{"id":21704,"date":"2023-08-31T17:35:46","date_gmt":"2023-08-31T15:35:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.camp4.de\/blog\/?p=21704"},"modified":"2024-06-17T09:56:55","modified_gmt":"2024-06-17T07:56:55","slug":"pfas-in-regenjacken-fluch-und-segen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.camp4.de\/blog\/produkte\/pfas-in-regenjacken-fluch-und-segen\/","title":{"rendered":"PFAS in Regenjacken &#8211; Fluch und Segen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">PFAS bzw. PFCS waren wohl noch nie medial so pr\u00e4sent, wie jetzt. W\u00e4hrend sich die Politiker*innen zu einem PFAs-Verbot beraten, wollen wir uns diese Stoffgruppe einmal genauer anschauen.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\"><strong>Was sind PFAS?<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>PFAS<\/strong> steht f\u00fcr <strong>P<\/strong>er- bzw. <strong>P<\/strong>olyfluor<strong>a<\/strong>lkyl<strong>s<\/strong>ubtrate und bezeichnet die gleiche Stoffgruppe wie auch <strong>PFCS<\/strong> bei denen das <strong>C<\/strong> f\u00fcr <strong>C<\/strong>arbonyl also dem Element Kohlenstoff steht. Es handelt sich demnach um nicht nur eine Chemikalie, sondern eine ganze Stoffgruppe mit mehreren tausend Vertretern. Poly- bzw. Perfluoriert bedeutet, dass die Wasserstoffe, die in \u201enormalen\u201c organischen Molek\u00fclen an die Kohlenstoffe gebunden sind, nun durch Fluoride ersetzt wurden. Demnach geh\u00f6rt ein Stoff zu den PFAS, wenn ein Kohlenstoff des Kohlenstoffger\u00fcsts vollst\u00e4ndig durch Fluoridatome substituiert wurde.[1] Um das besser zu erstehen, hier ein kleines Beispiel: Aceton, der klassische Nagellackentferner, kann auch als perfluorierte Variante synthetisiert werden, dem Hexafluoraceton. Hier werden die Wasserstoffe durch Fluor ausgetauscht. (Abb. 1)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"https:\/\/www.camp4.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/chem1.jpg\" rel=\"attachment wp-att-21705\"><img decoding=\"async\" class=\"lazyload alignnone size-full wp-image-21705\" src=\"https:\/\/www.camp4.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/chem1.jpg\" data-orig-src=\"https:\/\/www.camp4.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/chem1.jpg\" alt=\"chem1\" width=\"900\" height=\"275\" srcset=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns%3D%27http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg%27%20width%3D%27900%27%20height%3D%27275%27%20viewBox%3D%270%200%20900%20275%27%3E%3Crect%20width%3D%27900%27%20height%3D%27275%27%20fill-opacity%3D%220%22%2F%3E%3C%2Fsvg%3E\" data-srcset=\"https:\/\/www.camp4.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/chem1-210x64.jpg 210w, https:\/\/www.camp4.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/chem1-768x235.jpg 768w, https:\/\/www.camp4.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/chem1.jpg 900w\" data-sizes=\"auto\" data-orig-sizes=\"(max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><br \/>\n<\/a>Ein anderes Beispiel f\u00fcr ein PFAS ist das Polyfluorethylen (PTFE) (Abb. 2) welches in Membranen wie Gore-Tex aber auch Beschichtungen wie Teflon zum Einsatz kommt.[2]<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><img decoding=\"async\" class=\"lazyload alignnone size-full wp-image-21711\" src=\"https:\/\/www.camp4.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/chem2.jpg\" data-orig-src=\"https:\/\/www.camp4.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/chem2.jpg\" alt=\"chem2\" width=\"900\" height=\"275\" srcset=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns%3D%27http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg%27%20width%3D%27900%27%20height%3D%27275%27%20viewBox%3D%270%200%20900%20275%27%3E%3Crect%20width%3D%27900%27%20height%3D%27275%27%20fill-opacity%3D%220%22%2F%3E%3C%2Fsvg%3E\" data-srcset=\"https:\/\/www.camp4.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/chem2-210x64.jpg 210w, https:\/\/www.camp4.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/chem2-768x235.jpg 768w, https:\/\/www.camp4.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/chem2.jpg 900w\" data-sizes=\"auto\" data-orig-sizes=\"(max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><br \/>\nDie Kohlenstoff-Fluor-Bindung hat in der Chemie einen besonderen Stellenwert. Die Bindung zwischen ihnen ist n\u00e4mlich so stark, man k\u00f6nnte sie als vorzeige Ehe der chemischen Bindungen bezeichnen. Demnach interessieren sie sich nicht f\u00fcr andere Molek\u00fcle und gehen auch keine Reaktionen mit ihnen ein. Somit kann man in einer Teflon Pfanne ohne ein Anbrennen fettfrei braten und auch die Regenjacke ist fl\u00fcssigem Wasser gegen\u00fcber dicht, aber ebenso atmungsaktiv und \u00f6labweisend. Das konnte bisher noch keine \u201eFluorfreie\u201c Membran in diesem Ma\u00dfe bewerkstelligen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.camp4.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/wasser.jpg\" rel=\"attachment wp-att-21706\"><img decoding=\"async\" class=\"lazyload alignnone size-full wp-image-21706\" src=\"https:\/\/www.camp4.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/wasser.jpg\" data-orig-src=\"https:\/\/www.camp4.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/wasser.jpg\" alt=\"wasser\" width=\"900\" height=\"598\" srcset=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns%3D%27http%3A%2F%2Fwww.w3.org%2F2000%2Fsvg%27%20width%3D%27900%27%20height%3D%27598%27%20viewBox%3D%270%200%20900%20598%27%3E%3Crect%20width%3D%27900%27%20height%3D%27598%27%20fill-opacity%3D%220%22%2F%3E%3C%2Fsvg%3E\" data-srcset=\"https:\/\/www.camp4.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/wasser-210x140.jpg 210w, https:\/\/www.camp4.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/wasser-768x510.jpg 768w, https:\/\/www.camp4.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/wasser.jpg 900w\" data-sizes=\"auto\" data-orig-sizes=\"(max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">PFAS finden zudem nicht nur Verwendung in Pfannen oder Jacken, sondern sind fast \u00fcberall vorzufinden und in vielen Bereichen auch schwer wieder wegzudenken. Beispielsweise werden viele Medikamente mit sogenannten perfluorierten\u00a0 Trifluormethylgruppen (-CF3 Gruppen) synthetisiert. Das PFAS-Derivat hat im Vergleich zum nicht fluorierten Medikament eine erh\u00f6hte Lipophilit\u00e4t, wodurch es besser vom K\u00f6rper aufgenommen werden kann. Dadurch wird weniger Wirkstoff ben\u00f6tigt, um die gleiche Wirkung zu erzielen. In diesen Konzentrationen werden sie dann, stabil und unreaktiv, wie sie sind, einfach wieder ausgeschieden.[1]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\"><strong>Sch\u00f6n und gut, aber warum die Diskussionen um ein PFAS-Verbot?<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\">Nur wird uns diese chemische und thermische Stabilit\u00e4t zum Verh\u00e4ngnis, wenn PFAS in die Umwelt gelangen. Weder Bakterien noch Wasser, Licht, Hitze oder Luft k\u00f6nnen PFAS etwas anhaben. Dort reichern sie sich \u00fcber den weltweiten Wasserkreislauf entlang der Nahrungskette nachweislich an und manche stehen bei gr\u00f6\u00dferen Expositionen in Verdacht, Krebserregend zu sein. Im menschlichen K\u00f6rper k\u00f6nnen manche PFAS an Proteine im Blut, Niere und Leber binden. Manche k\u00f6nnen sich im K\u00f6rper anreichern, da sie sehr sp\u00e4t ausgeschieden werden. Erh\u00f6hte Konzentration im Blut k\u00f6nnen Wirkungen von Impfungen mindern, zu erh\u00f6hten Cholesterinwerten f\u00fchren und die Neigung zu Infekten erh\u00f6hen. Hier spricht man allerdings von Konzentrationen, die man als normale*r Verbraucher*in in der Regel nicht erreicht.[3] Nichtsdestotrotz reichern sie sich weiter an und der\/die umweltbewusste Bergfreund*in w\u00fcrde wohl lieber auf PFAS in der Jacke verzichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Hierf\u00fcr gibt es Alternativen:<\/strong> Zum Beispiel setzten mittlerweile alle unsere gef\u00fchrten Regenjacken Hersteller auf Polyurethane (PU), wenn keine Gore-Tex Membran verbaut ist. Dementsprechend kommt die Dermizax Membran aus dem Hause Bergans, H2No von Patagonia, Pertex von Rab und noch viele mehr ohne sch\u00e4dliche PFAS aus. Die in den Jacken verbauten PUs sind immerhin mehr oder weniger gut \u00f6kologisch abbaubar.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Aber<\/strong> PU ist ebenso ein Stoff, der aus gef\u00e4hrlichen und toxischen Chemikalien hergestellt wird, wie zum Beispiel Phosgen oder elementarem Chlorgas. Ich tue mich deshalb schwer, PU als \u00f6kologisch unbedenklich oder gar umweltfreundliche Alternative zu beschreiben. Ebenso entstehen die gr\u00f6\u00dften Expositionen von PFAS nicht beim Tragen oder der Verwendung der Produkte, sondern w\u00e4hrend der Herstellung. Meist ben\u00f6tigt man eben zur Synthese von derart chemisch und thermisch stabilen Produkten harsche, sehr reaktive Chemikalien. Und das sowohl bei PU, als auch bei den PFAS.[3,4]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: left;\"><strong>Aber was soll ich denn nun kaufen?<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\">Nun, zun\u00e4chst sollte man sich fragen, wof\u00fcr man die Regenjacke denn eigentlich verwenden m\u00f6chte: gelegentlich f\u00fcr den kurzen Weg von der UBahn nachhause; bei der Alpen\u00fcberquerung mit schwerem Rucksack; oder doch f\u00fcr die n\u00e4chste Hochtour auf dem Gletscher? Bei ersterem, gelegentlichem Einsatz, ohne bei N\u00e4sse Erfrierungen Gefahr zu laufen, tut es oft auch ein gewachstes Baumwollmischgewebe (1\/3 Baumwolle; 2\/3 Polyester). Diese gelten zwar nicht als regendicht, aber ein normaler Mensch wird im Alltag kaum einen Unterschied merken. Wenn man viel mit Rucksack in zum Beispiel den Bergen oder auf dem Rad unterwegs ist, w\u00fcrde ich eine Jacke mit einer PU-Membran w\u00e4hlen. Diese haben zwar eine etwas verringerte Atmungsaktivit\u00e4t und Wassers\u00e4ule, werden aber durch die Unterarmbel\u00fcftungen \u201eertr\u00e4glicher\u201c. Eine perfluorierte Membran w\u00fcrde ich nur empfehlen, wenn man sie wirklich braucht: Beispielsweise, wenn man im Hochgebirge unterwegs ist und die Creme de la Creme gar nicht gut genug sein kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das Wichtigste ist aber seinen eigenen Konsum zu hinterfragen. Meiner Meinung nach sollte man lieber einmal mehr in eine Regenjacke investieren, sie richtig pflegen und so lange benutzen, wie sie \u201etragbar\u201c ist. Man sollte es so vermeiden k\u00f6nnen, sich jedes Jahr eine neue Regenjacke kaufen zu m\u00fcssen, bei der die Hersteller vielleicht nicht so sehr auf eine umweltfreundliche Produktion achten. Normalerweise hat gebrauchte Kleidung einen kleineren Impact aufs Klima. Bei dem Kauf von gebrauchten Regenjacken, sollte man allerdings Vorsicht walten lassen, da man den Zustand der Membran zumeist nicht einsehen kann. Mit einer besch\u00e4digten Membran wird man nicht nur nass, sondern die Membran kann auch anfangen zu br\u00f6ckeln und wird damit direkt in die Umwelt bef\u00f6rdert.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Gore-Tex selbst unterteilt die riesige PFAS-Stoffgruppe in umweltsch\u00e4dlich und umweltunbedenklich, da das in Gore-Tex verwendete PTFE thermisch und chemisch so stabil ist, gelte es als Umwelt unbedenklich beim Endverbraucher. Ebenso solle die Herstellung so angepasst werden, dass keine \u00f6kologisch bedenklichen PFAS zur Synthese der PTFE Membranen Verwendung finden.[6] Sollte das PFAS-Verbot EU-weit beschlossen werden, wird Gore-Tex wahrscheinlich eine PFAS-freie Membran auf den Markt bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mir war es sehr wichtig aufzuzeigen, dass es die \u201echemiefreie\u201c komplett \u00f6kologisch unbedenkliche, wasserdichte, winddichte, atmungsaktive und \u00f6labweisende Regenjacke leider einfach (noch) <strong>nicht<\/strong> gibt. Deswegen sollten Regenjacken bzw. Membrankleidung immer mit Bedacht gekauft werden. Man kann aber je nach Nutzen der Jacke auf andere beispielsweise gewachste Alternativen ausweichen. Da wir auch in der Lage sein m\u00f6chten, Kund*innen f\u00fcr ihre Expedition auf den Everest auszustatten, werden wir auch weiterhin Jacken mit Gore-Tex bzw. PFAS f\u00fchren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Literaturverzeichnis:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">[1] https:\/\/www.bmuv.de\/faqs\/per-und-polyfluorierte-chemikalien-pfas, <strong>2023<\/strong>, zuletzt<br \/>\nbesucht am 29.08.2023.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">[2] Eintrag zu Polytetrafluorethylen in der GESTIS-Stoffdatenbank des IFA:<br \/>\nhttps:\/\/gestis.dguv.de\/data?name=531331, <strong>2023<\/strong>, zuletzt besucht am 29.08.2023.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">[3] Merchant Research &amp; Consulting, \u201cNorth America Ranks First in Worldwide Ethylene<br \/>\nDichloride (EDC) Market\u201d https:\/\/mcgroup.co.uk\/news\/20141121\/north-america-ranks-<br \/>\n+worldwide- ethylene-dichloride-edc-market.html, <strong>2023<\/strong>, zuletzt besucht am<br \/>\n29.08.2023.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">[4] L. Cotarca, C. Lange, K. Meurer, J. Pauluhn, Phosgene in Ullmann\u2019s Encyclopedia of<br \/>\nindustrial Chemistry, Wiley-VCH, Weinheim, <strong>2019<\/strong>.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">[5] https:\/\/www.umweltbundesamt.de\/sites\/default\/files\/medien\/2546\/publikationen\/<br \/>\nuba_sp_pfas_web_0.pdf, <strong>2023<\/strong>, zuletzt besucht am 29.08.2023.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">[6] https:\/\/www.gore-tex.com\/de\/nachhaltigkeit\/die-umwelt-schuetzen\/chemischenfussabdruck-<br \/>\nreduzieren, <strong>2023<\/strong>, zuletzt besucht am 29.08.2023.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"https:\/\/www.camp4.de\/blog\/produkte\/schadstoffe-in-outdoorbekleidung-pfc\/\">Hier zu unserem alten Blogpost \u00fcber Schadstoffe in Outdoorbekleidung<\/a><br \/>\n(Lesenswert, wenn auch nicht ganz auf dem Stand der Dinge!)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; PFAS bzw. PFCS waren wohl noch nie medial so pr\u00e4sent, wie jetzt. 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