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Testbericht: Valandre – Chill Out, 3 Größen, 3 Füllstärken

„Ziemlich dickes Ding“, dachte ich mir, als ich meinen Schlafsack für Norwegen einpackte und die Kompressionsriemen enger zog. Die Limittemperatur des Schlafsacks liegt bei -10,6 °C, nach Valandre-Messung sind es sogar -15 °C. „Viel zu warm“, dachte ich mir, aber zum Glück lassen sich Schlafsäcke auch prima als Decke nutzen und ich wollte den neuen „Chill-Out“-Schlafsack schließlich testen.

Mein Flieger startete zur Mittagszeit von Berlin nach Oslo. Von dort ging es mit dem Zug weiter in Richtung Trondheim. Gegen 1:00 Uhr nachts stieg ich aus dem Zug, bepackt mit knapp 28 kg Ausrüstung und bei -5 °C. Ursprünglich wollte ich noch ein paar Kilometer laufen und erst auf dem Campingplatz mein Zelt aufschlagen. Da ich aber schon im Zug kaum Schlaf gefunden hatte, lief ich lediglich zwei Kilometer, bis ich neben der Straße ein ruhiges Plätzchen mit Frischwasseranschluss entdeckte – ein Bach.

Der erste Morgen beim Zeltabbau. Zelt: Helsport Fjellheimen SL 2P

Zwei bis drei Wochen vor der Tour hatte ich begonnen, das Wetter zu beobachten. Würde ich wieder so ein traumhaftes Wetter wie 2015 bekommen? Je näher der Termin rückte, desto stärker fielen die Temperaturen. Mein Yeti 250 V.I.B.-Schlafsack sollte nicht zum Zuge kommen.

Es werde Licht.

Die Alternative war unser Testmodell von Valandre – der Chill Out 650. Er ist erheblich dicker, als ich es gewohnt bin. Valandre ist ein in Deutschland relativ unbekanntes Outdoorlabel und stammt aus Frankreich. Genauer gesagt liegt die Heimat in den französischen Pyrenäen, wo zugleich auch die Daunen produziert werden. Denn befüllt wird der Chill Out 650 mit Entendaune.

Daune - leicht, warm, natürlich Foto@pixabay CC0 Creative Commons

Daune ist das leichteste und wärmste Isolationsmaterial und wird vom Menschen seit Jahrhunderten genutzt. Trotz all der Fortschritte im Synthetikbereich ist dieses Naturmaterial weiterhin unschlagbar. Die Natur hatte schließlich auch ein paar Millionen Jahre mehr Zeit für die Entwicklung. Doch auch bei Daunen gibt es Qualitätsunterschiede. Gänsedaune ist der Entendaune überlegen, mit einer einzigen Ausnahme, der Daune der Eiderente. Dieser Vogel ist jedoch besonders geschützt und lebt in entfernten Regionen. Eiderdaune wird den Vögeln im Prinzip aus dem Netz gestohlen. Denn nur die zum Nestbau genutzten Daunen dürfen gesammelt werden.

Zuliefererbetrieb für Valandre - hier Gänse. Viel Platz für jedes Tier. ©Valandre

Mein „Chill Out 650“ ist mit 650 Gramm Entendaune befüllt, die 650+ cuin (EU Norm) aufweist. Der Schlafsack wiegt insgesamt 1,2 kg. Die Einheit cuin (cubic inches/Kubikzoll) beschreibt die Bauschkraft der Daune. Sie gibt an, wie weit sich die Daune, nachdem sie komprimiert wurde, wieder ausdehnt. Je höher der erreichte Wert, desto besser. Vereinfacht gesagt sind alle Qualitäten ab ca. 500 cuin für den Outdoorbereich geeignet. Daune mit 650+ cuin liegt im gehobenen Mittelfeld und wird von Valandre bei drei Chill-Out-Modellen verwendet. Die absoluten Top-Produkte nutzen gar Daune mit bis zu 900+ cuin. Da eine solch hohe Qualität nur von einem winzigen Teil der Daune erreicht wird, ist diese entsprechend teuer.

Besonders macht die 650+ cuin der Valandre Entendaune ihr Fettanteil. Jeder hat schon einmal Vögel dabei beobachtet, wie sie ihr Gefieder einfetten. Die Bürzeldrüse produziert ein fettiges Sekret, das mit dem Schnabel im Gefieder verteilt wird. Während viele Hersteller die Daune im Nachhinein imprägnieren, belässt Valandre die natürliche Fettschicht auf der Daune. Denn einen Nachteil hat Daune: In nassem Zustand verklumpt sie und verliert ihre isolierende Wirkung. Die Fettschicht schützt die Daune vor Feuchtigkeit. Als zusätzlichen Nässeschutz wird das Außen- und Innenmaterial, bestehend aus 100 % Polyamid und einem Nylon 6.6 Mikro-Ripstop-Gewebe, imprägniert. Je weniger Nässe an die Daune kommen kann, desto besser isoliert der Schlafsack.

Die Chill Out Serie - 850 (Orange), 650 (Violett) und 450 (Blau).

Mit einer Füllmenge von 650 Gramm Daune deckt der Chill Out 650 einen sehr großen Anwendungsbereich ab und eignet sich für Temperaturen von +10 °C bis -10 °C. Für mich persönlich ist das zu viel, aber meist bleibt mein Schlafsack offen und ich stopfe die Seiten ein wenig unter den Körper. Dadurch ergibt sich der Vorteil, dass ich mehr Platz habe und mich weniger eingeengt fühle. Als aktiver Bauchschläfer habe ich irgendwann diese „Technik“ für mich entdeckt. Da die Chill-Out-Serie schmaler geschnitten ist, solltest Du unbedingt im Laden probeliegen!

Peter vom CAMP4-Team ist mit der Passform sehr zufrieden:

„Der Schlafsack liegt gut an, ich hab es allerdings nicht als eng oder unangenehm empfunden. Der Wärmedämmkragen ist auch da, wo man ihn braucht.“

Er fügt noch hinzu:

„Das lustige Gimmick mit den zusammenklippbaren Tankas am Kragen funktioniert auch im Dunkeln im Halbschlaf. Das Packmaß des Schlafsacks im komprimierten Zustand ist echt super, schön klein für einen Three-Seasons-Schlafsack.“

Insbesondere für Berge ist das Außenmaterial besonders geeignet.

Der Komfortbereich des Chill Out 650 liegt nach EN13537 bei -4 °C. Der Komfortbereich ist für Frauen meist ein guter Richtwert beim Schlafsackkauf. Der Limitbereich liegt bei -10,6 °C und trifft tendenziell eher für Männer zu. Darüber hinaus gibt Valandre jedoch eine eigene Temperaturmessung an. Diese herstellereigene Empfehlung resultiert aus langen Produkttests und Feedback von Kunden. Für den Chill Out 650 gibt Valandre -15 °C an.  Kälteempfindliche Menschen sollten sich aber immer an der Komforttemperatur orientieren!

Schnee gab es natürlich auch immer mal am Tage und zwang mich ins Zelt.

Im Rondane-Nationalpark schneite es fast jede Nacht und oft auch den Tag über; die Temperaturen fielen oft auf -7 °C. Ich hatte ziemliches Pech und entschied nach vier Tagen, meinen Routenverlauf zu ändern. Meine Tageskilometer lagen kaum bei der Hälfte der anvisierten 25 km. In diesem Tempo war es vollkommen unmöglich, bis Lillehammer zu kommen.

Auf einigen Abschnitten reichte der Schnee bis an meine Oberschenkel und ich hatte weder Schneeschuhe noch Ski dabei. Es war ein sehr mühevoller Weg bis Rondvassbu. An einem Tag lief ich 8 h 30 min bei einer Ruhezeit von 23 Minuten. Der Weg war vereist und nass, der Gegenwind blies pausenlos und der viele Schnee bremste meine Schritte. Als ich in der Dunkelheit Rondvassbu erreichte, betrat ich die Hütte und war fertig mit dieser Tour.

Als ich entschieden hatte die Tour zu beenden, besserte sich das Wetter.

Ich entschied mich dafür, es hier zu beenden. Am nächsten Tag würde ich nach Otta laufen und von dort weiter nach Oslo. Mit einem leichten Abstieg aus dem Rondane kam ich in ein Gebiet, wie ich es mir gewünscht hätte. Es lag nun kein Schnee mehr, ideal für eine Herbsttour, nur leider war ich nicht mehr im Nationalpark. Als ich der Serpentinenstraße nach Otta folgte, konnte ich in einer Kurve hinüberblicken ins Dovrefjell. Dort erhob sich der Snøhetta, die höchste Erhebung im Dovrefjell, und funkelte im Sonnenlicht. Vor zwei Jahren hatte ich dort meine beste Herbsttour überhaupt. Auf dieser Tour hatte ich leider kein Glück.

Blick auf den Snøhetta im Dovrefjell.

Trotz der etwas unglücklichen Witterungsbedingungen war es doch recht gut, um den Chill Out zu testen. Wäre es wärmer gewesen, hätte ich diesen Schlafsack gar nicht mitgenommen. Der Chill Out 650 kam längst nicht an seine Grenzen. Obwohl die Nächte frisch waren, hielt der Schlafsack mich zuverlässig warm.

Ein hauch von Schnee kam die Nacht herunter.Fazit

Diese und weitere Testtouren haben unsere Entscheidung reifen lassen, die gesamte Chill-Out-Reihe ins Sortiment aufzunehmen. Ursprünglich ging es uns nur um die 650er Version. Valandre hat mit diesem Schlafsack ein klasse Produkt entwickelt, das sich an anspruchsvolle Anwender richtet, die sich nicht zwingend das absolute Spitzenmodell zulegen möchten. Daher bieten wir nun alle 3 Modelle an: 450, 650 und 850.

Ludger, CAMP4-Schlafsackexperte meint:

„Das ist ein technisch gut gemachter Schlafsack in diesem Preissegment.“

Das Nylon 6.6 Außengewebe ist sehr robust und eignet sich für das Biwakieren in den Bergen oder Trekking im Fjell. Die Kombination aus natürlicher, wasserabweisender, fettiger Daune plus Imprägnierung des Nylon-Gewebes ergibt ein verlässliches Ausrüstungsteil, das die wichtigste Regeneration des Körpers (neben dem Essen) unterstützt – einen guten Schlaf.

Kleines Manko

Der Packsack könnte meiner Meinung nach etwas besser verarbeitet sein. Die Riemen sind bei mir des Öfteren durch die Dreistege gerutscht. Dabei handelt es sich nur um eine Kleinigkeit, die ich aber nicht unterschlagen möchte.

Zahlen & Daten zum Chill Out
Chill Out 450 650 850
Komfortbereich in °C 1,8 -4 -10,6
Limit in °C -3,7 -10.6 -18,3
Valandre-Limit in °C -5 -15 -20
Füllmenge in Gramm 450 650 850
Gesamtgewicht in Gramm 869 1100 1350
Größen S/M/L S/M/L S/M/L

Außen- & Innenmaterial
  • 100% Polyamid
  • Nylon 6.6 Mikro-Rip-Stop-Gewebe
  • DWR behandelt
Kammersystem
  • 18 durchgehende Kammern nach Tubular-Technik
  • anatomisch vorgeschnitten (eher schlank/alpin fit)
Unser Testteam

Janice – Campingurlaub im Berliner Umland (Temperaturen bis 0 °C)
Peter – Elbsandsteingebirge, Deutschland (Temperaturen bis -2 °C)
Dennis – Trekkingtour im Rondane, Norwegen (Temperaturen bis -10 °C)