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Testbericht: Scarpa Ascent Pro

scarpaSchuhTestLeichte Bergschuhe oder schwere Lederstiefel? Andreas hat sich über diesen entscheidenden Unterschied von italienischen und deutschen Bergwanderern mal Gedanken gemacht und einen für die Deutschen untypischen Schuh getestet. Das Ergebnis gibt es hier:

In den Alpen habe ich das schon oft beobachtet: Schweizer und Italiener stapfen durch ihre Berge mit leichten Schuhen. Deutsche lieben ihre schweren Schuhe. Warum eigentlich? Warum braucht es diesen leichten Schuh? Und was ist anders?

Schaut man also den Bergsteigern und Bergwanderen aus der Schweiz oder Italien auf die Schuhe und im Vergleich dazu den Deutschen sieht man einen großen Unterschied: Wir Deutschen stapfen mit schweren Lederschuhen durch die Berge. Die Schweizer und Italiener hingegen laufen mit leichten Bergschuhchen. Getreu dem Motto die leichteste Gemse ist die schnellste.

Typisch deutsch

Mein Meindl Island wiegt in der Größe  48 ca. 1200 Gramm – pro Schuh. Dieses Gewicht muss ich zusätzlich 1000ende mal am Tag ca. 20-40 cm hochheben. Der Energiebedarf lässt sich leicht errechnen. Und da ich das halbe Jahrhundert schon lange voll gemacht habe, suchte ich Erleich- terung. Ich habe es schon mit flachen Approachschuhen versucht, doch diese haben ihre Grenzen. Flache Approachschuhe haben nämlich keinen Knöchelschutz und bei langen und steilen Passagen bergab rutsche ich unweigerlich nach vorn. Es fehlte der Schaft und deswegen der Tiefzug über dem Spann an den Schnürsenkeln.

Das Experiment

Dann fand ich den Ascent Pro von Scarpa. Allerdings war es gar nicht so leicht ihn in Größe 48 zu bekommen. Aber das ist eine andere Geschichte. Der Ascent Pro ist jedenfalls sogar bedingt für Steigeisen geeignet, und zu meinem Erstaunen geht das sogar mit Schnellspanneisen. Der Schuh ist wasserdicht dank GoreTex Membran und etwas Schaft ist auch vorhanden.

Eigentlicher Anstoß für den Kauf war der vierwöchige, autofreie Familienurlaub in Rumänien. Da wir dort auch in die Südkarpaten wollten, war mir klar, dass ich einen guten C Schuh brauchte. Allerdings würde ich diesen Schuh zu 66 Prozent im Rucksack spazieren tragen und das ist bei Schuhgröße 48 nicht lustig. Was soll ich sagen: Da stand er nun, der Scarpa – und ich hab schließlich den klassischen Scarpafuß. War ja klar, dass der passt. Mein erster Eindruck: Die Sohle ist ganz schön fest. Und los ging’s.

Das Testgelände

Getestet habe ich den Schuh auf einer mehrtägigen Wanderung in den Südkarpaten u.a. bei der Überschreitung des Hauptkammes vom Piatra Craiului, bei mehreren Wanderungen im Harz und bei einem Kletterwochenende in der Sächsischen Schweiz.

Testfeld 1: Piatra Craiului zu deutsch ist das der Nationalpark Königstein und zugleich ein beeindruckender aus Kalkstein bestehender Höhenzug. Als Familienpackesel musste ich einen überschweren Rucksack zur Curmatura Hütte hochschleppen. Ich brauchte also guten Halt und festen Sitz, auch mit dem schweren Rucksack.

Teilweise ging es durch nasses Buchenlaub ziemlich steil bergauf. Die Sohle hielt trotz etwas flach erscheinendem Profil alles aus. Für die Gratwanderung mit Klettereinlagen am Hauptkamm ist der Schuh gemacht, da liegen seine Stärken. Die Trittsicherheit ist dank der Climbing Rubber-Sohle unübertroffen. Und obwohl die Sohle noch neu und nicht angeraut ist, steht sie auch auf abgespecktem Kalk stabil.

Beim Abstieg kam nun der Härtetest: Ich fuhr in einer langen Schotterrinne bergab und war begeistert! Der Ascent Pro hat keinen richtigen Schaft und trotzdem ist der Knöchel voll geschützt. Um das herauszufinden, muss man den Schuh unbedingt anprobieren, das traut man ihm nämlich eigentlich nicht zu.

Testfeld 2: Eine Wanderung über die Hochebene Richtung Bucegi Gebirge. Es ist wirklich brutal heiß. Wir haben 30 Grad Celsius am Tag und meine Füße stecken in einem Gore Tex Schuh! Im letzten Jahr bin barfuß gelaufen, weil es in meinem Whistler (auch Scarpa) viel zu heiß war.

An dieser Stelle stellte ich mir eine skeptische Frage: Haben die da überhaupt eine wasserdichte Membran verbaut? Ich nutzte die nächste Rast an einem Bach, um mit meiner kleinen Großen eine Staudamm zu bauen und hockte eine Stunde lang im kühlen Wasser – mit Schuhen. Alles ist dicht.

Testfeld 3: Deutsches Mittelgebirge und der Wald vor der Haustür. Geht das etwa auch? Oder hat die doch harte C-D-Sohle zu wenig Dämpfung beim zügig ausschreitenden Wandern? Ich finde es ok. Die einzige Ausnahme: Auf langen Asphaltstrecken läuft sich ein weicher Schuh besser. Da patscht die Sohle beim Laufen ein bisschen. Dieses „Patschen“ kann man sogar beim Test im Laden spüren. Das liegt an der sehr geraden Sohle, die man für die Klettertauglichkeit so gebaut hat. Mich stört es nicht, denn gerade und feste Pflasterwege meide ich sowieso. :-)

Testfeld 4: In der Sächsische Schweiz kann man mit dem Ascent natürlich einfache Wege klettern, aber ein  Kletterschuh ist es eben nicht.

Testfeld 5: Jetzt kommt die Pseudohochtour mit Steigeisen. Ich habe in meinem Leben wirklich schon genug Steigeisen an den Füßen gehabt und weiß worauf ich achten muss. Also angeschnallt und rauf auf die künstliche Eiswand in meinem Garten. (Anm. d. Red.: Foto bitte nachreichen!!!)

Abschlußtest: Das Abrollverhalten ist für mich gut, auch wenn die Sohle auf den ersten Blick einen sehr harten Eindruck macht. Nun habe ich auch Schuhgröße 48 und bei diesen Hebelverhältnissen trete ich fast jeden Schuh durch. Ich nötigte unsere Schuhfachfrauen Janice und Berit mit ihren zarten Füßen und ihrem Fliegengewicht den Schuh für mich ebenfalls zu testen und speziell das Abrollverhalten zu beurteilen: „Also für flaches Land ist der Schuh wirklich nicht geeignet. Hier im Laden scheint er bretthart“, sagt Janice und zieht dabei die Mundewinkel herunter.

Kurz und Knapp:

  • Schnürung: Wirkt etwas futuristisch und funktioniert wie bei Kletterschuhen. Sitzt aber einmal angepasst sicher und fest. Deswegen auch kein Verrutschen bei steilen Abstiegen. Aber dadurch natürlich umständlicher beim An- und Ausziehen.
  • Sohle und Randschutz: Gummi ist schwer und deshalb die Sohle dünn und flach. Sie wird im scharfen Geröll nicht ewig halten, lässt sich aber leicht neu besohlen. Der Geröllschutzrand fehlt gewichtsbedingt an den Seiten. Also auch dort ist bei vielen Geröllabfahrten mit Verschleiß zu rechnen.
  • Wasserdicht und atmungsaktiv: Da ein sehr leichtes offenporiges Rauleder verwendet wurde, ist der Schuh für einen Goreschuh extrem luftig.
  • Gewicht: unschlagbar leicht
  • Verarbeitung: Gewohnte Scarpa Qualität made in Italy
  • Passform: Typische Kletterschuhpassform, daher sehr fußbetont und mit extra Platz für den großen Onkel zum Antreten. In der Ferse gewohnt schmal und guter Halt. Nix für breite Füße, halt ein Italiener.


Fazit
: Für mich der perfekter Schuh für Klettersteige und Hochtouren in den Ostalpen mit gelegentlicher Benutzung von Steigeisen. Perfekt auch als Zugstiegsschuh. Geeignet für einfache mehrseillängen Klettereien (4-5). Gleichzeitig kommt man sich aber nicht überausgerüstet vor, wenn es durch den bayerischen Wald, den Harz oder die märkischen Schweiz geht.

Trauriger Aspekt dabei, ich mag den Ascent Pro so gerne, dass es jetzt lange keinen Schuhtest mehr von mir geben wird.


Andreas Hille Mitbegründer von CAMP4, Ihr findet mich auch hier Google+

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