\nKatja: \u201eWir paddeln bis zum Ende des Stausee und sehen dort weiter.\u201c<br \/>\nSven: \u201eWir paddeln bis zum Ende des Stausee und sehen dort weiter.\u201c<br \/>\nJeder denkt: wahrscheinlich werden wir ohnehin vom Staumeister zur\u00fcckgeschickt. Dass ich am n\u00e4chsten Morgen kein Kaffee brauche, sp\u00fcre ich schon am Abend. Das Herz schl\u00e4gt bis zum Adamsapfel. So ist das eben beim ersten Mal.<br \/>\nAn einer nat\u00fcrlichen Engstelle von der Breite einer zweispurigen Autobahn, ist die Staumauer. Hineingerammt wie der Keil in eine Toreinfahrt. Fest steht, die Stauanlage ist nur vom Wasser aus erreichbar. Von einer dienstlichen Besetzung ist jedoch keine Spur. An der Absperrung vorbei, spazieren wir \u00fcber die Staumauer, und das sind doch noch 3 senkrechte Stockwerke \u00fcber dem Schluchtgrund, h\u00f6her als erwartet.<br \/>\nKatja (sagt): \u201eF\u00fcr mich sieht das unl\u00f6sbar aus\u201c Sven (denkt): \u201aSie hat recht\u2019, sagt dann aber doch lieber: \u201eWie kommst du jetzt darauf?\u201c Und tats\u00e4chlich, am linken Rand entdecken wir eine schmale Treppe.<\/p>\n<p><strong>Also doch! Und was erwartete euch nun dort? Hat sich die Aufregung gelohnt?<\/strong><br \/>\nIn einer Hauruckaktion wird das Boot zusammengefaltet, an der Absperrung (eine simple Hakenkette) vorbei, die Treppe runter. Boot wieder aufgepumpt und ab in die Schlucht hinein.<br \/>\nAus einem Rohr vom Durchmesser eines Traktorreifens, schie\u00dfen ca. zwei Kubikmeter Wasser\u00a0 pro Sekunde. F\u00fcr die Dimension der Schlucht ist das aber nur ein Tropfen.<br \/>\nKurz vor dem Losfahren, drehe ich mich noch einmal um und entdecke das bekannte gelbe Schild mit dem durchgestrichenen Kanuten. Ich erw\u00e4hne es nicht und schaue das Rinnsal vor mir an. Was soll passieren. Eine gigantische, unber\u00fchrte, einsame Schlucht erwartet uns. Und am Ende, in Monistrol, erwartet uns das Auto.\u00a0 Jeder findet da seine eigene Motivation.<br \/>\nEs sind 40 Grad Celsius hier unten. Ich schwitze wie ein B\u00e4r. Zieh mir dann aber doch erstmal den Neoprenanzug an. Und der ist auch sehr n\u00fctzlich. Mehr als einmal springen wir aus dem Boot und treideln. Nat\u00fcrlich ist das Wasser nicht bedrohlich kalt. Verliert man den Halt ist so ein Anzug aber auch als Schutz vor Schrammen und Prellungen ganz praktisch. Trotzdem, auch mit mehr Wasser d\u00fcrfte der 3. Grad nicht \u00fcberschritten werden, von \u201eDANGER\u201c kann keine Rede sein. Das Befahrungsverbot bleibt ein R\u00e4tsel.<br \/>\nEs \u00fcberwiegen die Zahmwasserpassagen. In den Windungen des Flusses entstehen klasse Badepools. Ein Seitenbach bildet einen glatten, senkrechten Wasserfall. Felsformationen regen die Fantasie an und werfen tiefe Schatten. Den Kopf im Nacken gleiten wir staunend vorbei.<br \/>\nAll das ist nat\u00fcrlich auch sehr fotogen. Zumindest f\u00fcr Digitalkameras mit ausreichend Akku. Die verbotene Schlucht beh\u00e4lt die Bilder ihres spektakul\u00e4rsten Abschnittes f\u00fcr sich. Gut so.<br \/>\nAuch ohne den Rausch des Erkundungsabenteuers: Der Abschnitt oberhalb von Monistrol ist der sch\u00f6nste der gesamten Allierschlucht. Ok, der Zugang ist nicht sch\u00f6n (Staumauer), der Wasserstand d\u00fcrftig, doch die Felsformationen, die Einsamkeit sind eine Klasse f\u00fcr sich.<br \/>\nDas Wasser bleibt ruhig, die Schlucht \u00f6ffnet sich, die ersten H\u00e4user kommen in Sicht. Katja bereitet sich mit komplizierten Geschichten auf den Notfall vor.<br \/>\nWir biegen im Ort um die Ecke und am Ufer empfangen uns tats\u00e4chlich drei Personen in Gr\u00fcn. So ein Mist.<br \/>\nDas hat nat\u00fcrlich gar nichts zu sagen, in Frankreich tr\u00e4gt die Gendarmerie n\u00e4mlich Blau. F\u00fchrungszeugnis gerettet.<\/p>\n\n\t\t<style>\n\t\t\t#gallery-1 {\n\t\t\t\tmargin: auto;\n\t\t\t}\n\t\t\t#gallery-1 .gallery-item {\n\t\t\t\tfloat: left;\n\t\t\t\tmargin-top: 10px;\n\t\t\t\ttext-align: center;\n\t\t\t\twidth: 20%;\n\t\t\t}\n\t\t\t#gallery-1 img {\n\t\t\t\tborder: 2px solid #cfcfcf;\n\t\t\t}\n\t\t\t#gallery-1 .gallery-caption {\n\t\t\t\tmargin-left: 0;\n\t\t\t}\n\t\t\t\/* see gallery_shortcode() in wp-includes\/media.php *\/\n\t\t<\/style>\n\t\t<div id='gallery-1' class='gallery galleryid-2214 gallery-columns-5 gallery-size-full'><dl class='gallery-item'>\n\t\t\t<dt class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a data-rel=\"iLightbox[postimages]\" data-title=\"frankreichsven1\" data-caption=\"\" href='https:\/\/www.camp4.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/frankreichsven1.jpg'><img decoding=\"async\" width=\"450\" height=\"450\" src=\"https:\/\/www.camp4.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/frankreichsven1.jpg\" class=\"attachment-full size-full lazyload\" 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